Übernehmen Bioreaktoren unsere Ernährung?

Übernehmen Bioreaktoren unsere Ernährung?

„Aussichten der Bioreaktornahrung – Ein Überblick von Manfred Linz“

Die industrielle Landwirtschaft gerät immer stärker unter Druck. Zunehmende ökologische Schäden, das Leiden der Nutztiere und die negative Klimabilanz sprechen immer stärker gegen den industriellen Weg. Nicht wenige Vordenker sagen deshalb biotechnologischen Verfahren, Bioreaktoren und Mikroorganismen eine große Zukunft voraus, insbesondere bei Milch und Fleisch, weil sie ohne ökologische Verwüstung und zu weit günstigeren Preisen die Welt ernähren könnten. Auf viele Flächen, die heute noch intensiv bearbeitet werden, könnten die Biotechnologien verzichten und damit die Klimagasbelastung der Lebensmittelproduktion erheblich verringern.

Doch wie tragfähig sind diese Botschaften?

Manfred Linz vom Institut für Welternährung hat in einer Literaturrecherche die Prognosen auf den Prüfstand gestellt und kommt zu einem ernüchternden Schluss. Bisher habe mit einer winzigen Ausnahme kein Produkt das Probestadium überwunden; alle Versprechen baldiger Marktfähigkeit blieben damit offen. Auch die große Verheißung, mit Bioreaktornahrung eine wachsende Weltbevölkerung gesund und preiswert zu ernähren, habe in den heute erkennbaren Realitäten keinen Anhalt. Das Narrativ, Bioreaktoren und Mikroorganismen könnten zu einer wesentlichen Stütze der Welternährung werden, diene gegenwärtig vor allem dem Zweck, Investoren von Risikokapital anzuziehen.

Die Ergebnisse der Studie können Sie unten stehend als PDF downloaden.

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„Future-Food“-Sommerakademie 2020 des IWE

„Future-Food“-Sommerakademie 2020 des IWE

„Bio oder Bioreaktor, Meer oder Land, Fabrik oder Feld, wie wird sich die Welt in Zukunft ernähren?“ das war das Thema unserer diesjährigen (virtuellen) IWE-Sommerakademie, zu der Prof. Thomas A. Vilgis vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung, Mainz den Einführungsvortrag gehalten hat. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, nach welchen Maßstäben wir die neuartigen Produkte, die auf den Markt drängen, bewerten sollten. Was macht ein Nahrungsmittel aus, das für uns Lebensmittel sein kann? Und was unterscheidet solche Lebensmittel von den hochverarbeiteten Produkten, mit denen die Ernährungsindustrie in Zukunft ihre Rendite erwirtschaften will?

Fleischersatz aus Zellkulturen?

Feststeht: Corona-Pandemie und Klimakrise setzen unser Ernährungssystem unter Stress, und wir erkennen klarer denn je, dass es diesem Stress nicht gewachsen ist. Wir als IWE haben uns in unserer Streitschrift festgelegt: „Nur eine ökologische Landwirtschaft kann 10 Milliarden Menschen ernähren“. Mittlerweile betreten aber weitere Akteure die Bühne und preisen neue Rohstoffquellen und Herstellungsverfahren für unsere Ernährung: Neben Algen, Insekten und Bakterien geht es beispielsweise auch um Züchtung von Zellkulturen als Fleischersatz.

Noch steht die Forschung am Anfang

Noch steht die Forschung ganz am Anfang. Doch das wirtschaftliche Interesse an der synthetischen Erzeugung von Nahrungsmitteln ist groß. Hinter den Kulissen und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, wird die Entwicklung deshalb mit Macht vorangetrieben. Wohin geht die Reise? Sind hochverarbeitete synthetisch erzeugte Lebensmittel ein probates Mittel im Kampf gegen den Hunger in der Welt? Prof. Dr. Thomas A. Vilgis bezweifelt das.

Lebensmittel sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile

Die zentrale These seines Vortrags: Lebensmittel sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Was ein Lebensmittel zur Lebensqualität beitragen kann, hängt davon ab, wie und ob es sich an unsere achttausend-jährige kulinarische Erfahrung anschließen kann, in der wir als Sammler, Jäger, Ackerbauer und Viehhalter, als Pflanzen- und Fleischesser unterwegs waren. Hochverarbeitete synthetisch erzeugte Nahrungsmittel besitzen diese Anschlussfähigkeit möglicherweise nicht. 

Hier geht’s zum kompletten Vortrag von Prof. Thomas A. Vilgis mit einer Einführung von IWE-Vorstand Wilfried Bommert:

IWE„Future-Food“-Sommerakademie 2020 des IWE
Biodiversität & Corona

Biodiversität & Corona

Ein Beitrag von IWE-Mitglied Marie-Luise Dörffel

Wussten Sie schon… dass globale Gesundheitsrisiken wachsen, wenn Tropenwälder abgeholzt werden?

Ein Zusammenhang, der auf den ersten Blick verblüfft: Wie schützen Wälder vor neuen Krankheiten, neuen Pandemien?

Waldrodungen zerstören das Gleichgewicht in der Natur und Krankheiten von Tieren, sogenannte Zoonosen, können leichter von Tieren auf Menschen überspringen. Malariaausbrüche in Brasilien stehen beispielsweise im direkten Zusammenhang mit Waldrodungen und der WWF warnt, dass eine Pandemie wie Covid-19 nur ein Vorgeschmack auf Kommendes sein könnte.

Wie das UN-Umweltprogramm (UNEP) und das International Livestock Research Institute (ILRI) so zeigt auch der WWF in seiner neusten Studie, dass fortschreitender Umweltraubbau das Gleichgewicht der Natur zerstört und sich Krankheiten erfolgreich ausbreiten werden. Je mehr der Mensch natürliche Lebensräume und Räuber-Beute-Zusammenhänge vernichtet, desto mehr werden Tiere versuchen, sich neue Lebensräume zu erschließen. Und umso größer werden die Chancen, dass Krankheiten von Tieren auf Menschen überspringen können und sich Viren und Bakterien entsprechend ihres neuen Wirtes auch verändern.

Als Beispiel führt der WWF unter anderem Afrika an. Dort reduzierte sich durch den Bau von Staudämmen die Zahl der wandernden Süßwassershrimps dramatisch. In der Folge vermehrte sich eine bestimmte Schneckenart, die üblicherweise zur Beute der Shrimps gehörte. Diese Schnecken wiederum sind Zwischenwirt für den Bilharziose-Erreger, der sich seinerseits gut entwickeln konnte, was bei den Menschen zu einer Zunahme an Krankheitsfällen führte.

An diesem, sowie an vielen anderen Beispielen wird deutlich: Die Gesundheit des Menschen steht in direkter Abhängigkeit zu einer intakten Natur. Erkenntnisse aus dieser sowie aus anderen Studien sollten zukünftig die Entscheidungen beeinflussen, wenn es z.B. um die weitere Ausdehnung von Anbauflächen, z. B. für Soja oder Weizen in Brasilien und anderen Ländern geht.

Das Hintergrundpapier „Umweltzerstörung und Gesundheit“ des WWF können Sie hier als PFD herunterladen.

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Offener Brief an Ministerin Klöckner

Offener Brief an Ministerin Klöckner

Corona-Pandemie und Klimakrise zeigen uns, dass es mit der Sicherheit unser Ernährung nicht weit her ist. Die globale Transportkette der „Just-in-Time“ Lieferungen stockt, weil Corona die Grenzen schließt, die Lastwagen keine Fahrer mehr haben und das Heer der Arbeitssklaven auf den Feldern und an den Schlachtbänder ausfällt. Hinzu kommt: Das warten auf Regen, auch 2020 hat es kein Ende und die Ernte ist alles andere als sicher. 

