Buchbesprechung: „Der Grund“ von Tanja Busse und Christiane Grefe

Buchbesprechung: „Der Grund“ von Tanja Busse und Christiane Grefe

Buchbesprechung von Wilfried Bommert

Ist doch bekannt, werden viele sagen. Konflikte um den Boden, von dem wir leben, tragen Experten nun schon seit Jahren vor. Was also ist das Neue, das dieses Buch der Journalistinnen Tanja Busse und Christiane Grefe auszeichnet, es lesenswert macht? Es ist die Zusammenschau der Trends, die die Grundlage unseres Lebens vernichten. Der Boden gehört zu den gefährdetsten und umkämpftesten Gütern auf unserem Planeten. Tanja Busse und Christiane Grefe gelingt es in ihrem Buch „Der Grund“, dies umfassend und vielseitig zu dokumentieren.

Da ist einmal der massive Verlust an Bodenfruchtbarkeit durch die Art der Bewirtschaftung. Der ist zwar spätestens seit 1930  in den USA ein Thema. Bekannt wurde er durch den Oklahoma Dust Bowl, eine riesige Staubwolke, mit der der Boden der Prärielandschaften Nordamerikas im wahrsten Sinne des Wortes weggefegt wurde. Grund war hier ein gravierender Fehler in der Bewirtschaftung.

Weltweit schwindet trotz dieser Warnung die Ackerkrume weiter.  Monokulturen der industriellen Landwirtschaft zehren an der Bodenfruchtbarkeit und tragen Verantwortung für das weltweite Artensterben. Gleichzeitig vernichtet die globale Klimakrise immer mehr fruchtbare Äcker und erschüttert damit zunehmend die Fundamente der Welternährung. Dieser Trend setzt sich durch unsere Art der Mobilität weiter fort. Autogerechte Städte fressen sich immer weiter in das Umland, neue Siedlungen suchen den Druck der Millionenstädte abzumildern, besonders rasant verschwindet der Boden in den Ländern des Südens. Raubbau an der Grundlage der Menschheit ist universal.

Auch bei uns verschlingt die Gier nach immer mehr Flächen für Autoverkehr, Wohnbebauung und Photovoltaik immer mehr Land. Investoren bereiten den Weg. Der Boden auf dem unsere Ernährung, unsere Kultur und unsere Wirtschaft fußt, ist zu einem bloßen Wirtschaftsgut geworden. Ein Handels- und Spekulationsobjekt. Besonders im globalen Süden, wo die Landnahme keine Grenzen kennt. Bodenschutzkonzepte, Bauplanungen, die im Grundgesetz verankerte Pflicht, Eigentum zum Nutzen der Allgemeinheit zu verwalten, konnten diesem stillen Exodus bisher nichts entgegensetzen. Politischen Initiativen fehlt schlicht die Durchsetzungskraft, gegen die Interessen, denen die kommende Bodenlosigkeit egal ist.

Dieses Lagebild, das die Autorinnen Tanja Busse und Christiane Grefe zeichnen, könnte finsterer kaum sein. Doch sie haben erkannt, dass die Apokalypse in Resignation endet. Von dieser Einsicht getragen ist dann auch im Schlussteil des Buches die ausführliche Darstellung von Projekten, die unter den Radar der großen Politik eine Wende markieren könnten. Land, das wieder als allgemeines Gut verwaltet wird, mit regenerativen Ideen und von Höfegemeinschaften. Zivilgesellschaftliche Ernährungsräte rücken es wieder als Quelle der regionalen Ernährung in den Mittelpunkt. Eine Gesellschaft der Kümmerer sorgt dafür, dass der Bodenschutz in allen Bereichen zum Thema wird oder zumindest werden könnte.

Gemeinwohl ist für die Autorinnen der Kernpunkt einer zukünftigen Bodenpolitik. Ein neuer Kompass, an dem sich die Politik von Berlin bis Brüssel orientieren sollte. Die Journalistinnen Tanja Busse und Christiane Grefe schlagen am Ende ihres aufrüttelnden Buches vor, nicht auf den Weitblick der Institutionen zu hoffen, sondern den Weg in und durch die Institutionen selbst zu suchen. Ihr Rezept: Rein in die Parteien, rein in die Verwaltungen, rein in die Nichtregierungsorganisationen. Weil es sich aus ihrer Sicht lohnt, „in einen guten Umgang mit dem Boden Zeit und Herzblut zu investieren“. Und weil die Kräfte der Natur stark genug sein werden, Verlorenes wieder zurückzubringen.

