Bundesweites Netzwerk von Ernährungsräten gegründet

Bundesweites Netzwerk von Ernährungsräten gegründet

Erster Kongress der Ernährungsräte will urbane Ernährungspolitik auf die kommunale Agenda bringen

Manuel/Flickr Commons

Unter dem Motto „Ernährungsdemokratie jetzt!“ wurde ein Netzwerk von mehr als 40 Ernährungsräten und Ernährungsrats-Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum gegründet. Auf dem ersten Kongress der Ernährungsräte trafen sich am 12. November in Essen Engagierte aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol. Ihr Ziel: Sie wollen demokratische Ernährungssysteme in den Kommunen aufbauen.

Ernährungsräte sind meist aus der Zivilgesellschaft gegründete, beratende Gremien der Städte. Sie stellen den Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Landwirten, Händlern, Verbrauchern und Gastronomen her, um die Lebensmittelversorgung in den Städten zukunftsfähig und gerecht zu gestalten. Die ersten Ernährungsräte in Deutschland wurden 2016 in Berlin und Köln gegründet. Dieses Jahr kamen Frankfurt am Main, das Saarland, Dresden und Oldenburg dazu. Auch in Oberösterreich, Zürich und Südtirol gibt es Ernährungsräte, viele weitere stehen in Gründung.

„Über unsere Ernährung bestimmen heute vor allem große Lebensmittelkonzerne, die auf den Weltmarkt ausgerichtet sind. Doch immer mehr Menschen wollen mitentscheiden, wo ihr Essen herkommt und wie es produziert wurde“, sagte der Gründer des Ernährungsrates in Köln und Filmemacher Valentin Thurn. „Die Ernährungsräte sind dafür ein perfektes Forum, das Konzept breitet sich in Deutschland rasend schnell aus. Mit dem neu gegründeten Netzwerk wollen wir diese Bewegung weiter stärken.“ Kommunen und Länder sollten das hohe Engagement der meist ehrenamtlichen Initiativen unterstützen. Die Ernährungswende von unten sei eine riesige Chance für Städte, sich klimafreundlicher und gesünder zu versorgen. „Essen kann eine Brücke zwischen sozialen und ethnischen Gruppen sein. Nicht zuletzt können wir so das Thema Nachhaltigkeit mit Spaß verbinden“, so Thurn weiter.

Ziel der Ernährungsräte ist es, die Lebensmittelversorgung in den Städten transparent zu machen, lokale Erzeuger zu stärken und Lebensmittel aus dem Umland direkt in die Städte zu bringen. Kleinbäuerliche Betriebe sollen tragfähige Einkommensperspektiven erhalten und faire, vielfältigere Marktstrukturen aufgebaut werden. Zudem müssen nachhaltig erzeugte Lebensmittel für einkommensschwache Haushalte zugänglicher werden. Die Idee der Ernährungsräte stammt aus Nordamerika, wo sich die ersten „Food Policy Councils“ vor 30 Jahren gründeten und inzwischen weit verbreitet sind. Auf dem Essener Kongress tauschten sich Ernährungsrats-Experten aus den USA, Kanada, Brasilien und Großbritannien mit der jungen Gründerszene im deutschsprachigem Raum darüber aus, wie Ernährungsräte erfolgreich gegründet werden und arbeiten können.

„Urbane Ernährung wird bisher als politisches Handlungsfeld weitgehend vernachlässigt. Aber wir brauchen Ernährungspolitik in den Städten, denn hier müssen die Veränderungen beginnen“, erklärte Christine Pohl vom Ernährungsrat Berlin. „Ernährungsräte sind die lokale Antwort auf viele Probleme, die durch unser derzeit globalisiertes Ernährungssystem verursacht wurden. Die Frage: ‚Wie ernährt sich meine Stadt?’ ist so einfach wie wichtig. Jetzt kommen endlich die unterschiedlichsten Menschen zusammen, um gemeinsam die Bestimmungsmacht über ihre Teller zurückzugewinnen.“

„Das neu gegründete Netzwerk der Ernährungsräte in Deutschland ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Ernährungssystem.“ stellte Dr. Wilfried Bommert, Vorstand und Sprecher des Instituts für Welternährung e.V., Berlin, fest. „Die Zivilgesellschaft gibt hier Richtung und Takt vor.“ Die neue Koalition in Berlin sei gut beraten, wenn sie diese Bewegung ernst nimmt und ihr durch ein „Bundesprogramm zur Förderung zukunftsfähiger regionaler Ernährungssysteme“  politischen Rückhalt verschafft.