Die Welt braucht eine neue Landwirtschafts- und Ernährungspolitik. Die Bundesregierung  könnte hierbei vorangehen, das fordert ein Bündnis der deutschen Zivilgesellschaft in ihrem offenen Brief an die Ministerin Julia Klöckner. Sie sollte die deutsche Präsidentschaft im Europäischen Rat dafür nutzen. Es geht darum jetzt ein Zeichen zusetzen und Corona als Chance zu begreifen.

Hier der offene Brief im Wortlaut:

Berlin, 7.5.2020

Sehr geehrte Frau Ministerin Klöckner,

wir schreiben Ihnen, weil nach unserer Einsicht die Sicherheit unserer eigenen wie der weltweiten Ernährung bedroht ist und dringend politisches Handeln erfordert. Unsere Landwirtschaft durchlebt mit diesem Jahr das dritte Krisenjahr in Folge. 2018 und 2019 haben Wetterextreme gezeigt, wie verletzlich unser Ernährungssystem ist. 2020 führt uns die Corona-Pandemie vor Augen, wie abhängig unsere Ernten vom Arbeitsimport aus Niedriglohnländern sind.

Extreme und Unsicherheiten werden weiter wachsen und damit die Risiken für die Ernährungssicherheit. Der massive Artenschwund in Feld und Flur, der Verlust an Bodenfrucht und Wasserqualität, die Zunahme an Resistenzen gegen Agrarchemie und Tiermedizin und die Proteste der Bauern gegen eine ruinöse Preispolitik verlangen eine Neuausrichtung der Agrarpolitik. Die Zunahme an Adipositas und die ungebrochene Wegwerfmentalität bei Lebensmitteln erfordert eine neue Ernährungspolitik.

Die Resilienz unseres Ernährungssystems entscheidet über Hunger und satt sein. In seinem gegenwärtigen Zustand ist es den kommenden Herausforderungen nicht gewachsen. Ebenso wie die Gesundheitsvorsorge ist die Sicherheit unserer Ernährung systemrelevant. Diese Systemrelevanz sollte uns jetzt veranlassen, massiv in die Widerstandskraft unserer Land- und Ernährungswirtschaft zu investieren. In diesem Sinne muss die abschließende Diskussion über die zukünftige Gestaltung der Europäischen Subventionen unter deutscher Präsidentschaft geführt werden. Mit diesem Ziel sollten auch die bereits bestehenden Initiativen von Bürgern und Bauern in Ernährungsräten und Projekten der Solidarischen Landwirtschaft, die heute schon regionale Ernährungskonzepte entwickeln, verstärkt unterstützt werden. Deshalb plädieren wir für die Errichtung eines starken Bundesprogramms „Nachhaltige regionale Ernährungskreisläufe“.

Wir brauchen eine Land- und Ernährungswirtschaft, die regionaler, vielfältiger, ökologischer und fairer wirtschaftet. Die Pandemie fordert uns dringend auf, unsere Agrar- und Ernährungswirtschaft nachhaltiger und krisensicher umzubauen. Der von der Zivilgesellschaft geforderte neue Gesellschaftsvertrag für eine zukunftsfähige Lebensmittelversorgung muss jetzt konkret gemacht und vor Ort umgesetzen werden.

Wir, die Unterzeichner, erklären uns bereit daran mitzuwirken.

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V.

IWE –Institut für WelternährungWorld Food Institute e.V.

Naturfreunde Deutschland e.V. – Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur

Slow Food Deutschland e.V.

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Corona in den Schlachthöfen Deutsche Fleischindustrie – Brutstätten der Pandemie

Corona in den Schlachthöfen Deutsche Fleischindustrie – Brutstätten der Pandemie

Kommentar von Wilfried Bommert

Na sowas! Corona in deutschen Schlachthöfen. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sind die ersten schon aufgeflogen. Weitere werden folgen. Alles nur eine Frage der Kontrollen, und die sind gerade erst angelaufen. Die Hochburgen der deutschen Fleischindustrie als Brutstätten der Pandemie! Wer genauer hingeschaut hätte, hätte es wissen können. Aber die Verantwortlichen übertrafen sich im Wegschauen, Vertuschen, Ignorieren und Weitermachen. Nun bekommen wir die Quittung!

Unser Fleischindustrie ist krank, und nun macht sie auch krank. Das wussten wir schon lange. Wer erinnert sich nicht an die Bilder aus überfüllten Wohnheimen, in die die Sklaven der Fließbänder eingesperrt werden von einer Schicht zur nächsten. Staatsanwälte füllten Aktenschänke mit entsprechenden Anzeigen. Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrecht gehörten zum Geschäftsmodell der Fleischbarone. Selbst Klagen europäischer Mitbewerber gegen dieses Sozial- und Lohndumping blieben ohne Resonanz. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, das war das Mantra der Branche. Warum? Deutsches Fleisch soll billig bleiben, für die sommerlichen Grillorgien hierzulande und konkurrenzfähig für den Weg auf dem Weltmarkt.

Export gehört zum hohen Lied der Fleischwirtschaft. Mehr als die Hälfte der deutschen Schweine landen auf der internationalen Schlachtplatte. Darauf ist unser Bauerverband stolz und alle, die diese Fleischwirtschaft ermöglichen bis hinauf in die obersten Reihen der Politik. Erkauft zu welchem Preis? Verstöße gegen Menschenwürde und Tierwohl, und nun auch noch Corona.

Allerdings – als Konsumenten müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Mit unserer Grillmoral, unserem Hang zu den ach so preiswerten Bratwürsten und Nackensteaks unterstützen wir diese Arbeitsverhältnisse. Billigfleisch braucht Billiglohn, darin liegt unsere eigene Verstrickung mit der Pandemie, die nun an den Schlachtbändern der Fleischindustrie wütet.

Und jetzt? Zeit der Besinnung auf grundsätzliche Fragen! Wollen wir eine solche Fleischindustrie, der für ihre Gewinne offenbar kein Risiko zu hoch ist? Auch nicht das von Menschenleben? Nein – das wollen wir nicht! Es wäre ein Hohn, wenn Politiker jetzt die Formel von der Systemrelevanz aus der Tasche ziehen und dieser Fleischindustrie mit Steuermilliarden aus der Patsche helfen. Was wir brauchen ist ein Neubeginn für den gesamten Sektor: eine Landwirtschaft, die ohne Mastfabriken, Großschlachthöfe und Lohnsklaven für unsere Ernährung sorgt.

Ja, das würde teurer werden. Menschenwürde, Tierwohl und nicht zuletzt unsere Gesundheit haben eben ihren Preis. Aber das sollte es uns auch wert sein!

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Ökolandbau in der Himalaya-Region: Sikkim voran – die anderen folgen?

Ökolandbau in der Himalaya-Region: Sikkim voran – die anderen folgen?

Ein Beitrag von IWE-Mitglied Alexandra Kandzi

100% Ökolandbau – das hat sich der kleine indische Bundesstaat Sikkim auf die Fahnen geschrieben. Damit ist er zum weltweiten Vorbild, besonders aber zum Vorreiter in der Himalaya-Region geworden. In dieser ökologisch vielfältigen und gleichzeitig sehr empfindlichen Gegend sind damit auch die indischen Nachbarstaaten wie Nagaland, Uttarakhand, Mizoram oder auch die Länder wie Bhutan oder Nepal gefordert. Und erfreulicherweise tut sich hier einiges, wenn es darum geht, den Ökolandbau zu fördern. Dies ist eines der Ergebnisse der Studie „Mainstreaming von ökologischem Landbau und Agrarökologie im Himalaya“, an der u.a. das World Future Council und die deutsche Schweisfurth-Stiftung mitgearbeitet hat.