Dieses Pathos am Ende ihres herausfordernden Werkes wäre vielleicht gar nicht notwendig gewesen, um die Leser davon zu überzeugen, dass es für eine Neubesinnung höchste Zeit ist. Denn dafür, das zeigt uns das wichtige und lesenswerte Buch von Tanja Busse und Christiane Grefe, gibt mehr als nur einen guten Grund.

Das Buch „Der Grund“ von Tanja Busse und Christiane Grefe ist im März 2024 im Verlag Antje Kunstmann erschienen.

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Landbewirtschaftung als Klimaretter

Landbewirtschaftung als Klimaretter

Wie Landwirtschaft nicht nur ‘klima-neutral’ sondern ‘klima-positiv’ werden kann

Von Walter Jehne / Übersetzt und zusammengefasst von Wilhelm Wallefeld

Zur Lage
Kann die Landwirtschaft dazu beitragen, die kommenden Klimaextreme abzufedern? Kann sie sie stoppen? Sie könnte wesentlich mehr, aber dazu müsste ihre Rolle im Klimawandel neu gedacht werden. Der australische Wissenschaftler Walter Jehne, international bekannter Boden-Mikrobiologe und Innovationsstratege, sammelte seine Erfahrungen durch die Analyse von Böden, Weideland, Wald und Agrarflächen und brachte seine Erkenntnisse als Australia’s National Soil Advocate und international auf (UN-)Ebene in die Öffentlichkeit, wurde jedoch in Deutschland bisher kaum gewürdigt. Er beschreibt die Chancen für das Ausbremsen, die im Boden und der Vegetation liegen. Sie sind größer als gedacht. Wenn man sie nicht mehr auf ihre Funktion als CO2- Speicher reduziert, denn darin ist ihre Wirkung nicht nur bescheiden, sondern im Anbetracht der schnellfortschreitenden Bedrohung durch den Klimawandel fast wirkungslos.

Längst ist klar, dass die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5C nicht zu halten sein wird. Die dazu notwendige Verringerung von CO2 bleibt illusorisch. Selbst wenn wir den Zuwachs auf ‘net zero’ bis 2050 herunterfahren könnten, würde der CO2-Gehalt in der Atmosphäre nur konstant bleiben, aber nicht fallen.

„Extinction“ – unausweichlich?
Australien alleine plant derzeit 116 Öl-, Gas- und Kohleprojekte mit einem CO2-Ausstoss von 4,4 Milliarden Tonnen (Stand Ende 2023). Und wenn zusätzlich die Bedrohung wahr werden sollte, dass die steigenden Temperaturen das in den Permafrostzonen gelagerte Methan freisetzen, wird klar, so der australische Wissenschaftler Walter Jehne, dass wir vor einer unbeherrschbaren Situation stehen und das Ende der menschlichen Zivilisation – ‘Extinction’ – unausweichlich ist.

In der Tat wird die Lage nach Auftauen der Permafrostböden gänzlich unbeherrschbar und das Klima danach könnte vielen Lebewesen auf Erden die Existenz rauben, durch Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Stürme und Verschieben von Klimakorridoren, die nur die wenigsten ertragen können. Einzeller und Pilze sind da gegenüber uns im Vorteil, sie können in ihren Generationsfolgen von wenigen Stunden oder Tagen schneller die Kandidaten auslesen, die Überlebenschancen haben. Das wird für den größten Teil der Menschheit mit einer Generationsfolge von 30 Jahren und bei der Geschwindigkeit der Klima-Veränderung so gut wie unmöglich sein.

Boden und Pflanzen als Rettung
Beschleunigt wird dieser Exodus durch den Verlust von Ackerkrume und die Desertifikation ganzer Regionen, durch falsch Bewirtschaftung. Die Widerstandsfähigkeit unserer Zivilisation, vor allem unseres Ernährungs- und Gesundheitssystems, nimmt rapide ab und damit die Sicherheitslage der Welt. “Sieben fehlende Mahlzeiten bestimmen den Unterschied zwischen sozialem Frieden und Chaos”. Diese Erkenntnis brachte 1978 den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter dazu, eine Studie in Auftrag zu geben, die das Risiko eines Klimawandels durch höhere CO2-Konzentration in der Atmosphäre für Amerika (und die Welt) in Bezug auf Landwirtschaft, Ernährung und die globale Sicherheit einschätzen sollte.