Mehr Informationen zu Ernährungsräten unter: www.ernaehrungsraete.de

 

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Erster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte

Erster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte

10.-12. November 2017 in der Alten Lohnhalle, Essen

Quelle: Taste of Heimat e.V.

Die bestehenden Ernährungssysteme sind kein Naturgesetz – wir können sie ändern! In lokalen Ernährungsräten oder ähnlichen Initiativen können wir mitbestimmen, wie unser Essen produziert, verteilt und verwertet wird, und wir können auch die Ernährungspolitik aktiv beeinflussen.

Die ersten beiden Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum sind 2016 in Berlin und Köln entstanden. In vielen weiteren Städten und Regionen im deutschsprachigen Raum gibt es Pläne für ähnliche Initiativen. Wir wollen uns gegenseitig inspirieren und voneinander lernen.

Als Auftakt für ein dauerhaft tragfähiges Lern- und Aktionsnetzwerk soll das Wochenende uns dabei unterstützen, selbständig Ernährungsräte zu gründen und weiter zu entwickeln. Lasst uns jetzt gemeinsam beginnen mit dem nötigen Wandel – denn Ernährungsdemokratie geht uns alle an!

Vorläufige Kurzfassung des Programms:
Freitag Abend: Pioniergeist – von anderen Ernährungsräten lernen (mit internationalen Referent*innen).

  • Samstag Vormittag: Los geht’s – Kennenlernen der verschiedenen Ernährungsinitiativen im deutschsprachigen Raum und Infomarkt
  • Samstag Nachmittag: Do It Yourself – Welche Erfahrungen bringen uns weiter, welche Hürden müssen überwunden werden, was motiviert und inspiriert uns
  • Samstag Abend: Party – Ernährungsouveränität feiern!
  • Sonntag Vormittag: Lessons Learned – Was haben wir gelernt, welche Ressourcen haben wir, welche weiteren brauchen wir?
  • Sonntag Nachmittag: Zukunftspläne schmieden – wie machen wir gemeinsam weiter?

Das komplette Programm finden Sie demnächst hier, wer sich jetzt schon anmelden oder bei der Vorbereitung mitarbeiten möchte, schreibt bitte an anmeldung@tasteofheimat.de

IWEErster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte
Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Bericht von der 1. Fachtagung am 18.10.2017 in München

Die 1. Fachtagung „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte“ fand am 18. Oktober 2017 im Rahmen des Klimaherbstes in München statt.

Die Frage, wie wir uns ernähren, woher unser Essen kommt und wie es erzeugt wird, soll künftig noch mehr Bestandteil kommunaler Politik werden. Das ist das Ziel des Projektes „Ernährungswende“, das vom Berliner Institut für Welternährung gemeinsam mit dem Umweltbundesamt auf den Weg gebracht wurde. Es unterstützt die Zivilgesellschaft in Berlin, Hamburg, München und Köln bei der Entwicklung lokaler Ernährungskonzepte.

Zur 1. Fachtagung waren VertreterInnen von Ernährungsräten in Aktion und in Gründung, Verbände, Handel, Gastronomie, Landwirtschaft, Handwerk, Forschung, Verwaltung und Politik und alle, die Ernährung auf eine neue regionale Basis stellen wollen, eingeladen.

Neben Vorträgen der Projektleiterin Agnes Streber (Ernährungsinstitut KinderLeicht) und Wilfried Bommert (IWE – Institut für Welternährung) sprach Almut Jering (Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau) zur „Bedeutung Regionaler Ernährungskreisläufe“ und Michael Böhm (Projektleiter Ecozept GbR, Freising) über „Food First – produktive Flächen für die Ernährungssouveränität von Metropolen“.