Modellprojekte, die an die bergigen Standorte angepasst sind, die Förderung von Betriebsmitteln sowie die Weiterbildung von Subsistenz-Bauern sind dabei wichtige Maßnahmen. Besonders erfolgreich ist die Entwicklung des Ökolandbaus in der Himalaya-Region dann, wenn auch die Zusatznutzen dieser schonenden Anbau-Form gesehen und berücksichtigt werden: Sanfter Tourismus als zusätzliche Einnahmequelle sowie Natur-, Gewässer- und Klimaschutz zur Wahrung der Ressourcen.

Besonders letztere haben eine große Bedeutung. Beherbergt die Himalaya-Region doch wertvolle Öko-Systeme, die sich durch eine außergewöhnliche Biodiversität auszeichnen. Außerdem hängt die Wasserversorgung von 1,3 Milliarden Menschen, die im Einzugsgebiet der Bergregion leben, direkt von den Reserven der gigantischen Berggegend ab. Und der Klimawandel verändert und erschwert die Lebensmittelproduktion auf ohnehin nicht einfach zu bewirtschaftenden Flächen.

Das alles haben auch die politischen Entscheider vor Ort in den vergangenen zehn Jahren nicht nur mehr und mehr erkannt, sondern auch motiviert umzusteuern. Während Sikkim den Weg am konsequentesten gegangen ist, sind die anderen Anrainer dabei, Programme und Gesetze zu installieren, die die nachhaltige Landwirtschaft zunehmend implementieren. In vielen Gegenden sind die Voraussetzungen gut für den Bio- Landbau, da die moderne konventionelle Landwirtschaft, die u.a. auf große Flächen und Maschinen setzt, nur schlecht Fuß fassen konnte. Trotzdem müssen Bauern für die Transformation zusätzlich geschult, gefördert und allen voran die regionalen und lokalen Märkte weiterentwickelt werden.

Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung. Studie: „Mainstreaming von ökologischem Landbau und Agrarökologie im Himalaya

Auch wenn dies in manchen Gegenden noch ein weiter Weg ist, kann am Ende die gesamte Gegend von einer nachhaltigen zukunftsfähigen Landwirtschaft profitieren. Die im Himalaya gesammelten Erkenntnisse und Erfahrungen sind außerdem kostbar für viele Menschen rund um den Globus. Schließlich leben zirka 13% der Weltbevölkerung in Gebirgen und ungefähr die Hälfte der Menschheit hängt direkt von Gebirgsressourcen, vor allem Wasser, ab. Und nicht zuletzt 25% der terrestrischen Biodiversität hat in den Bergen ihre Heimat.

Ökolandbau, der an die Gegebenheiten in Gebirgen angepasst ist, kann damit nicht nur eine resiliente Möglichkeit sein, Lebensmittel zu produzieren, sondern gleichzeitig auch die Möglichkeit bieten, Klima- und Artenschutz in den empfindlichsten Regionen dieser Erde zu betreiben. Der Anfang dafür ist gemacht.

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Dossier: Kirchenland in (Bio-)Bauernhand?

Dossier: Kirchenland in (Bio-)Bauernhand?

Nach welchen Kriterien verpachtet die Kirche ihr Land?
von Karin Vorländer

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gehört mit geschätzten 300.000 Hektar zu den größten Landeigentümern Deutschlands. Der römisch-katholischen Kirche gehören etwa 200.000 Hektar Acker- und Grünland und Wald. Gemeinsam besitzen die beiden Kirchen etwa 3 Prozent der aktuell 16,5 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche in Deutschland größtenteils in den neuen Bundesländern. Das ist eine Größe, die durchaus relevant ist, wenn es um die Frage geht, wie und von wem dieses Land bewirtschaftet wird. Angesichts von zurückgehender Bodenfruchtbarkeit, dramatisch abnehmender Artenvielfalt und immer deutlich werdendem Klimawandel fällt es durchaus ins Gewicht, ob und von wem Kirchenland ökologisch nachhaltig, konventionell oder im Rahmen industrieller Landwirtschaft bearbeitet wird.

Den allergrößten Teil ihres Landes verpachten die Kirchen in den „alten Bundesländern“ zur landwirtschaftlichen Nutzung an Landwirte, deren Familie das kirchliche Pachtland nicht selten schon seit Generationen bewirtschaften. Ausgelaufene Pachtverträge wurden bislang meist mehr oder weniger automatisch verlängert.

Innerkirchlich und in der Gesellschaft mehren sich Stimmen, die von der Kirche eine Vorreiterrolle erwarten, wenn es um die Förderung biologischen Landbaus und die Wertschätzung des Bodens geht. Die Verpflichtung zur Bewahrung der Schöpfung ist in der Kirche, evangelisch und katholisch gleichermaßen, schon seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema, das auch für den Umgang mit kircheneigenen Flächen in etlichen Denkschriften und Programmen zum Naturschutz zunehmend relevant wird.

Das Dossier „Kirchenland in (Bio-)Bauernhand?“ von Karin Vorländer können Sie hier herunterladen.

IWEDossier: Kirchenland in (Bio-)Bauernhand?
Interview: Erstmals gemeinwohlorientierte Vergabekriterien von öffentlichem Land

Interview: Erstmals gemeinwohlorientierte Vergabekriterien von öffentlichem Land

Greifswald. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland ist Pachtland im Besitz von Kirchen, Kommunen, Städten und Bundesländern. Nach welchen Kriterien wird dieses Pachtland eigentlich vergeben? Wie kann der Umgang mit öffentlichem Land in Zukunft umweltgerecht und enkeltauglich gestaltet werden?

Verbreitet ist bislang die unhinterfragte Verlängerung bestehender Pachtverträge – unabhängig davon wie umwelt- und klimagerecht diese Flächen bewirtschaftet werden. In Greifswald hat es das zivilgesellschaftliches Bündnis „Unser Land schafft Wandel“ erstmals geschafft, neue Kriterien für die Vergabe von Pachtland durchzusetzen, das der Hansestadt Greifswald gehört. Im Gespräch mit Karin Vorländer vom IWE erläutert Björn Pasemann, Mitinitiator des Aktionsbündnisses, die Anliegen des Greifswalder Leuchtturmprojektes.

Das Aktionsbündnis „Unser Land schafft Wandel“ hat im November 2019 im Stadtparlament von Greifswald die Neuausrichtung der Vergabe der insgesamt 4700 Hektar landwirtschaftlichen Pachtlandes in Kommunalbesitz durchgesetzt. Wie kam es dazu?

Maßgeblich initiiert wurde das Aktionsbündnis von der Finc Foundation, einer privaten lokalen Naturschutzorganisation aus Greifswald, die auch international tätig ist. Im Frühjahr 2019 schlossen sich Bürgerinnen und Bürger Greifswalds und verschiedene Umweltgruppen zusammen, wie etwa Nabu, Greenpeace, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, das Bündnis Junge Landwirtschaft, Fridays for Future und Climate Justice, alles Gruppen, die in Greifswald aktiv sind. Aber es musste eine Organisation geben, die die Situation aufs Tapet brachte und die Möglichkeiten aufzeigte, die wir in Greifswald haben. Das war in diesem Fall Finc, zu der ich gehöre.