Schon damals wurde der CO2-Anstieg bestätigt, doch der damit verbundene Temperaturanstieg galt zu dieser Zeit noch eher als vorteilhaft für die Erträge der Landwirtschaft. Spätere Modellrechnungen waren dann pessimistischer und eine Reduzierung des CO2-Ausstosses wurde Teil der politischen Agenda. Dabei wurde die Tatsache vernachlässigt, dass CO2 für den Lebenskreislauf von Pflanzen, Tieren und Menschen unabdingbar ist und in Bezug auf den Klimawandel nur ein Symptom darstellt, das so gut wie nicht auszubremsen ist. Denn um den CO2-Gehalt in der Atmosphäre konstant zu halten, müssten wir den CO2-Ausstoss um jährlich 10 Milliarden Tonnen verringern. Um ihn zu senken, um mindestens das Doppelte.

Viele hofften auf einen Ausweg durch die Ozeane. Denn sie speichern derzeit 30.000 Milliarden Tonnen CO2. Doch diese Speicherfunktion könnte sich umkehren. Denn wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre sinkt, könnten CO2-Speicher in den Ozeanen, die während der letzten 10.000 Jahre eingelagert wurden, wieder gelöst und an die Atmosphäre abgeben werden. Dies bis zum atmosphärischen Gleichgewicht, dem Equilibrium. Das würde alle Bemühungen und Mittel, die bisher in die Reduzierung von CO2 geflossen sind, ad absurdum führen, auch die bisher investierten 60 Milliarden US-Dollar.

Atmosphärischer Wasserkreislauf als Hebel
Die Wissenschaft weiß seit langem, dass Wasser eine bedeutende Rolle im Klimawandel spielt (90%). Das Thema wurde (damals) jedoch als zu komplex eingestuft. Walter Jehne sieht die Lösung im Boden. Er ist die absolute Voraussetzung für das Leben auf der Erde und auch die schärfste Waffe im Kampf gegen den Klimawandel. Er bestimmt den Wasserhaushalt, die Kühlung der Erdoberfläche, das Leben der Biosysteme und deren Widerstandkraft schnellen Veränderungen gegenüber.  

Laut Walter Jehne liegt unsere einzige Chance, den Temperaturanstieg nicht nur zu stoppen, sondern umzukehren, in der Wiederherstellung des globalen Wasserkreislaufs, im Grün der Pflanzen. Klingt kühn? Aber er liefert das Rezept dafür und dessen wissenschaftliche Basis. Die Idee ist einfach: Wir müssen nur das machen, was die Natur seit Millionen von Jahren gemacht hat. Vor 420 Millionen Jahren gab es Ozeane und trockenes, hartes Gestein, kein Leben an Land, nur einige komplexe Zellstrukturen in den Ozeanen, basierend auf dem Nährstoffabfluss durch die Verwitterung des Gesteins. Steine sind von Natur aus wasserabweisend. Nur durch die vom Bodenleben zurückgelassenen organischen Rückstände entstehen Lufteinschlüsse, die zu einer erheblich größeren Oberfläche führen und eine Art Schwamm (‘Soil-Carbon-Sponge’) bilden, der die Speicherung von Wasser und das Eindringen von Wurzeln ermöglicht. Als nächstes begannen Pilze von den Rändern der Ozeane in die Steine einzudringen, um Nährstoffe aus den Steinen herauszulösen.

Puffer in der Klimakrise
Pilze, wie Tiere und Menschen (heterotroph), können keinen Zucker binden und keine eigene Energie erzeugen. Das können nur Pflanzen und Algen (und einige Bakterien). Pilze und Algen gingen eine symbiotische Beziehung ein, um Flechten zu erzeugen. Flechten sind immer noch maßgeblich an der Zersetzung von Material beteiligt und lassen organischen Abfall zurück, der Wasser speichern kann und so das Pflanzenleben (Flechten > Moos > Farne > Angiospermen > Gräser) an Land ermöglicht. Diese nutzen die Photosynthese, um stabilen Kohlenstoff und Zucker im Boden zu schaffen. Bodenbildung ist die Kombination von mineralischen Partikeln und organischem ‘Abfall’. Innerhalb von 100 Millionen Jahren hat sich das Leben über 13 Milliarden Hektar eisfreien Landes ausgebreitet.

