Interview mit Ursula Hudson und Wilfried Bommert

Interview mit Ursula Hudson und Wilfried Bommert

Zivilgesellschaftliches Engagement und politische Verantwortung

Demo: „Wir haben es satt!“ 2018 / Foto: Christian Mang, Campact

Zum Tischgespräch über eine zukunftsfähige Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik trafen sich am 28. November 2017 Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, und Umweltjournalist und IWE-Vorstandssprecher Wilfried Bommert. Kurz davor war der Glyphosat-Alleingang von Landwirtschaftsminister Schmidt öffentlich geworden.Das Interview erschien in der Januar-Ausgabe des Slow Food Magazins.

Unten stehend finden Sie das komplette Interview zum Download.

IWEInterview mit Ursula Hudson und Wilfried Bommert
Dossier: Zerstört die Landwirtschaft das Klima?

Dossier: Zerstört die Landwirtschaft das Klima?

IWE-Dossier: 10 Milliarden Menschen ernähren ohne das Weltklima zu ruinieren – Wege aus einem globalen Konflikt

Das Weltklima wird ohne eine drastische Veränderung der Landwirtschaft nicht zu retten sein. Das ist das Ergebnis des Dossiers: „Zerstört die Landwirtschaft das Klima? 10 Milliarden Menschen ernähren ohne das Weltklima zu ruinieren – Wege aus einem globalen Konflikt“, das das Institut für Welternährung – World Food Institute e.V., Berlin, IWE, anlässlich der Klimakonferenz in Marrakesch vorlegt.

Die Landwirtschaft trägt global zu einem Viertel zur Klimabelastung bei. Zu den stärksten Treibern im System der modernen Agrarwirtschaft zählt der synthetische Stickstoffdünger. „Vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung wird sein Gebrauch in Zukunft weiter massiv steigen,“stellt der Sprecher des IWE Dr. Wilfried Bommert fest. Bisher gebe es für diesen Bereich jedoch weder klare Reduktionsziele noch eine wirksame Begrenzungsstrategie. Auch in ihrem Klimaschutzplan für Marrakesch habe sich die Bundesregierung nicht dazu durchringen können, den synthetischen Stickstoff als Klimaproblem anzusprechen.

„Es ist zwingend notwendig, die synthetische Düngung grundlegend zu überdenken und an ihre Stelle organische Quellen der Stickstoffversorgung zu setzen,“ erklärt Bommert, der auch Mitautor des Dossiers ist. „Aus Klimasicht empfiehlt sich bis 2050 eine Doppelstrategie: Zum einen Ausstieg aus der mineralischen Stickstoffdüngung und zum anderen der zügige Einstieg in eine flächendeckende agrarökologische Bewirtschaftung.“

Wenn die Landwirtschaft nicht stärker in die Bemühungen zur Verringerung der Treibhausgase einbezogen wird, sieht das Institut für Welternährung die Ziele der Bundesregierung bei Klimaschutz und Welternährung in Gefahr, In einem Brief an die Bundeskanzlerin fordert das IWE von der Bundesregierung, den gegenwärtig favorisierten Weg einer vom synthetischen Stickstoff getriebenen Landwirtschaft zu verlassen und durch Gesetzgebung wie auch durch Forschungsförderung die Agrarökologie ins Zentrum ihrer Bemühungen zu rücken.

„Zerstört die Landwirtschaft das Klima? 10 Milliarden Menschen ernähren ohne das Weltklima zu ruinieren – Wege aus einem globalen Konflikt“, Recherche: Anne Preger, Redaktion: Wilfried Bommert und Manfred Linz. Veröffentlicht 15.11.2016

IWEDossier: Zerstört die Landwirtschaft das Klima?
Bioökonomie schafft neue Fluchtursachen

Bioökonomie schafft neue Fluchtursachen

IWE-Studie: Welternährung kann nicht nachhaltig durch Bioökonomie gesichert werden

Anlässlich des „Global Bioeconomy Summit“, der vom 24. bis 26. November unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung in Berlin stattfindet, stellt das Institut für Welternährung – World Food Institute (IWE) die Versprechen und Folgen der Bioökonomie auf den Prüfstand. Die Studie, die mit Unterstützung der Schweisfurth-Stiftung erstellt wurde, trägt den Titel „Mit Bioökonomie die Welt ernähren?“. Die Autoren kommen darin zu dem Schluss: Bioökonomie leistet keinen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung der Welternährung. Im Gegenteil, sie droht weltweit den Kampf um biologische Rohstoffe und Ackerflächen anzutreiben, die Lebensmittelpreise zu erhöhen, und damit das Risiko von Hunger, Armut und Flucht zu vergrößern.