Wie ist das Thema einer gemeinwohlorientierten Vergabepraxis von Pachtland in den Fokus gekommen?

Uns treibt das Thema schon länger um. Wir beobachten negative Auswirkungen auf die Biodiversität rund um Greifswald, die hinlänglich nachgewiesen sind. Wir sehen ausgeräumte Landschaften, riesige Ackerschläge ohne dass da Hecken oder Bäume vorhanden sind, viel Pestizid-Einsatz und das Verschwinden vormals typischer Tiere und Pflanzenarten. Der Greifswalder Fluss Ryck lädt auch nicht gerade zum Baden ein.

Es wurde bekannt, dass die Stadt und die Universität Greifswald Land besitzen. Wir wollten, dass die Eigentümer öffentlichen Landes ihrer Verantwortung gerecht werden. Es sollte anerkannt werden, dass öffentliches Land das Land aller Bürgerinnen und Bürger ist. Das heißt, es geht dabei um das Landeigentum der Städte und Gemeinden, aber auch der Bundesländer. Wir wollen, dass dieses öffentliche Land im Sinne des Gemeinwohls und zukünftiger Generationen bewirtschaftet wird. Dazu gehört dann auch, dass die gesamte Vielfalt der Ökosystemleistungen erhalten bleiben soll und dass auch lokal anerkannt wird, dass die Landnutzung innerhalb planetarer Grenzen stattfindet.

Wer hat bislang das Land bearbeitet und genutzt?

Da gibt es verschiedene landwirtschaftliche Betriebe von bäuerlich kleinen, konventionellen Betrieben bis zu industriellen 3000 Hektar großen Betrieben, die dann teilweise auf städtischen Flächen wirtschaften. Nur 8,5 Prozent der städtischen Flächen werden bisher ökologisch bewirtschaftet.

Welche konkreten Forderungen zur Landvergabe hat das Bündnis aufgestellt?

Wir wollen, dass die öffentlichen Landeigentümer ihrer Verantwortung nachkommen. Die Landschaft sollte all ihre Funktionen erfüllen und nicht nur den höchstmöglichen Ertrag bringen. Einerseits soll Land der Produktion hochwertiger Nahrung dienen. Es soll andererseits Lebensraum für Menschen und Habitat für Tiere und Pflanzen sein. Gerade öffentliche Flächen sollten nicht nur dazu dienen, möglichst große Pachteinnahmen zu generieren. Über die Pachtpreise soll auch reguliert werden können, dass Landwirte eine Chance haben, naturverträglich und auskömmlich zu wirtschaften. Ganz konkret gefordert haben wir, dass die Landvergabe reformiert wird. Wir haben die Einführung von ökologischen und sozialen Kriterien bei der Landvergabe gefordert, dass über diese Landvergabe gewährleistet wird, dass die Betriebe zum Zuge kommen, deren Wirtschaftskonzept einen besonderen Mehrwert für die Gesellschaft bringt. Wichtig war uns, dass die übliche intransparente Praxis der uneingeschränkten Weiterverpachtung beendet wird. Nach Ablauf eines 12-jährigen Pachtvertrages sollen die Flächen neu ausgeschrieben werden und Pachtinteressenten können sich darauf bewerben. Dazu werden dann die neuen Kriterien abgefragt.

Was bringt denn nach den neuen Kriterien Punkte bei der Landvergabe?

In dem neuen, klaren Kriterienkatalog wird eine auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausgerichtete Bewirtschaftungsweise berücksichtigt. Es gibt Punkte für Ökolandbau und Betriebe, die Biodiversitätsmaßnahmen umsetzen, wenn etwa mindestens auf zehn Prozent der Flächen Blühstreifen, Brachen, Gewässerschutzstreifen, extensive Weiden oder Lerchenfenster angelegt werden. Es gibt einen ganzen Katalog von Naturschutzmaßnahmen, die zusätzlich für die Flächen festgelegt werden sollen. Es wird nicht mehr nach Höhe der Pacht, sondern nach Konzept entschieden. Darunter fällt dann auch, dass Junglandwirte und Existenzgründer bevorzugt werden sollen. Auch innovative Konzepte, wie solidarische Landwirtschaft, werden unterstützt. Ausschlusskriterium ist der Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen und Massentierhaltung. Der Bewerber muss im Pachtgebiet ortsansässig sein.

Gibt es ein Vorbild für Ihren Kriterienkatalog?

Wir waren im Gespräch mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und haben auch auf die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland geschaut, die ein Punktesystem hat, welches für uns aber nicht ausreichend war, weil dort Biodiversität und Ökologie nicht genügend ins Gewicht fallen Aber an deren grundsätzlichen Vorgehensweise haben wir uns orientiert.

Gab es Widerstände ?

Veränderungen sind häufig anstrengend. Die zuständigen Stellen in der Stadtverwaltung waren anfangs nicht gerade begeistert. Wir wissen bis heute immer noch nicht, wo genau die stadteigenen Pachtflächen liegen. Einige der großen industriellen Agrarbetriebe haben im Vorfeld stark gegen die Vorschläge mobilisiert und konnten den konservativen Block im Stadtparlament für den Erhalt des Status quo gewinnen. Da wurden Briefe geschrieben, Lobbyarbeit gemacht, Einzelgespräche geführt. Da geht es um Besitzstandswahrung und darum, eine Veränderung bei der Landvergabe zu verhindern.

Wir dagegen haben versucht, dass die Bevölkerung von der Thematik was mitbekommt. Wir haben Infostände gemacht, wir haben eine Petition gestartet, um die Dringlichkeit zu verdeutlichen und die Bevölkerung zu sensibilisieren.

Wie bleiben Sie mit denen im Gespräch, die weiter ablehnend sind? Die Abstimmung in der Bürgerschaft war ja mit 24 zu 16 Stimmen durchaus knapp.

Wir sind grundsätzlich dialogbereit. Allerdings muss in der Landwirtschaft ein Wille zur Veränderung erkennbar sein; als Grundlage, dass in der Fläche wirklich etwas passiert. Es muss anerkannt werden, dass es bei der bisherigen Bewirtschaftungspraxis Probleme gibt, aber das wird ja momentan leider häufig noch geleugnet.

Zielt ihre Initiative auf zertifizierten Öko-Anbau oder ist in Ihren Augen auch eine konventionelle Landwirtschaft akzeptabel, die womöglich nachhaltiger und ökologischer als bisher arbeitet?

Das ist eine spannende Diskussion. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir unbedingt mehr Ökolandbau in der Fläche brauchen. Es sind ja in der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 20 Prozent bis 2030 angestrebt. Das ist eine Zielmarke, aber das ist durchaus zu wenig.
Konventionelle Landwirtschaft, bei der viele Naturschutzmaßnahmen umgesetzt werden, kann aber durchaus hilfreich sein: Kleinere Schläge, Hecken, Randstreifen. Es muss nicht alles öko sein. Aber wir brauchen grundsätzlich einen Paradigmenwechsel. Wir müssen weg davon, dass der Ökolandbau als eine Art Premiumlandwirtschaft wahrgenommen wird. Wir müssen dahin kommen, dass eine naturverträgliche, enkeltaugliche Landwirtschaft der Standard ist.

Auch die Universität Greifswald und die Kirche sind Landbesitzer. Haben Sie sich auch an die gleichermaßen gewandt?