Das Resultat war eine reichhaltige Pflanzenwelt, die eine Kohlenstoffreduzierung in der Atmosphäre von 7000 ppm (vor Pflanzenleben) auf 100 ppm ermöglichte. In Steppen und Savannen entstehen Pflanzenfresser (insbesondere Wiederkäuer), die ein symbiotisches Verhältnis zu den Gräsern besitzen. Sie halten den Nährstoff-Wasser- und Methan-Haushalt auf dem Globus in der Balance.

Aus der Erdgeschichte lernen
Für Walter Jehne geht es heute darum, diesen Prozess erneut zu kopieren. Die Vegetation als wirksamstes Mittel im Kampf gegen die wachsende CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre zu nutzen, was sie schwächt. Dabei spielt die Art der Landbewirtschaftung eine zentrale Rolle. Abholzen, roden und abtöten von Vegetation, Brandrodung verstärken für Jehne die CO2-Belastung genauso wie Biozide und synthetische Dünger, intensive Bewässerung und Brache. Was entlastet, ist stete Begrünung aller kultivierbaren Landstriche der Erde. Nur eine solche Politik, in der die grünen Pflanzen den CO2-Haushalt und durch sie den Wasserhaushalt der Erde wieder ins Gleichgewicht bringen, kann Entlastung an der Klimafront bewirken. Und nur so könnte die wachsende Erdbevölkerung und die kommenden 10 Milliarden Menschen in Zukunft ernährt und die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe gesichert werden. 


Übersetzung und Zusammenfassung
Die Übersetzung und Zusammenfassung des Texte leistete Wilhelm Wallefeld. Sie beruht auf den Vorträgen „Clear Directions on regenerative Practice“ sowie „Conversations from the Edge“ von Walter Jehne.

Wilhelm Wallefeld und seine Frau Brigitte wirtschaften seit mehr als 40 Jahre als Farmer in Westaustralien. Derzeit auf ihrer  Farm in Denmark/ Westaustralien, die sie nach ökologischen Prinzipien ausgerichtet haben. Wilhelm Wallefeld ist seit 5 Jahren Vorstandsmitglied des IWE. Er verfolgt die Entwicklung der Regenerativen Landwirtschaft als Zukunftsmodell der ökologischen Landbewirtschaftung weltweit.


Hier noch einige zugrunde gelegte physikalische Gesetzmäßigkeiten und Zahlen:

  • Die ‘Keeling Kurve’ der CO2-Entwicklung: Nach Keeling werden pro Jahr 10 Milliarden t CO2 mehr emittiert als absorbiert. Der Anteil der Öl- und Gasindustrie beträgt 8 Milliarden t oder 4%. Der überwiegende Anteil beruht auf ‘natürlichen’ Prozessen.
  • Unter Anderem schlägt das Verbrennen von 350 Mio ha Wäldern mit zwischen 10 und 100 t/ha und 2 Milliarden ha Grasland mit 2 bis 5 t/ha CO2-Ausstoß erheblich zu Buche.
  • Die Schwankungen innerhalb des Jahres beruhen auf der Photosynthese/Re-Oxydation im Vegetationszyclus (grün oder braun).
  • Nach dem ‘Stefan Boltzmann Gesetz’ über Hitzeabstrahlung strahlt ein unbedeckter Boden ein Vielfaches des begrünten Bodens an Wärme zurück in die Atmosphäre.
  • Mit lebenden Pflanzen bedeckter Boden wird selten wärmer als 20C, während unbedeckter Boden (z.B. im Australischen Sommer) bis zu 70C heiß werden kann.
  • Die Sonneneinstrahlung und die Reflexion sind wegen der Klimagase in der Atmosphäre aus der Balance: Die Einstrahlung ist 342 W/sqm und die Rückstrahlung ist wegen der Klimagase nur 339 W/sqm. Die Differenz von 3 W/sqm trägt zum Temperaturanstieg bei.
  • Andererseits gilt: 1 ha Wald transpiriert 40.000 l Wasser, dessen Umwandlung in Wasserdampf bedarf 590 cal/l und trägt so erheblich zum Kühlprozess unseres Planeten bei.                                                  
  • Eine hohe Wärmeabstrahlung über Trockenregionen verursacht einen Hitzekegel, der verhindert, dass feuchte Luft (und damit Niederschläge) vom Meer ins Inland gelangt.
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Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ klopft im Niedersächsischen Landtag an

Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ klopft im Niedersächsischen Landtag an

Hannover, 3. Juni 2024

Der Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ klopft im Niedersächsischen Landtag an.
Die Empfehlungen müssen gerade auf Landesebene ernst genommen werden.
 