Außerdem stellten Jürgen Müller (Rechtsanwalt und Vorstand im Kartoffelkombinat – der Verein e.V., München), Apl. Prof. Dr. habil. Harald Lemke (Mit-Initiator des Ernährungsrates Hamburg), Frank Bowinkelmann (freier Journalist, Autor und 1. Vorsitzender des foodsharing e.V., Köln), Lea Kliem (Mit-Initiatorin des Ernährungsrates Berlin) als VertreterInnen der Ernährungsräte aus München, Hamburg, Köln und Berlin ihre Erfahrungsberichte vor.

Unten stehend finden Sie die Präsentationen sowie das Fotoprotokoll des Workshops zum Download.

Einen Bericht der in der Süddeutschen Zeitung über die Fachtagung finden Sie hier.

Vortrag: „Bedeutung Regionaler Ernährungskreisläufe“ Almut Jering (Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau)
Vortrag_Jering_UBA.pdf
PDF-Dokument [985.0 KB]
Vortrag: „Food First – produktive Flächen für die Ernährungssouveränität von Metropolen“ Michael Böhm (Projektleiter Ecozept GbR, Freising)
Vortrag_Böhm_Ecozept.pdf
PDF-Dokument [2.4 MB]
Vortrag: „Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Berlin“ Lea Kliem (Mit-Initiatorin des Ernährungsrates Berlin)
Vortrag_Kliem_ER Berlin.pdf
PDF-Dokument [1.5 MB]
Vortrag: „Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Köln“ Frank Bowinkelmann (freier Journalist, Autor und 1. Vorsitzender des foodsharing e.V., Köln)
Vortrag_Bowinkelmann_ER Köln.pdf
PDF-Dokument [1.5 MB]
Fotoprotokoll Workshop
Fotoprotokoll.pdf
PDF-Dokument [8.2 MB]
IWEDeutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte
Insekten weg – keiner Schuld?

Insekten weg – keiner Schuld?

Kommentar von IWE-Sprecher Wilfried Bommert

Quelle: Flickr CC BY-NC-SA 2.0

Wer ist schuld? Wir nicht, tönt die Lobby der Feldspritzen und Düngerstreuer. Wir nicht, echot es aus den Konzernen, die mit Insektiziden ihre Gewinne machen. Achselzucken bei den Verantwortlichen der Politik. So What? War’s nicht vielleicht der Klimawandel, das Extremwetter? Ausweichmanöver, wie wir sie kennen.

Bleiben wir hartnäckig. Könnte es sein, dass es die üblichen Verdächtigen sind, die nicht nur die Insekten auf dem Gewissen haben, sondern auch tatkräftig den Treibhauseffekt befeuern? Es sind die, die mit gutem Gewissen in den luftdicht verriegelten Kabinen ihrer Schlepper sitzen und auf endlosen Äckern den Spritzplan ihrer Chemiekonzerne abarbeiten. Mitläufer im großen Agromonopoly. Sie wollen dabei sein, wenn die großen Ernten eingefahren werden. Wissen Sie nicht, dass sie die Grundlagen dafür selbst zerstören?

Insekten, dass sind die, die dafür sorgen, dass wir Äpfel und Birnen essen können, Honig ernten, dass Singvögel satt werden. Ohne sie droht Kettenbruch in der Nahrungskette, auch in der unseren. Was davon wissen die, die da oben in den Schleppern sitzen? Fehlanzeige, wer in die Lehrpläne deutscher Landwirte schaut, wundert sich nicht mehr. Soviel Unwissen. Aber das schützt vor Strafe nicht, wie wir wissen. Und Insekten erteilen keine Absolution! Wenn der stumme Frühling kommt, werden wir vergeblich auf die Insekten, die Bienen und die Vögel warten, vor leeren Tellern.

IWEInsekten weg – keiner Schuld?
Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Einladung zur 1. Fachtagung am 18. Oktober 2017 im Rahmen des Klimaherbstes in München

Die 1. Fachtagung „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte“ findet am 18. Oktober 2017 im Rahmen des Klimaherbstes von 12.30 Uhr bis 18.00 Uhr in der Orange Bar, Green City Energy AG, Zirkus-Krone-Straße 10, 80335 München statt.