Wir haben uns zunächst auf die Stadt konzentriert, weil dort am offensichtlichsten wird, dass es sich um das Land der Bürgerinnen und Bürger handelt. Nichtsdestotrotz sind wir auch im Gespräch mit der Kirche und auch in der Universität ist ein Prozess angestoßen worden, der von den Studierenden ausgeht. Die Vollversammlung und der Asta haben sich dafür ausgesprochen, dass dort ein ähnlicher Prozess stattfinden muss.

Öffentliches Land gibt es nicht nur in Greifswald. Wie also weiter?

Ich ermutige dazu, in allen Städten nachzuhaken und beim Liegenschaftsamt nachzuforschen, ob und wie viele Flächen in öffentlicher Hand sind. Es wäre nötig, im Bundestag eine kleine Anfrage zu starten, um wirklich einen Überblick zu bekommen. Es geht ja nicht nur um die kommunalen Flächen, es geht ja auch um die Landesflächen. Brandenburg beispielsweise hat 30.000 ha landwirtschaftliche Flächen im Eigentum und die Frage ist, wie soll in Zukunft mit diesen Flächen umgegangen werden. Das muss stärker diskutiert werden. Wir wollen auch andere Gruppen inspirieren lokal aktiv zu werden und vor Ort Druck zu machen. Das gehört auf die Agenda, zu schauen, wie wird mit öffentlichen Flächen umgegangen. Wir haben sehr positive Rückmeldungen bekommen.

IWEInterview: Erstmals gemeinwohlorientierte Vergabekriterien von öffentlichem Land
Landwirtschaft am Scheideweg

Landwirtschaft am Scheideweg

Der Artikel von IWE-Vorstand Wilfried Bommert erschien in der Zeitschrift Ökologie & Landbau.

Auf dem Weg zu einer Ökologisierung des Agrar- und Ernährungssystems gibt es einige Hemmnisse. Diese sind oft in überkommenen Strukturen begründet. Kann ein Systemwechsel also überhaupt gelingen? Für Wilfried Bommert kommt es auf die kritische Masse an, damit die Vision „100% Bio“ Realität wird.

Hat Bio das Potenzial, die Welt zu ernähren? Un­möglich, urteilt die Allianz der industriellen In­tensivlandwirtschaft. Dagegen sprächen allein schon die Erträge, bei einem Minus von 25 Prozent könne der Hunger der zukünftig zehn oder zwölf Milliarden Erdbewoh­ner nicht gestillt werden. Dabei wird stillschweigend übergan­gen, dass das Potenzial des ökologischen Wegs bisher kaum ausgeschöpft ist. Die Vielfalt an ökologischen Systemen der weltweiten Landwirtschaft ist groß, weit größer als die Flä­chen, die nach den Kriterien der Bioanbauverbände zerti­fiziert und bewirtschaftet werden. Und die Produktivität hält jedem Vergleich stand, wenn man nicht nur Hektarerträge, sondern auch Gewinne an Bodenfruchtbarkeit, Wasserhalte­vermögen, Artenvielfalt, Pestizidfreiheit und Resilienz gegenüber Klimaextremen, also die gesamten Ökosystemleistun­gen, berücksichtigt.

Potenzial zur Ernährung der Welt

Eines der bedeutendsten agrarökologischen Systeme findet sich im Reisanbau. Es setzt auf Extensivierung und bringt dennoch mehr Ertrag hervor. Obwohl es ein extensives Sys­tem ist, erhielt es irreführender Weise den Namen „System of Rice Intensification“. Es verzichtet auf synthetischen Stickstoff und Pestizide, verbessert den Boden, verbraucht nur die Hälf­te des sonst üblichen Wassers und trägt zur Entlastung des Klimas bei, indem es die Nassphase des Reisanbaus, in der Methan entsteht, weitgehend ausfallen lässt. Sein Erfolg be­ruht auf der Erweiterung der Pflanzabstände der Reispflan­zen, die so mehr Wurzelraum erhalten und mehr Triebe bilden können. Auf diese Weise erhöht sich der Ertrag pro Hektar im Schnitt von zwei auf acht Tonnen (Uphoff, 2014). Mittlerweile haben rund fünf Millionen Bauern in über 50 Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika das System übernommen. In China und Indien wird es offiziell von den Behörden gefördert.

Megastädte, die sich ökologisch (selbst) versorgen

Eine besondere Herausforderung für die Zukunft stellen die schnell wachsenden Megastädte dar, wie sie in Afrika, Asien und Lateinamerika entstehen. Wie können sie versorgt wer­den? Südamerika, wo die Städtebildung am weitesten fortge­schritten ist, zeigt mögliche Wege. In der Stadt Rosario in Argentinien schuf die Stadtregierung ein Programm zur Un­terstützung landloser Landarbeiter, die aus dem Hinterland verdrängt wurden, und armer Städter. Sie sollten ihr eigenes Gemüse auf Brachland in der Stadt anbauen, um sich selbst zu versorgen. Die Initiative wurde unter dem Namen „Pro­ grama de Agricultura Urbana (PAU)“ bekannt. Sie führte zu einem Boom städtischer Landwirtschaft, aus dem neue lokale Märkte und Verarbeitungsbetriebe entstanden, die heute ihr Geld damit verdienen, dass sie organisch angebautes Obst und Gemüse, aber auch verarbeitete Produkte an die wohl­habendere Stadtbevölkerung verkaufen. In Brasilien stellte das Zero­Hunger­Programm die Kleinbauern in städtischen Zentren in den Mittelpunkt. Ziel war es, ökologische und da­mit preisgünstige Produkte zu fördern und mit ihnen die ärmere Bevölkerung der Großstädte zu versorgen. Heute wirtschaften 4,3 Millionen brasilianische Kleinbauern nach ökologischen Prinzipien in den großen Städten des Lan­ des und in ihrem Umkreis.

Auf Kuba zeigt das Beispiel Ha­vannas, wie eine Stadt ihre Selbstversorgung steigern kann. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste Kuba eine neue Basis für die eigene Ernährung entwickeln. So wur­den die Brachflächen und Grünanlagen der Städte zu Gärten mit ökologischer Bewirtschaftung, die bei Gemüse mehr als die Hälfte des Bedarfs decken (Koont, 2011). Die hier vorgestellten Beispiele bilden noch keine abgesicherte Strategie zur Versorgung der zukünftigen Megastädte. Sie zeigen jedoch, dass die Zivilgesellschaft weltweit schon heute über eine große Spannbreite erfolgreicher ökologischer Syste­me verfügt. Sie bilden die kritische Masse, mit der ein System­wechsel in ökologischer Vielfalt gestaltet werden kann. Dies auch, weil eine intensivierte Bioforschung und -­praxis noch erhebliche Steigerungen der Erträge erwarten lassen – und das nicht nur in den Entwicklungsländern.

Woran eine zügige Umsetzung zu mehr Bio scheitert

In den Industrieländern und so auch in Deutschland ist die ökologische Agrarforschung ein Stiefkind der Forschungs­förderung. Hier liegt ihr Anteil am gesamten landwirtschaft­lichen Forschungsetat des Bundes bei sechs Prozent. Das wa­ren 2017 rund 278 Millionen Euro. Der geringe Stellenwert des Ökolandbaus im Bereich Forschung spiegelt das geringe politische Interesse wider. Das wird sich grundlegend ändern müssen. Die Zuweisung staatlicher Forschungsmittel muss drastisch steigen, bis 2030 mindestens auf 20 Prozent, um ei­ner flächendeckenden Biolandwirtschaft das notwendige Fundament zu geben.