In einem einzigartigen Prozess haben 160 auswählte Mitglieder des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“ ihre detaillierten Empfehlungen ihrem Auftraggeber, dem Deutschen Bundestag, Ende Februar 2024 vorgelegt. Auch zur Finanzierung liegen Empfehlungen vor. Aber ohne die Länder geht es nicht. Deshalb wenden sich jetzt Mitglieder des Bürgerrats aus Niedersachsen direkt an den Landtag in Hannover und die darin vertretenen Fraktionen. Sie erwarten, dass die mit großer Mehrheit im Bürgerrat erarbeiteten Empfehlungen nicht nur von den Mitgliedern des Landtages ernst genommen werden, sondern dass sich die Abgeordneten ernsthaft mit der Umsetzung beschäftigen.
 
Ein zentraler Punkt: kostenfreies Mittagessen für alle Kinder als Schlüssel für Bildungschancen und Gesundheit. „Mir geht das Herz auf bei dieser Empfehlung“, so Peter Wogenstein, Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsens. „Dass Bildungschancen und Gesundheit in den Mittelpunkt gestellt werden, ist schon lange überfällig. Die negativen Auswirkungen von ungesunder Ernährung und Mangelernährung* und ihre gesamt-gesellschaftlichen Folgekosten müssen endlich ernst genommen werden. Gefordert sind jetzt die von uns gewählten Abgeordneten in den Parlamenten: auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.“
Das Netzwerk der Ernährungsräte Niedersachsens unterstützt das Anliegen des Bürgerrats (siehe Kopie des Schreibens an das Landesparlament anbei).
 
*22% aller Kinder in Deutschland sind mangelernährt.
 
Hinweis zur Arbeit des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“:
 
Der Bürgerrat hatte den Auftrag, dem Bundestag ein „differenziertes Meinungsbild“ zu vermitteln, was ein Querschnitt der Bevölkerung zum Thema „Ernährung im Wandel“ denkt.
Hierbei nutzt der Bürgerrat drei Chancen:Bürgerinnen und Bürger sind „Expertinnen und Experten ihres Alltags und ihrer Werte“. Die Stichprobe des Bürgerrates bringt die verschiedensten Lebenswirklichkeiten der Bevölkerung ein und verschafft auch solchen Stimmen Gehör, die sonst häufig ungehört bleiben. Diese Alltags- und Werteexpertise ist gerade beim lebensnahen und kontroversen Ernährungsthema von Bedeutung.Die Diskussionen im Bürgerrat wurden mit Informationen und Erkenntnissen von Expertinnen und Experten unterlegt. Vorträge, Exkursionen zu Produktionsbetrieben und praktische Erfahrungen wie gemeinsames Einkaufen stellen die Diskussion der Teilnehmenden auf eine gemeinsame Wissensbasis.Der Bürgerrat schafft Raum für Austausch und Verständigung. Die Teilnehmenden kommen miteinander in ein moderiertes Gespräch – auch solche, die sich sonst im Alltag nie begegnen würden. So reden gesellschaftliche Echokammern erst miteinander statt übereinander, bevor sie zu gemeinsamen Einschätzungen kommen. 

Den Brief des Bürgerrats Ernährung an die Fraktionsvorsitzenden der Landesparlamente können Sie hier als PDF herunterladen.

Ansprechpartner für Rückfragen:
 
Peter Wogenstein
Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsens
„Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“
Tel. 0172 204 9188
E-Mail: peter.wogenstein@t-online.de
Website: ernaehrungsrat-niedersachsen.de
 
Ernährungsräte vernetzen Akteure der Ernährungslandschaft aus der Region und stoßen eine Ernährungswende vor Ort an. Gemeinsam sind sie als Verein „Netzwerk Ernährungsräte Niedersachsen e.V.“ seit August 2020 Mitglied im Beirat des ZEHN.