Die Frage, wie wir uns ernähren, woher unser Essen kommt und wie es erzeugt wird, soll künftig noch mehr Bestandteil kommunaler Politik werden. Das ist das Ziel des Projektes „Ernährungswende“, das vom Berliner Institut für Welternährung gemeinsam mit dem Umweltbundesamt auf den Weg gebracht wurde. Es unterstützt die Zivilgesellschaft in Berlin, Hamburg, München und Köln bei der Entwicklung lokaler Ernährungskonzepte.
Eingeladen sind VertreterInnen von Ernährungsräten in Aktion und in Gründung, Verbände, Handel, Gastronomie, Landwirtschaft, Handwerk, Forschung, Verwaltung und Politik und alle, die Ernährung auf eine neue regionale Basis stellen wollen.

Inhalt und Ziele der 1. Fachtagung „Lokale Ernährungskonzepte“:

Welche Erfahrungen wurden bisher gemacht, welche Konzepte entwickelt, welche Netze gesponnen, welche Bündnisse geschmiedet, welche Schwierigkeiten überwunden, welche Lehren können aus den vier Projektstädten Berlin, Hamburg, München und Köln gezogen werden. Sie haben Gelegenheit, sich zu informieren, engagieren und mit anderen Interessierten auszutauschen und zu vernetzen.

Programm der 1. Fachtagung „Lokale Ernährungskonzepte“:

12:30 Uhr Begrüßungskaffee & Akkreditierung

13:00 Uhr Begrüßung
Agnes Streber (Projektleitung, Ernährungsinstitut KinderLeicht, München)
Dr. Wilfried Bommert (Vorstand Institut für Welternährung, Berlin)

13:15 Uhr Bedeutung Regionaler Ernährungskreisläufe
Almut Jering (Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau)

13:40 Uhr Food First – produktive Flächen für die Ernährungssouveränität von Metropolen
Michael Böhm (Projektleiter Ecozept GbR, Freising)

13:55 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates München
Jürgen Müller (Rechtsanwalt und Vorstand im Kartoffelkombinat – der Verein e.V., München)

14:15 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Hamburg
Apl. Prof. Dr. habil. Harald Lemke (Mit-Initiator des Ernährungsrates Hamburg)

14:35 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Köln
Frank Bowinkelmann (freier Journalist, Autor und 1. Vorsitzender des foodsharing e.V., Köln)

14:55 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Berlin
Lea Kliem (Mit-Initiatorin des Ernährungsrates Berlin)15:15 Uhr Kaffee-/ Tee-Pause mit Snacks Vernetzung und Austausch

15:30 Uhr Ernährungskonzepte Werkstatt: Vier interaktive Stationen, um selbst tätig zu werden, je 30 Minuten

  • Bisherige Erfahrungen mit Ernährungsräten
  • Welche Herausforderungen stellen sich?
  • Zukunftsvisionen – wo geht es hin?
  • Welche Strukturen und Ressourcen braucht ein Ernährungsrat?

17:30 Uhr Lokale Ernährungskonzepte – wie geht es weiter?
Agnes Streber (Projektleitung, Ernährungsinstitut KinderLeicht, München)
Dr. Wilfried Bommert (Vorstand Institut für Welternährung, Berlin)

18:00 Uhr Ende der 1. Fachtagung
Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende: Lokale Ernährungskonzepte

Moderation: Harald Ulmer, Dipl.-Pol. Uni.

Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist kostenlos. Wir bitten Sie jedoch, 5 Euro Verpflegungspauschale in bar mitzubringen. Damit wir besser planen können und da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, ist eine schriftliche Anmeldung per Fax oder Email bis zum 11.10.2017 erwünscht. Nähere Informationen zur Anmeldung finden Sie im PDF Download.

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Ernährungsrat Berlin schafft den Sprung ins Politische

Ernährungsrat Berlin schafft den Sprung ins Politische

Wie viel zukunftsfähige urbane Ernährungspolitik steht in Berlin zur Wahl?