Einer zügigen und flächendeckenden Ökologisierung steht in Deutschland ein Leitbild der Ernährungspolitik entgegen, das in den 1950er­Jahren geprägt wurde und weiter Bestand hat. Es ist das Leitbild der industrialisierten Landwirtschaft, das im Nachkriegsdeutschland entwickelt wurde. Es sollte die Prinzipien der Industrie auf die Landwirtschaft übertragen. Durch den Einsatz von Technik, Chemie, Hochleistungszucht und Spezialisierung sollte die Produktivität massiv erhöht werden; zum einen, um den Hunger der Nachkriegsjahre zu besiegen, zum anderen, um in der Landwirtschaft Arbeits­kräfte für die boomende Industrie freizusetzen. Der Erfolg dieser Strategie, die aus einem engen Zusammenspiel der landwirtschaftlichen Verbände, der vor­ und nachgelagerten Industrien, der Politik und der Verwaltung bestand, trug zu dem bei, was als deutsches „Wirtschaftswunder“ in die Ge­schichte einging.

Diese agroindustrielle Koalition besteht wei­ter, verfolgt weiterhin das Ziel einer umfassenden Indus­trialisierung und zieht gegen eine Ökologisierung der Landwirtschaft in Deutschland zu Felde. Sie schafft bis heute über die europäische Agrarpolitik immer größere Mono­strukturen auf den Äckern und in den Ställen. Ihr Einfluss ist besonders den Konzernen zuzuschreiben, die zu immer grö­ßeren wirtschaftlichen Machtkomplexen heranwuchsen und mittlerweile globale Dimensionen erreicht haben.
Diese ökonomische Machtballung fördert den politischen Einfluss einer vielfältigen Lobby, die das Konzept der inten­siven Landwirtschaft, des globalen Handels und der indus­triellen Verarbeitung von Lebensmitteln in der ganzen EU sichert und verteidigt.

Zu den stabilisierenden Säulen des Systems gehört auch der Deutsche Bauernverband, dessen Vertreter in den Aufsichtsräten der Agrarkonzerne sitzen und in Deutschland bis in die Ausschüsse des Bundestags vordrin­gen konnten. Ein weiteres Hindernis für die Abkehr vom dominierenden Leitbild sind die Bauern selbst und ihre Investitionen. Getrie­ben von Verbandspolitikern, die die globalen Milch-­ und Fleischmärkte als Heilsversprechen ausgaben, wurde in Ge­bäude und Maschinen investiert. Investitionen in Milliarden­höhe, die über Jahre zurückgezahlt werden müssen und nun den Entschluss erschweren oder auch verhindern, neue Wege einzuschlagen.

Wie die Vision Realität werden kann

Existiert vor dem Hintergrund der Macht­ und Interessen­ballung für ein industrielles Agrarsystem überhaupt die Chance für einen Wechsel hin zu einer Ernährung, die öko­logisch und regional orientiert ist? Die grundlegende Öko­logisierung des Agrar­ und Ernährungssystems kann in Eu­ropa nur ein gesamteuropäisches Projekt sein. Da die Politik sich kaum bewegt, wird die Zivilgesellschaft den notwendigen Systemwechsel einleiten müssen. Die Weichen dafür müssen in Brüssel gestellt werden. Aber die Impulse dafür werden von den europäischen Gemeinschaftsstaaten und von ihren Bür­gern gesetzt. Die Energiewende in Deutschland ist ein Beweis dafür, dass eine solche Strategie „von unten“ Erfolg haben kann. Sie zeigt, welche Hebel dafür in Bewegung gesetzt werden müssen: Beispiel geben, Vorbilder schaffen, Märkte entwickeln, politi­sche Koalitionen schmieden, die öffentliche Förderung neu justieren.

Im Zentrum muss eine neue Weichenstellung in der europä­ischen Agrar-­ und Handelspolitik stehen. Ihr Ziel: Kein Euro darf in Zukunft ohne Prüfung seiner ökologischen Wirkung ausgegeben, kein Vertrag ohne Blick auf die Folgen für die Ernährung der Menschen geschlossen werden. Unter den politischen Maßnahmen, mit denen die Europäische Union die Transformation des Ernährungssystems beginnen muss, steht die Umwidmung der Flächenprämie an vorderster Stelle. Flankierend sollte die Zivilgesellschaft die Diskussion über eine ökologische Transformation des Agrarsystems fördern, indem sie Fragen stellt:

  • nach der Sicherheit von Geldanlagen der Bürger in Fonds und Versicherungen, die ihre Gewinne aus dem Geschäft der Intensivlandwirtschaft ziehen,
  • nach der Praxis der Verpachtung von kirchlichem und kommunalem Land – Kirchen und Kommunen als große Landbesitzer müssen bei der Agrarwende vorangehen,
  • nach der öffentlichen Förderung von Bürgerinitiativen, die in deutschen Städten regionale Ernährungskonzepte entwickeln,
  • nach einem Verbot von Antibiotika in der Tierhaltung, wenn sie Multiresistenzen und damit lebensgefährliche Erkrankungen begünstigen,
  • nach einem Verbot von Pestiziden, die als Hauptursache des massiven Insektensterbens identifiziert und dennoch nicht aus dem Verkehr gezogen werden,
  • und schließlich ob Bauern nicht für Fehlinvestitionen in die industrielle Landwirtschaft entschädigt werden sollten, so wie die Kohle­ und Atomindustrie in der Energiewende.

Nur die Entlastung von diesen Verbindlichkeiten wird es den bäuerlichen Betrieben ermöglichen, dem Zwang zum „Weiter so“ zu entkommen und einen ökologischen Neubeginn zu wagen. Ziel all dieser Aktionen muss es sein, ein politisches Klima zu schaffen, das Ökolandbau bis zur Mitte des Jahrhunderts zum Goldstandard der Landwirtschaft erhebt, wie es der Rat für Nachhaltige Entwicklung schon 2011 empfahl. Die „Vision 100 % Bio“ – so kann sie gelingen.

Zum Weiterlesen: Bommert, W., M. Linz (2018): Landwirtschaft am Scheideweg. Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren. Eine Streitschrift. Abrufbar unter kurzlink.de/bommert_linz

IWELandwirtschaft am Scheideweg
Interview zum Weltbodentag: Wie geht die Kirche mit ihrem Land um?

Interview zum Weltbodentag: Wie geht die Kirche mit ihrem Land um?

Bei der Durchsetzung neuer Leitlinien für die Verpachtung kircheneigenen Landes ist langer Atem gefragt.

von Karin Vorländer

Schätzungsweise drei bis vier Prozent der derzeit 16,5 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche gehören den beiden großen Kirchen. Gemeinsam sind sie damit der größte Grundbesitzer Deutschlands. Wie kircheneigenes Land bewirtschaftet wird, ob ökologisch nachhaltig oder unter dem Vorzeichen industrieller oder konventioneller Landwirtschaft, das fällt im Zeichen abnehmender Artenvielfalt und bedrohter Bodenfruchtbarkeit durchaus ins Gewicht.

Auf dem Kirchentag 2019 hat die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) deshalb eine Handreichung vorgestellt, in der sie in Zusammenarbeit mit dem NABU Projekt “Fairpachten“ neue Leitlinien zur Verpachtung von Kirchenland vorstellt.

Die Handreichung zielt darauf, dass deutlich mehr Kirchenland nach ökologischen Kriterien verpachtet werden soll. Darüber hinaus will die EKvW familiengeführte bäuerliche Betriebe stärken und gibt den Gemeinden, die kircheneigenes Land besitzen, Hinweise zur neuen Gestaltung des Pachtzinses.