Spenden willkommen unter IBAN: DE95 4306 0967 1096 8592 00
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Die Bürger:innen haben gewählt – sie wollen eine andere Ernährung!


Die Bürger:innen haben gewählt – sie wollen eine andere Ernährung!



Die Bürger:innen haben gewählt – sie wollen eine andere Ernährung!
Das IWE wendet sich in einem offenen Brief an die Mitglieder des Bundestages

Am 20. Februar 2024 hat der Bürgerrat „Ernährung im Wandel“ seine ernährungspolitischen Empfehlungen den Abgeordneten des Deutschen Bundestags überreicht. „Ein Mutmacher Papier“, so der Präsident des Umweltbundesamtes, Prof. Dr. Dirk Messner.

„Diese Empfehlungen müssen von möglichst vielen Abgeordneten ernsthaft zur Kenntnis genommen werden. Noch in der laufenden Legislaturperiode müssen grundlegende Schritte zu deren Umsetzung erfolgen“, so Peter Wogenstein im Namen des IWE Vorstands. „Die Empfehlungen des Bürgerrates dürfen nicht im politischen Alltagsgeschäft untergehen.“ Es braucht ein Umdenken in den Köpfen der Abgeordneten, mit Herz und Verstand, Weitsicht und wirkliche Verantwortung für unsre Kinder und Jugendlichen. 

Aus Sicht des IWE sind die Empfehlungen des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“
•    ausgewogen, hochqualitativ, lösungsorientiert, sachlich fundiert und politisch tragfähig, 
•    mit etwas politischem Willen ohne größeren Aufwand umsetzbar,
•    unter Berücksichtigung des Gesamtbildes zumindest mittelfristig kostenneutral. 

So verzeichnet z. B. Schweden – neben den positiven Aspekten für Gesundheit und Integration aller Kinder – auch deutlich gesunkene Krankenkassenkosten durch beitragsfreies „Schulessen für alle“. 

Die Empfehlungen des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“ zeigen auf, welche Maßnahmen Bürger:innen sich von der Politik wünschen und nach intensiver Beratung auch mehrheitlich zu tragen bereit sind.

In einem offenen Brief wendet sich das IWE an die Bundestagsabgeordneten: nehmen Sie den Wunsch der Bürger:innen ernst. Wir sind bereit, diese Empfehlungen mitzutragen.

Kontakt für Rückfragen:
Peter Wogenstein
Institut für Welternährung
Vorstand Finanzen
peter.wogenstein@institut-fuer-welternaehrung.org

Foto Titel: Katrina_S, Pixabay

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Aufbauende Landwirtschaft: Vortrag von Stefan Schwarzer

Aufbauende Landwirtschaft: Vortrag von Stefan Schwarzer

Der Physische Geograf, Permakultur-Designer und Autor Stefan Schwarzer war mehr als zwanzig Jahre für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Genf tätig. Den Vortrag zum Thema „Aufbauende Landwirtschaft“ präsentierte er bei der Mitgliederversammlung des Instituts für Welternährung im Januar 2024.

Auch interessant zum Thema aufbauende Landwirtschaft: Das Video „100 l Wasser je Quadratmeter versickern in 5 Minuten“ von Dipl.-Ing.agr. Ernst Hammes, IWE-Mitglied und ehemaliger Landwirtschaftsberater:

Beitragsfoto: Bärtierchen, Frank Fox, http://www.mikro-foto.deCreative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

IWEAufbauende Landwirtschaft: Vortrag von Stefan Schwarzer
Freiheit von Glyphosat

Freiheit von Glyphosat

Kommentar von IWE-Vorstandssprecher Wilfried Bommert

10 Jahre Freiheit für Glyphosat. Es darf weiter auf die Äcker Europas gespritzt werden. Ein großer Tag für die Agrarindustrie. Sie hat bewiesen, dass ihre Netzwerke immer noch bestens funken, bis in die höchsten Kreise europäischer Politik. Für alle, die glaubten, dass jetzt mit dieser Allroundkeule der Chemie Schluss sein sollte, ist dies ein schwarzer Tag. Nicht nur, weil sie im Verdacht steht Krebs auszulösen, sondern weil Glyphosat keines unserer existenziellen Probleme löst, im Gegenteil!