Im Konzept der Bioökonomie wird die Natur, egal ob wild oder kultiviert, egal ob Getreide, Öl-, Eiweiß-, Faserpflanzen, Holz oder Zucker, zum Rohstofflager einer globalen Industrie erklärt. Biotechnologische Verfahren, von der Gentechnik bis zur synthetischen Biologie, mit deren Hilfe die Schöpfung neu programmiert werden soll, gehören zu ihren Werkzeugen. Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Mitautor der IWE Studie, sieht darin Hochrisikotechnologien ohne Rückfahrkarte. Und er stellt fest: „Die Wunderwaffen der Bioökonomie können nach hinten losgehen“.

Die Studie „Mit Bioökonomie die Welt ernähren?“ von Franz-Theo Gottwald und Joachim Budde wurde mit Unterstützung der Schweisfurth- Stiftung erstellt.

Franz-Theo Gottwald, Joachim Budde: Mit Bioökonomie die Welt ernähren? 25.11.2015:

IWEBioökonomie schafft neue Fluchtursachen
Der Veggie Day der Grünen

Der Veggie Day der Grünen

Eine politische Analyse von Manfred Linz

Im Wahlkampf für die Bundestagswahl 2013 haben Bündnis 90/Die Grünen in ihr Wahlprogramm den Vorschlag eines fleischlosen Wochentages, eines Veggie Days (VD), in öffentlichen Kantinen eingesetzt und dafür vehementen Widerspruch in den publizistischen und sozialen Medien erfahren. Die BILD-Zeitung eröffnete die hitzige Debatte mit der großflächigen Überschrift „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten“. (5.8.2013)

In dieser Diskussion erfuhren die Grünen neben allerhand Zustimmung einen vielfachen Protest, ja einen Verriss ihres Planes. Die Partei selbst hat diese Ablehnung als einen der wichtigen Gründe für ihr schwaches Abschneiden bei der Wahl benannt. Sie musste einen Rückgang der Stimmen von 10,7 Prozent 2009 auf 8,4 Prozent 2013 hinnehmen. Diese Einbuße hat die Grünen so verschreckt, dass sie ihren Vorschlag eines Veggie Days ausdrücklich zurückgenommen haben, und zwar unter dem Titel „Freiheit Grün Gestalten – emanzipatorisch und partizipativ, verantwortungsbewusst und solidarisch“.

Wie berechtigt und wie notwendig ist diese Selbstkorrektur? War es der Vorschlag eines fleischlosen Kantinenessens pro Woche als solcher, der den Grünen die Stimmen gekostet hat? War es die Art und Weise, wie er formuliert war und kommuniziert wurde? Es lohnt sich, diesen politischen Vorstoß zu einer gesünderen Lebensweise genauer zu untersuchen.

Manfred Linz: Manfred Linz: Der Veggie-Day der Grünen. Eine politische Analyse, 15.07.2015:

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Studie: Unter falscher Flagge? Entwicklungspolitik der New Alliance for Food Security and Nutrition

Studie: Unter falscher Flagge? Entwicklungspolitik der New Alliance for Food Security and Nutrition

Entwicklungspolitik der New Alliance for Food Security and Nutrition

Die Entwicklungspolitik der G7, die unter der „New Alliance for Food Security and Nutrition“ firmiert, droht die Flüchtlingsströme aus Afrika massiv zu verstärken. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Instituts für Welternährung – World Food Institute e.V.