Aus Anlass des Weltbodentages am 5. Dezember hat Karin Vorländer bei Dirk Hillerkus, dem Mitverfasser der Handreichung, nachgefragt, welche Chancen und Probleme es beim Versuch gibt, Kirchenland von den Pächtern künftig ökologisch nachhaltiger bewirtschaften zu lassen.

Gibt es verlässliche Zahlen dazu, wie viel Land in kirchlichem Besitz ist?

Dirk Hillerkus: Das ist eine schwierige Frage. Es gibt die Zahl, dass in der EKD etwa 325.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche in den 20 Gliedkirchen der EKD verpachtet sind. Das gestaltet sich in den Gliedkirchen sehr unterschiedlich. In Mitteldeutschland etwa wird das Pachtland zentral erfasst und verwaltet. In der Evangelischen Kirche in Westfalen, in der Evangelischen Kirche im Rheinland und in Hessen-Nassau dagegen sind die Kirchengemeinden Eigentümer des Pachtlandes. Da liegt auf Kirchenkreis- oder landeskirchlicher Ebene keine Gesamtzahl vor. Wir sind dabei, eine Übersicht für die gesamte EKvW zu erstellen und die Zahlen zu erheben.

Ist das kirchliche Pachtland ein Faktor in der Landwirtschaft?

Hillerkus: Ja, zumindest in bestimmten Regionen. Wenn Sie etwa ans Münsterland, an Ost- und Südwestfalen oder an die Forstwirtschaft im Wittgensteiner Land denken, da gibt es beachtliche Pacht-Flächen in Kirchenbesitz. Sogar ein eher städtischer Kirchenkreis wie Unna hat 200 Hektar Land. In Unna zum Beispiel sind das Flächen, auf denen auch eine intensive Landwirtschaft, Kartoffel- und Gemüseanbau stattfindet.

Wenn diese Flächen wegfielen oder wenn die Kirchen strengere ökologische Kriterien für die Verpachtung durchsetzte, wäre das spürbar?

Hillerkus: Das wäre für einige Pächter spürbar. Deshalb haben wir unsere Handreichung so gestaltet, dass wir sagen: „Das sind Empfehlungen“. Die Kirchengemeinden und ihre Presbyterien entscheiden ja eigenständig. Nun ist es so, dass sich die Zusammensetzung der Presbyterien auf dem Land stark verändert hat und weniger Landwirte als früher Mitglied sind. Das hat verschiedene Gründe. Einmal ist die Zahl der Landwirte generell weniger geworden. Heute bewirtschaften zwei Landwirte die Fläche, die früher zehn Landwirte bewirtschaftet haben. Die Pächter sind Mitglieder der evangelischen oder katholischen Kirche. Aufgrund der teilweise höheren Arbeitsbelastung ist ihre verfügbare Zeit für Ehrenämter sicherlich begrenzter als früher. Von daher sind in vielen Presbyterien keine Landwirte mehr vertreten und die anderen Mitglieder sind mit der Materie nicht mehr so vertraut. Das war auch einer der Gründe, warum wir die Handreichung gemacht haben, so dass auch die Mitglieder, die fachlich nicht so bewandert sind, sich in die Materie einarbeiten können und anhand von Beispielen sagen können: „So sieht angewandter Naturschutz in der Landwirtschaft aus, so könnte man das tun.“

Wo liegt das Neue in der Handreichung und wo liegt die Herausforderung die Empfehlungen umzusetzen?

Hillerkus: Das Neue liegt sicherlich darin, dass die Handreichung erstens mit der NABU Stiftung Nationales Naturerbe, bzw. mit dem Projekt „Fairpachten“ zusammen entwickelt wurde. Das Projekt „Fairpachten“ ist vor einem Jahr neu gestartet worden. In dem Projekt sind auch Berater tätig, die Verpächter, das wären in dem Fall die Kirchengemeinden direkt vor Ort, beraten. Das ganz Wichtige dabei ist, dass wir nicht nur ganz konkret die Nachhaltigkeitskriterien Ökologie, Ökonomie und Soziales aufgenommen haben, die wir auch schon in der ersten Handreichung hatten, sondern dass wir in der aktuellen Handreichung auch ganz konkret Fördermöglichkeiten und Naturschutzmaßnahmen aufführen. Von 30 möglichen Maßnahmen, die das Fairpachten Projekt vorschlägt, haben wir zehn ausgesucht und in die Handreichung aufgenommen. Wir sagen: „Leute, das sind jetzt mal Beispiele und wir würden dazu raten, dass ein oder zwei dieser Maßnahmen auf dem Kirchenland angewandt werden.“ Wir haben darauf geachtet, dass das Maßnahmen sind, die vom Land gefördert werden und finanziell attraktiv sind.

Warum schreibt sich die Kirche das Thema Böden und nachhaltige Landwirtschaft auf die Fahnen? Wie hängt das mit dem Verständnis des Auftrages von evangelischer Kirche zusammen?

Hillerkus: Unser Auftrag ist ja Bewahrung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit. Das sind nun mal die drei wichtigen Säulen. Schon im konziliaren Prozess in den achtziger Jahren haben sich die Kirchen damit beschäftigt und über Nachhaltigkeit geredet. Und gerade jetzt sehen wir, dadurch dass das Thema Biodiversität und Verschwinden von Arten immer mehr zum Thema wird, wie wichtig die Erhaltung des Bodens, der Bodenfruchtbarkeit und der Erhaltung und Förderung der Artenvielfalt ist. Einmal zur Nahrungsmittelproduktion, aber auch insgesamt zur Erhaltung funktionierender Ökosysteme, die wir letztendlich ja alle zum Leben brauchen.

Welche Landwirtschaft entspräche denn den anspruchsvollen Kriterien, die die Kirche formuliert hat?

Hillerkus: Wir sagen, dass wir familiengeführte Landwirtschaftsbetriebe möchten, die nachhaltig wirtschaften. Es wäre toll, wenn es ein Biolandbetrieb ist, aber, wenn jemand artgerechte Tierhaltung hat, und zwei Großvieheinheiten pro Hektar hält (zwei Kühe), nicht unbedingt Mais nach Mais anbaut, was z.B. Bestandteil eines Pachtvertrages sein kann, dann sind das schon mal positive Aspekte, die wir aufnehmen sollten.

Macht sich die Kirche bei den Landwirtschaftsverbänden mit ihren Forderungen und Kriterien Freunde?

Hillerkus: Nicht immer. Das kommt auf den Verband an. Wir sind in regelmäßigem Dialog mit dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) in Münster, 80 Prozent der Landwirte sind da Mitglied. Da wird eine Landwirtschaftspolitik vertreten, die das Motto „Wachsen oder Weichen“ zumindest nicht in Frage stellt.

Wo gibt es Dissens zwischen Landwirten und ihren Verbänden und den Empfehlungen der Kirche?