Der Stoff heizt, als zentrale Stütze der industriellen Landwirtschaft, das Treibhaus Erde weiter auf. Glyphosat fördert den Einsatz von synthetischem Stickstoff und damit den Ausstoß von Klimagasen inklusive dem höchst aggressiven Lachgas. Es verbilligt das Mastfutter, begünstigt die Fleischfabriken und damit die Hauptquelle der Klimagase aus der Landwirtschaft. Glyphosat als Allroundkiller lässt nichts übrig von der Artenvielfalt auf den Äckern.

Im Gegenteil, es macht Monokulturen erst profitabel und forciert das Ende immer weiterer Arten. Es fördert den intensiven Ackerbau auch dort, wo der Regen mangelt, und sorgt so dafür, dass die Grundwasser- und damit die Trinkwasservorräte der Welt weiter schrumpfen. Die Monokulturen vernichten die Bodenfruchtbarkeit weltweit. Und der Hunger der Welt, er ist durch seinen Einsatz nicht verschwunden, im Gegenteil. Er spitzt sich zu durch die ökologischen Folgen, die Glyphosat für Weltklima, Artenvielfalt, Boden- und Wasservorräte hat.

Warum soll es also weitere 10 Jahre in Europa sein Unwesen treiben können? Wenn die politischen Schaltstellen in Brüssel und Berlin von der Industrie gekapert sind, bleibt immer noch der Markt. Will es der Markt? Wollen es die Kunden? Wohl kaum, die Mehrheit der Verbraucher jedenfalls lehnt Glyphosat ab. Wenn offizielle Schweizer Studien feststellen, dass ungefähr 40 Prozent der Lebensmittel tiefe, aber messbare Spuren von Glyphosat enthalten, warum sollte es bei uns anders sein?

Warum ignorieren die Aldis, die Lidls und Pennys, die EDEKAs und REWEs die Abneigung der Kundschaft? Weil bisher noch keiner dort die Frage ans Management gestellt hat, warum das Sortiment nicht längst frei von Glyphosat ist? Und warum geht der Bundeslandwirtschaftsminister, der in Brüssel nichts ausrichten konnte, nicht voran und sagt seiner Hauskantine, dass sie ihren Einkauf gefälligst auf Glyphosat freie Rohstoffe umzustellen habe? Das hätte mit Sicherheit Wirkung auf den Markt und auf den Gebrauch des Stoffes, den keiner auf dem Teller haben möchte. Was in Brüssel und Berlin am Widerstand der Lobbyisten scheiterte, das Ende von Glyphosat, könnte der Markt zu Stande bringen. Freiheit von Glyphosat! Ich wette, dafür braucht er nicht einmal 10 Jahre.

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Wir trauern um Marie-Luise Dörffel

Wir trauern um Marie-Luise Dörffel

Marie-Luise Dörffel starb nach schwerer Krankheit im September 2023. Sie hat den Vorstand des Instituts für Welternährung mit ihren Ideen bereichert, mit ihrer Heiterkeit ermuntert und mit ihrer Unverzagtheit ermutigt auf dem Weg der Ernährungswende voranzugehen.

Ihr war wichtig, so schrieb sie selbst 2021 bei ihrem Antritt als Vorständin im IWE, dass unsere Ernährung gesünder wird – für den Menschen und die Umwelt, dass regionale Strukturen wieder entstehen können oder erhalten bleiben, dass Nähe, Gemeinsamkeit und gegenseitige Verantwortung kleine Betriebe stärken. Dass mehr (soziale) Gerechtigkeit, der Schutz der Lebewesen und des Klimas die Agrarwende bestimmen.

Marie Luises war es ein Anliegen, hierfür eine leichte Sprache zu finden. Denn „nur wenn viele Menschen verstehen, dass es um unser aller Zukunft geht, können wir viel bewegen.“ Das war für sie Passion und bleibt für uns Verpflichtung, auch über den Tod hinaus. Wir trauern um eine engagierte Mitstreiterin und liebe Kollegin. Wir trauern um Marie-Luise Dörffel.