2012 schlossen sich die damaligen G7-Staaten plus Russland unter dem Namen „New Alliance for Food Security and Nutrition“ mit führenden Weltkonzernen zusammen, um Hunger und Armut in Afrika zu bekämpfen. Doch bei genauerer Betrachtung könnte sie das genaue Gegenteil bewirken. Nach Schätzungen des Instituts läuft die G7 Politik darauf hinaus, in den kommenden Jahren mehr als 100 Millionen Kleinbauern in Afrika zu entwurzelt und in die Slums der großen Städte abzudrängen.

„Das Programm der New Alliance kann sich auf mittlere Sicht als Brandbeschleuniger für die Flüchtlingsströme nach Europa erweisen und nicht als Hilfe gegen Hunger und Armut in Afrika“, warnt der Sprecher des Instituts für Welternährung Dr. Wilfried Bommert.

Anja Humburg, Wilfried Bommert: UNTER FALSCHER FLAGGE? Entwicklungspolitik der New Alliance for Food Security and Nutrition, 20.06.2015:

IWEStudie: Unter falscher Flagge? Entwicklungspolitik der New Alliance for Food Security and Nutrition
Glyphosat fördert Resistenz gegen Antibiotika

Glyphosat fördert Resistenz gegen Antibiotika

Institut für Welternährung fordert neue Glyphosat-Debatte

Global 2000/Flickr (CC BY-ND 2.0)

Ein schlimmer Verdacht: Der Einsatz von Glyphosat führt zu Antibiotika-Resistenzen bei Menschen. Das ist die Konsequenz der Studie eines internationalen Forscherteams an der Universität von Florida. Unter dem Titel „Environmental and health effects of the herbicide glyphosate“ veröffentlichte das Team Erkenntnisse, die bisher in der Diskussion über Glyphosat unberücksichtigt geblieben sind.

Die Forscher um A.H.C. Van Bruggen stellen fest, dass Glyphosat, so wie es heute eingesetzt wird, im Boden zu einer Selektion von Bakterien führt. Es überleben diejenigen, die gegen Glyphosat resistent sind. Damit einher geht aber auch eine Antibiotikaresistenz. Diese sogenannte Kreuz-Resistenz ist seit 2015 bekannt. Sie wurde seither in immer mehr Ackerböden, auf denen Glyphosat eingesetzt wird, festgestellt.

Die Forscher warnen jetzt davor, dass diese Antibiotika-Resistenz über den Boden, die Pflanzen, die damit gefütterten Tiere und schließlich über die Nahrung auch auf die Menschen überspringen könne. Dieser Pfad vom Acker bis zum Menschen sei bisher unberücksichtigt geblieben, könne aber erklären, warum es immer mehr Resistenzen gegen Antibiotika in der Tierhaltung ebenso wie bei Menschen gibt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte Ende 2017 vor dieser Entwicklung, in der sie eine der größten Bedrohung für die globale Gesundheit und die Ernährungssicherheit sieht.

Die Forscher der Universität von Florida fürchten, dass der weltweit steigende Einsatz von Glyphosat zu einer steigenden Unwirksamkeit von Antibiotika führen könnte. Diese fatale Dimension des Herbizid-Einsatzes, so die Forscher, spiele bisher in der Debatte um die Zulassung keine Rolle.

Diese Ignoranz der Zulassungsbehörden könne sich jedoch als großer Fehler erweisen, erklärt der Sprecher des Instituts für Welternährung Wilfried Bommert zu Jahresbeginn in Berlin. Der Verdacht, dass Glyphosat Antibiotika-Resistenzen fördere, sei ein weiteres Warnsignal an die Regierung, eine grundsätzliche und ökologische Wende ihrer Agrarpolitik einzuleiten. Glyphosat müsse im Lichte dieser Erkenntnisse neu bewertet werden.

Die Studie „Environmental and health effects of the herbicide glyphosate“ finden Sie hier.