Hillerkus: Wenn wir auf Arbeitsebene Gespräche in Münster haben, dann wird immer wieder gesagt: „Wir müssen doch die Welt ernähren.“ Ich habe selbst 16 Jahre beim kirchlichen Hilfswerk „Brot für die Welt“ in Äthiopien gearbeitet. Ich entgegne dann: „Liebe Leute. Wir müssen dort die Bauern fördern, ihnen dort Wissen geben, ihnen dort Zugang zu Ressourcen und Krediten verschaffen, aber wir müssen nicht hier produzieren, und es dann dorthin zu verschiffen. Wir müssen nicht von hier aus die Welt ernähren.“

Das ist einer der großen Punkte, wo es eine große Diskrepanz zwischen der Kirche und den Bauernverbänden gibt. „Brot für die Welt“ wird kritisch gesehen. Das hat auch mit der Mentalität der hiesigen Landwirte zu tun. Man ist sehr technisch orientiert. Je größer die Maschine, umso besser. Je mehr Ertrag pro Hektar, umso besser. Da werden andere Faktoren wie Zugang zu Land oder die politische Situation ziemlich ausgeblendet. Kritisch geguckt wird auch, wenn wir vorschlagen, dass die Landwirtschaft ihren Fokus auf den EU Binnenmarkt legen sollte.

Wo ganz kritisch reagiert wird, ist, wenn wir auf alternativ/biologisch wirtschaftende Betriebe hinweisen, etwa bei der Umstellung der Schweinehaltung. „Na ja komm, die paar Stück, die der dann verkaufen kann“, heißt es dann. Man tut sich schwer damit anzuerkennen, dass man von der Masse weg mehr auf Qualität setzen kann und dass man Regionalvermarktung aufbauen kann. Da sind die meisten konventionell wirtschaftenden Landwirte schwer zugänglich. Das ist noch ein dickes Brett. Wir haben natürlich auch Kontakt zu Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) und den Bio-Anbau-Verbänden. Wir sind mit allen im Gespräch.

Haben die Kriterien aus der Handreichung für nachhaltige Bewirtschaftung von kirchlichem Pachtland schon Eingang in Musterverträge gefunden?

Hillerkus: Nein, das ist noch nicht in den Musterverträgen. Es gibt einen Mustervertrag von der EKvW, der sich nach dem EKD Mustervertrag richtet. Die Kriterien ordnungsgemäße Landbewirtschaftung, kein Ausbringen von Klärschlamm und kein Anbau genveränderter Pflanzen sind fester Bestandteil des EKvW-Musterpachtvertrages. Das andere wären dann Anhänge, die in den Kirchenkreisen oder Kirchengemeinden angefügt werden können. Das hängt natürlich auch von den jeweiligen Standorten ab. Wenn es keine Biogasanlagen in der Region gibt, muss im Pachtvertrag nicht stehen, es darf nicht Mais nach Mais angebaut werden. Sollte es eine Region geben, wo das sehr stark ist, dann wäre das ein Kriterium.

Mit neuen Pachtbedingungen handeln sich Presbyterien vermutlich auch Ärger ein.

Hillerkus: Pachtland hat in den Kirchengemeinden jahrelang keine große Rolle gespielt. Das heißt, Pachtverträge wurden nicht erneuert. Die laufen teilweise seit 30 Jahren. Es wurde auch der Pachtzins nicht erhöht. Landwirte zahlen immer noch das, was sie vor langer Zeit bezahlt haben. Das mag in manchen abgelegenen Gegenden ja okay sein, aber wenn sie an Stadtrandgebiete und größere Betriebe denken, da sind die Pachtbeträge mittlerweile 5- bis 6-fach so hoch. Da sind zwei Komponenten, die diskutiert werden müssen: Einmal der Pachtzins und zum anderen die ökologischen, ökonomischen und sozialen Verpachtungskriterien. Wobei wir sagen, die ökologischen Kriterien sollten stärker wiegen als der maximale monetäre Ertrag, den man pro Hektar Pachtland erzielen kann.

Wenn aber ein Landwirt sagt, „ich würde gerne auf Bio umstellen, kriege aber in der Übergangszeit keine Biopreise“, dann kann man darüber reden. Der Pachtpreis muss nicht an die Decke des Höchstmöglichen gehen. Auch wenn ein Betrieb durch eine Erhöhung in seiner Existenz gefährdet wäre, dann müsste man sagen, das wollen wir nicht. Es gibt eben auch das soziale Kriterium. Wir möchten, dass Landwirte Teil des Dorfes bleiben. Wir möchten, dass Betriebe familiengeführt bleiben und keine Kapitalgesellschaft werden.

Gibt es ein Beispiel für eine Nichtverlängerung eines Pachtvertrages aufgrund der neuen Kriterien?

Hillerkus: Mir ist es nicht bekannt, weil wir ja erst anfangen. Es gibt einen Kirchenkreis, der alle Pachtverträge erneuert hat. Das war vor der Veröffentlichung der Handreichung. Da ging es hauptsächlich um den Pachtpreis. Und bei einer Kirchengemeinde am Stadtrand von Unna mit 22 Pächtern wurden vor einiger Zeit alle Pachtverträge erneuert. Dabei war wichtig, dass der sozialen Frieden und das gute Verhältnis zwischen Bauern und Kirche erhalten bleibt.

Und womit ist zu rechnen, wenn die Kirche ernst macht mit den strengeren Kriterien der Handreichung?

Hillerkus: Man darf das Ganze natürlich auch nicht außerhalb der Agrarpolitik sehen. Das ist das große Korsett, in dem wir alle stecken. Auch Biolandbetriebe stehen nicht gerade außerhalb des Systems und des ökonomischen Drucks. Solange die Agrarpolitik auf Wachsen oder Weichen setzt und Betriebe ihre Kostensteigerung über Produktionssteigerung auffangen müssen und die EU auf Exporte setzt, wo die Betriebe von den Produktionskosten her oft nicht konkurrieren können, werden wir in diesem Dilemma bleiben.

Wir brauchen eine Veränderung, dass wir sagen: Öffentliche Gelder für öffentliche Güter. Landwirte erhalten Geld von der öffentlichen Hand, um öffentliche Güter wie gesunde Nahrungsmittel, Artenvielfalt, Boden, Luft und Wasser zu produzieren oder zu erhalten, die hohen Umweltnormen entsprechenWir müssen die Qualität landwirtschaftlicher Produkte wieder mehr schätzen lernen. Das hat natürlich mit einer Ernährungsveränderung zu tun und auch mit der Bereitschaft der Verbraucher, für bessere Qualität mehr zu zahlen. Der Landwirt schiebt die Schuld gerne auf die Verbraucher, die oft nicht mehr bezahlen wollen und bleibt reserviert. Ich sage dann schon mal: „Ihr könnt euch überlegen, entweder wollt ihr einen Schnitzelpreis pro Kilo von 1,99 Euro und einen Wasserpreis von 15 Euro pro m3. Oder ihr zahlt 4 Euro für das Kilo und das Wasser ist nicht so teuer und enthält weniger Nitrat.“ Anders ausgedrückt: Überlegt euch, wo ihr hinwollt. Mit allen Umweltfolgen.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo die neue Handreichung schon etwas zum Positiven verändert hat?

Hillerkus: Wenn es um die Umweltmaßnahmen geht, ist es noch zu früh. Die Handreichung haben wir ja erst zum Kirchentag veröffentlicht. Wir installieren gerade erste Arbeitsgruppen und sind dabei, gemeinsame Auswahlkriterien für die Verpachtung zu finden und dann mit den Pächtern einen Dialog zu führen.

Wie soll oder kann die Umsetzung der Empfehlungen und daraus erwachsener neuer Pachtverträge überprüft werden?

Hillerkus: Wir setzen mehr auf Kommunikation und Dialog als auf Kontrolle. Es ist eine Illusion zu glauben, dass ehrenamtliche Kirchenvorstandsmitglieder, die oft schwierig zu finden sind, die Zeit haben, alle Flächen jedes Jahr zu begehen.

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