Der Vorstand des Instituts für Welternährung

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Buchtipp: Vandana Shiva – Terra Viva. Mein Leben für eine lebendige Erde

Buchtipp: Vandana Shiva – Terra Viva. Mein Leben für eine lebendige Erde

Aufgewachsen in den Bergwäldern des Himalayas im nördlichen Indien, hatte Vandana Shiva von Kindesbeinen an eine intensive Beziehung zur Natur und erlebte schon früh die Bedrohung ihrer Wälder durch Raubbau. Sie entschied sich für ein Studium der Quantenphysik und promovierte in Kanada.

In diesem Buch beschreibt sie ihren Weg von der akademischen Quantenphysik zu ihren eigentlichen Professorinnen, den Frauen der Chipko-Bewegung zur Bewahrung ihrer Wälder, die sie die Ökologie lehrten und in den Kampf gegen die Übermacht des großen Geldes führten.

Bereits 1981 wurde sie als Sachverständige vom Umweltministerium gehört. 1984 bei einer großen Dürre wurde ihr klar, dass die Gewalt der Grünen Revolution die Natur und die mit ihr im Einklang arbeitenden Bauern zerstörte. Ihr Widerstand erschöpfte sich nicht im Protest gegen etwas, sondern führte zu Gründung einer Samenbank, die zum Beispiel 3000 Reissorten rettet. Nicht nur wurde das Saatgut kostenlos abgegeben, ihre »Earth University« bildete auch mehr als 100.000 Bauern im biologischen Landbau aus.

1993 erhielt die Feministin, die die Rolle der Frauen für den Erhalt der Natur und ihrer Vielfalt immer betont, den »Right Livelihood Award« (gemeinhin Alternativer Nobelpreis genannt), und sie war weltweit unterwegs, um für ihre Anliegen zu werben: so bei der UNO und der FAO, im Schumacher College, auf Protestmärschen gegen Gentechnik. Sie ist Autorin von mehr als 25 Büchern und bis heute eine gefragte Vortragsrednerin und Interviewpartnerin – und für viele Leitfigur und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ihr gesamtes Lebenswerk ist von einer tiefen Liebe zum Leben und zur Freiheit durchdrungen. Es ist diese Liebe, die sie anspornt, all das zu verteidigen, was von Unfreiheit bedroht ist – Wälder, Flüsse, Saatgut, Boden, Biodiversität und auch die Menschen, die davon leben. Zusammen mit der quantenphysikalischen Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden, alles eins ist, weiß sie Herz und Intellekt zu einer unschlagbaren Waffe im Kampf für das Leben zu vereinen.

Vandana Shiva in einem Interview, April 2021: »Alles, woran ich arbeite, entspringt meinem Innersten, meiner Liebe zum Leben und meiner Liebe zur Freiheit, was auch immer es sein mag: ob es der Schutz der Wälder oder des Saatguts ist oder das Zusammensein mit meinen Schwestern, den Bäuerinnen, deren Land und Boden es zu verteidigen gilt. Es geht darum, das Leben im Geist der Liebe zu verteidigen und die Freiheit im Geist des Widerstands gegen die Unfreiheit.«

„Vandana Shiva: Terra Viva – Mein Leben für eine lebendige Erde“ mit einem Vorwort von Renate Künast, Verlag Neue Erde.

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Filmtipp: Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde

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Wie wurde Vandana Shiva, die eigensinnige Tochter eines Waldschützers aus dem Himalaya eine ernstzunehmende Rivalin von Agrarkonzernen wie Monsanto? Der Dokumentarfilm „Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde“ von James und Camilla Becket erzählt die bemerkenswerte Lebensgeschichte der Öko-Aktivistin Dr. Vandana Shiva, wie sie sich den Großkonzernen der industriellen Landwirtschaft entgegenstellte und in der Bewegung für Biodiversität und ökologischer Landwirtschaft zur Ikone wurde. Sie inspirierte so weltweit zu einer Agrar- und Ernährungswende und wurde zu einer der wichtigsten Aktivistinnen unserer Zeit, wofür sie unter anderem den alternativen Nobelpreis erhielt.

„Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde“ konzentriert sich auf bahnbrechende Ereignisse, die ihr Denken formten, bevor sie den Kampf gegen ein mächtiges Agrarbusiness aufnahm. Seitdem inspiriert sie Menschen auf der ganzen Welt dazu, für eine gerechte Agrar- und Ernährungswende einzutreten und für das Überleben auf der Erde zu kämpfen.

Der Dokumentarfilm „Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde“ ist aktuell in der phoenix Mediathek zu sehen.

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