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Landgrabbing: Wie der Hunger nach Boden die Welternährung bedroht

Landgrabbing: Wie der Hunger nach Boden die Welternährung bedroht

Beitrag von Wilfried Bommert im Dossier "Migration und Entwicklung" der bpb

Tropical forest deforestation for oil palm plantations in Costa Rica/ Wikipedia Commons

Der Beitrag „Landgrabbing: Wie der Hunger nach Boden die Welternährung bedroht“ von IWE-Sprecher Wilfried Bommert erschien im Dossier „Migration und Entwicklung“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Private Investoren und staatliche Akteure aus Industrie- und Schwellenländern sichern sich durch Direktinvestitionen, Kaufverträge oder langfristige Pachtverträge große Agrarflächen in Entwicklungsländern – eine Praxis, die auch als Landgrabbing bzw. Landnahme bezeichnet wird. In seinem Beitrag untersucht Wilfried Bommert die Fragen, wer die Drahtzieher hinter diesen Geschäften sind, was sie antreibt und welche Konsequenzen die Landnahme für die Welternährung hat.

Den Artikel „Landgrabbing: Wie der Hunger nach Boden die Welternährung bedroht“ finden Sie hier.

Das Dossier „Migration und Entwicklung“ der bpb hier.

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Verbrannte Mandeln: Wie der Klimawandel unsere Teller erreicht

Verbrannte Mandeln: Wie der Klimawandel unsere Teller erreicht

von Wilfried Bommert und Marianne Landzettel

Klimawandel ist die Sache der anderen? Falsch: Er wird uns schneller erreichen, als uns lieb ist und er trifft uns in unserer Komfortzone. Bei Kaffee, beim Rotwein, auf der Grillplatte, beim Spargelessen, bei den Oliven. Er greift nach der süßen Seite unseres Lebens, nach Kakao und Schokolade. Selbst Austern und Miesmuscheln sind in Gefahr. Orangensaft adé. Mandeln verbrannt! Was tun?

Selbst Tee trinken hilft nicht mehr weiter. Die Monokulturen halten den Stress von Hitze und Dürre nicht aus. Die Saatgut-Monopole der Welt-Landwirtschaft haben auf die falschen Pflanzen gesetzt. Ihre Hochleistung lässt sich nicht durchhalten. Der Klimawandel zeigt der industriellen Landwirtschaft ihre Grenzen auf. Zu viel oder zu wenig Regen, zu hohe oder zu niedrige Temperaturen bringen die Ernten ebenso in Gefahr wie neue Schädlinge. Die Kosten steigen, Anbaugebiete müssen aufgegeben werden. Unser Teller wird sich leeren, wenn die Weltlandwirtschaft nicht neu aufgestellt wird, und zwar vielfältig und ökologisch, robust gegenüber Wetterextremen.

Zwei ausgewiesene Experten zeigen anhand von zehn beliebten Nahrungsmitteln die Folgen des Klimawandels und beantworten die Frage, wie wir den veränderten Bedingungen begegnen können: Die Agrarwende steht an, nur Nachhaltigkeit kann unsere Ernährung sichern.

Über die Autoren:

Wilfried Bommert, promovierter Agrarwissenschaftler, war Begründer und Leiter der Umweltredaktion des WDR und ist Mitbegründer des Instituts für Welternährung, Berlin.

Marianne Landzettel ist Journalistin, sie arbeitete für SDR/SWR, Zeitfunk und Landfunk, war zehn Jahre bei BBC World Service tätig. Seit 2013 arbeitet sie als freie Journalistin (Schwerpunkt Nahrungsmittel und Landwirtschaft). Schreibt für Medien in Deutschland und den USA, in Großbritannien regelmäßiger Blog für die Soil Association. Sie lebt in London.

Mehr Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe finden Sie hier.

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Der Glyphosat-Retter

Der Glyphosat-Retter

Kommentar von Wilfried Bommert

Wenn es ans Ende geht, denkt, wer sich zu den Großen rechnet, an die historische Dimension. Woraus besteht der Nachlass, was wird in den Geschichtsbüchern stehen? Der deutsche Landwirtschaftsminister hat entschieden: Sein Vermächtnis heißt Glyphosat.

Nur: Wem will er sich damit empfehlen? Der Mehrheit der deutschen Konsument_innen nicht. Den Wähler_innen der CSU für die kommende Landtagswahl? Oder bereitet hier einer etwas ganz anderes vor – seinen politischen Ab- und Übergang?

Wem kann sich ein Minister empfehlen, in dessen Amtzeit drei Viertel der Insekten von deutschen Feldern verschwanden? In der immer neue Trinkwasserreserven mit Nitrat aus den Mastfabriken verseucht wurden? In dessen Amtszeit Antibiotika in die Mastställe Einzug gehalten haben, die eigentlich nur als letzte Waffe im Kampf gegen Bakterien beim Menschen gedacht waren, sogenannte Reserve-Antibiotika? Wem empfiehlt sich einer, der in seiner Amtszeit die Klimalast von synthetischem Stickstoffdünger und intensiver Fleischproduktion unter den Teppich kehrte und die ökologische Landwirtschaft in ein 20 Prozent-Getto einsperren wollte?

Wenn nicht den Wähler_innen, wem dann? Wen sollte die Geste der Entschlossenheit beeindrucken, die er vor den Kameras der Tagesschau in Brüssel demonstrierte, als er klammheimlich und gegen seine Kabinettskollegin Glyphosat durchwinkte? Es ist ernüchternd zu erkennen, wem sich da ein noch amtierender Minister anbiedert. Sein Vermächtnis gilt den Industrien, die er während seiner Amtszeit unterstützt hat. Glyphosat ist nun der letzte Ausweis, dass er sich zu ihnen zählt, dass er für höchste Berater- und Chefposten qualifiziert ist, frei von Skrupeln, frei von Interessenkollisionen, frei von Verantwortung für ein enkeltaugliches Ernährungssystem. Einzig sich selbst verpflichtet und Glyphosat.

IWEDer Glyphosat-Retter
Klimawandel und Ernährung: „Der Druck im Kessel steigt“

Klimawandel und Ernährung: „Der Druck im Kessel steigt“

Wilfried Bommert im Gespräch mit Friedhelm Mühleib

Das folgende Interview wurde am 21.11.2017 auf dem Blog tellerrand veröffentlicht:

Alle reden vom Wetter, kaum einer denkt an die Ernährung. Der Bonner Weltklimagipfel war für die Medien ein willkommener Anlass, wieder einmal über die Folgen des Klimawandels zu berichten.

In (zu Recht) finsteren Szenarien wurde in zahllosen Beiträgen dargestellt, was uns an Katastrophen bevorstehen könnte. Tatsächlich kündigen extreme Wetterlagen wie Überschwemmungen, Stürme, Dürren und Hitzekatastrophen weltweit den realen Klimawandel an. Dass die derzeitige globale Agrarwirtschaft erheblich zum Klimawandel beiträgt und andererseits die Gefährdung unserer Versorgung mit Nahrung zu den gravierendsten Folgen dieses Wandels gehören wird, spielte in den Diskussionen während des Klimagipfels kaum eine Rolle.
Der Agrarwissenschaftler Dr. Wilfried Bommert, während vieler Jahre Leiter der Umweltredaktion des WDR und Mitbegründer des Instituts für Welternährung in Berlin, sieht darin im Interview mit tellerrand ein fatales Versäumnis.

tellerrand: Hat der Fokus der Konferenz auf den Ausstieg aus Kohle und Verbrennungsmotor den Blick der Teilnehmer auf die Rolle der weltweiten Lebensmittelproduktion und die Folgen des Klimawandels für die Ernährungssicherheit verstellt?
Bommert:  Das Thema stand tatsächlich im Hintergrund, was wirklich fatal ist. Wir wissen, dass das Klima zu etwa einem Viertel vom Ernährungssystem beeinflusst wird. Konkret heißt das: Das Ernährungssystem trägt wesentlich zum Klimawandel bei, und ohne die Veränderung des Ernährungssystems ist das Klimasystem nicht zu retten. Wenn das Thema auf der Weltklimakonferenz nicht auf den Tisch kam, hat das natürlich seine Gründe. Die großen Industrienationen sabotieren diese Diskussion, weil sie ihre Landwirtschaften in der herkömmlichen Weise weiter betreiben wollen. Da steckt enorm viel Geld drin, und man möchte die Renditen nach Möglichkeit nicht gefährden.
tellerrand: Optimistische Prognosen gehen davon aus, dass die Erde bis zu 10 Milliarden Menschen ernähren kann. Ist diese Prognose auch angesichts eines bevorstehenden Klimawandels noch haltbar?
Bommert: Sie ist dann haltbar, wenn man die großen Puffer verwertet, die in unserem heutigen Ernährungssystem stecken. Dreißig bis fünfzig Prozent unserer Lebensmittel werden weggeworfen bzw. landen im Abfall. Lebensmittelabfall und Lebensmittelverschwendung stellen riesige Puffer dar! Auch die Überernährung ist eine Art von Verschwendung. Der Ansatz, aus Nahrungsmitteln Brennstoffe für Autos zu machen, gehört ebenfalls zu den Wegen, die für eine vernünftige Welternährung nicht zielführend sind. Bei konsequenter Verwertung dieser Puffer würde das, was wir heute haben, auch dann noch reichen, wenn sich die gegenwärtige Weltbevölkerung verdoppelt.

Was die Menge der für die Versorgung nötigen Nahrung betrifft, wäre zunächst also kein Anlass zur Sorge – selbst wenn Klimaveränderungen kommen. Es geht vielmehr um die Frage, wen die beginnenden Veränderungen am härtesten treffen werden. Die klare Antwort darauf lautet: Am meisten wird es die Menschen im globalen Süden treffen. Die haben schon heute nichts zu nagen und zu beißen und werden am Ende die Klimaveränderung am stärksten spüren. Die Folge werden neue Migrationsströme sein: Wo es nichts mehr zu essen gibt, werden sich die Menschen in Bewegung setzen. Sie werden in Massen ihr Bündel und in Richtung Norden marschieren, denn der Norden wird erstmal am wenigsten betroffen sein.
tellerrand: Erstmals seit drei Jahren verzeichnet der Forscherverbund Global Carbon Project wieder einen Anstieg der globalen CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen und der Industrie. Mit der Zunahme der CO2-Emissionen auf geschätzte 41 Milliarden Tonnen in diesem Jahr seien die Klimaziele von Paris nur noch schwer zu erreichen. Was wird passieren, wenn sich diese Entwicklung nicht stoppen lässt und das Zwei-Grad-Ziel verfehlt wird?

Bommert: Dann wird es kritisch: Die Hochleistungspflanzen, die wir zur Zeit anbauen, sind nur für eine bestimmte Temperaturspanne ausgelegt. Temperaturen, die während der Vegetationsperiode unserer hochgezüchteten Nahrungspflanzen dauerhaft über 27 Grad liegen, führen zwangsläufig zu Ertragsminderungen. Sollte die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 2 Grad und mehr steigen, dann werden Hitzewellen in bisher nicht gekanntem Ausmaß um die Welt ziehen. Das wiederum wird die Ernten einbrechen lassen.
tellerrand: Wie schnell wird sich das auf die weltweiten Ernährungssysteme auswirken?
Bommert: Schneller als wir denken! Je schneller und höher die Temperatur steigt, desto weniger kann unser Biosystem die Umstellung abfedern. Dann sind wir in richtig großen Schwierigkeiten. In der Zeit, die uns dann bleibt, lassen sich keine neuen, angepassten Pflanzen oder Tiere selektieren oder züchten. Je mehr Zeit wir haben, desto größer unsere Chancen. Es wird insbesondere in den Ländern des Südens sehr schnell gehen, die werden die Konsequenzen am stärksten spüren. Die haben zudem den Nachteil, auf der internationalen Bühne mit ihren Anliegen kaum politisches Gehör zu finden, obwohl es für sie um die Existenz geht. Die laufen in den ökonomischen Ruin. Zum einen, weil der Klimawandel dort Arbeitsplätze und ganze Wirtschaftszweige vernichtet.

Zum anderen, weil er die Ernährungssicherheit gefährdet. Nehmen sie zum Beispiel Brasilien – ein Land, das noch immer von den Erträgen seiner Agrarwirtschaft abhängig ist. Kaffee, Soja und Zitrusfrüchte – insbesondere Orangen – gehören dort zu den wichtigsten Kulturen, von denen die Agrarwirtschaft lebt. Alle drei sind massiv vom Klimawandel bedroht. Schätzungen zufolge wird die Anbaufläche für Kaffee um 80% zurückgehen, weil es einfach zu warm für die Pflanze wird. Tausende von Menschen werden ihre Jobs und ihr Einkommen verlieren. Am Ende werden auch wir es merken – wenn der Kaffee zum teuren Luxus wird.
tellerrand: Ist nicht gerade Brasilien ein Beispiel dafür, wie ohnmächtig die Regierungen dieser Länder selbst im eigenen Land sind? Im Oktober wurde ein Viertel des brasilianischen Nationalparks Chapada dos Veadeiros durch Brände zerstört – insgesamt mehr als 10.000 Quadratkilometer. Das entspricht etwa einem Drittel der Fläche Belgiens oder der zwölffachen Fläche Berlins. Die Brände wurden vermutlich von Großgrundbesitzern gelegt aus Wut über die Naturschutzpolitik der Regierung.
Bommert: Aus diversen Recherchereisen nach Brasilien weiß ich, dass es dort genug kriminelle Banden gibt, für die der persönliche Profit an erster Stelle steht, und die auch vor einer Erpressung von Politikern und der Regierung nicht zurückschrecken. Brasilien ist von Korruption durchzogen. Das hat nach der Diktatur nie aufgehört: Dort feiern Illegalität und Gewinnsucht noch immer freudige Urständ. Das Land wird regiert von einer kleinen Clique von Reichen und Mächtigen, die jenseits der demokratischen Spielregeln machen, was sie wollen. Die Bevölkerung hat leider noch einen langen Weg vor sich, bis ihre junge Demokratie diesen Namen verdient.
tellerrand: Brasilien ist kein Einzelfall – schon gar nicht, wenn es um Umweltzerstörung und Klimafrevel geht – man denke nur an die riesigen Brandrodungen auf den Philippinen. Sind angesichts solcher Umweltzerstörung und Freisetzung von CO2 in gigantischem Ausmaß die hiesigen klimapolitischen Streitereien – etwa derzeit bei den Jamaika-Sondierungen – nicht reine Symbolpolitik?  
Bommert: Natürlich kann man sich fragen, warum wir uns hier bemühen ein paar Gramm CO2 mehr einzusparen, während dort die Urwälder brennen. Ich würde die Gleichung stattdessen so aufmachen: Es ist wichtig, dass wir hier anfangen, denn Deutschland war und ist Vorbild. Wenn man weltweit umherreist, merkt man, dass es die Welt interessiert, was die Deutschen machen. Überall fragen Dich die Leute, warum man in Deutschland bestimmte Dinge macht und andere Dinge nicht macht.

Was wir machen – so meine feste Erfahrung und Überzeugung – wirkt am Ende auch stimulierend auf Veränderungen in anderen Ländern. Das ist die eigentliche Bedeutung unseres relativ kleinen Landes in der globalen Klimapolitik. Wir spielen weltweit eine wichtige Rolle als politischer Katalysator für Veränderungen.
tellerrand: Kritiker der Bonner Konferenz monieren die mageren Ergebnisse des Klimamarathons. Für wie hoch ist die Chance, dass es in absehbarer Zeit zu wirksamen Veränderungen und Maßnahmen kommt?  
Bommert: Der Druck im Kessel steigt. Die Frage wird am Ende nicht mehr sein, was wir machen wollen, sondern was wir machen müssen. Da wird es dann nicht mehr um freiwillige Vereinbarungen gehen. Spätestens dann wird die Politik begreifen, dass tiefgreifende Einschnitte und Veränderungen der einzige Ausweg sind, um der ganz großen Katastrophen noch aus eigener Kraft zu entgehen. Das wird nicht auf freiwilliger Basis laufen – ohne administrative Einschränkungen wird das nicht abgehen. Die Verhältnisse werden die Politik zum Handeln zwingen, und dann muss die Politik reagieren.

IWEKlimawandel und Ernährung: „Der Druck im Kessel steigt“