Selbstverständlich ist das nicht, dass Vertreter von allen vier Parteien im Berliner Stadtrat gemeinsam auf einer Euro-Palette Platz nehmen um sich auf den Zahn fühlen lassen. Doch am vergangenen Freitagnachmittag hat es geklappt. In der Markthalle Neun in Berlin fand die erste ernährungspolitische Fühlungnahme der Zivilgesellschaft mit den Parteien Berlins statt.

Gekommen waren Turgut Altug (Bündnis 90/Die Grünen, Sprecher für Natur- und Verbraucherschutz), Sabine Toepfer-Kataw (CDU, Staatssekretärin für Verbraucherschutz), Marion Platta (Die Linke, Sprecherin für Umwelt), Irene Köhne (SPD, Sprecherin für Verbraucherschutz) und für den Ernährungsrat Berlin Christine Pohl.

Die Frage war: Schafft das Thema Ernährung den Sprung in die Berliner Lokalpolitik? Werden die Parteien nach den Wahlen zum Abgeordnetenhaus am 18. September 2016 der Ernährung aus der Region Priorität einräumen? Das Fazit von zwei Stunden intensiver Befragung durch den Ernährungsrat Berlin lautet: Im Prinzip ja, aber…

Das „Ja“ ist zunächst einmal das Wichtigste Ergebnis. Alle geladenen Vertreter stehen einem regionalen Ernährungskonzept für Berlin positiv gegenüber. Nicht irgendwie, sondern sehr konkret. Sie sind sich erstaunlich einig darüber, dass dafür politisch Einiges geändert werden muss.

Da ist zunächst einmal der Staatsvertrag zwischen Berlin und Brandenburg, in dem hat Berlin 1994 seine Landwirtschaftsinteressen an Brandenburg übertragen. Die gilt es jetzt zurück zu holen, um eine eigene Berliner Ernährungspolitik zu entwickeln. Die Kleingärtner in der Stadt, die bisher mit befristeten Pachtverträgen leben müssen, sollen in Zukunft unbefristet auf ihren Parzellen gärtnern können.

Berlin soll  sich auf den Weg zur „Essbaren Stadt“ machen. In Parks und an Wegrändern soll mehr Obst und Gemüse für die Anwohner wachsen. Außerdem soll es in der Stadt künftig mehr Raum für Startups in Sachen regionaler Ernährung geben. Brenner, Brauer, Metzger, Bäcker, und Kaffeeröster sollen künftig in  Berlin nicht mehr um Räume betteln müssen, sie sollen bei der Stadtplanung ernst genommen werden. Und die Lebensmittelverschwendung soll in Zukunft auch weiter eingedämmt werden, durch mehr Aufklärung in Schulen und Kitas aber auch durch Wegwerfverbote, wie sie in Frankreich von der Politik gegenüber den großen Supermärkten schon durchgesetzt wurden.

Einer der größten Hebel der Stadt  zur Veränderung der Ernährungslandschaft liegt in ihren Einkaufsentscheidungen. Nicht nur in dem, was auf den offiziellen Empfängen gegessen und getrunken wird, sondern auch, was in den Mensen, Kantinen der Stadt, in den Kitas und Schulen auf den Tisch kommt. Das alles könnte über neue Vergabevorschriften Berlins geregelt und damit regionalisiert und ökologisiert werden.

Auch auf europäische Ebene soll der zukünftige Senat in Sachen Ernährung mitreden. Da geht es dann um den ganz großen Rahmen der Land- und Ernährungspolitik. Unter anderem um den ökologischen Fußabdruck, den Europäer in der Welt hinterlassen durch die gigantischen Futtermittelimporte, die in der deutschen Fleischproduktion enden.

Aus Brüssel kommen auch die Subventionen für die Industrielandwirtschaft in Brandenburg vor der Toren Berlins. Die schaffen Konkurrenzvorteile für die Großen, besonders beim Pachten und Kaufen von Boden und machen es angehenden Junglandwirten schwer, die Ernährung Berlins aus der Region zu sichern. Auch das könnte sich mit einen neuen Senat ändern. Das Subventionssystems Europas würde nicht mehr stillschweigend akzeptiert.

All das wäre denkbar – theoretisch jedenfalls. Vorausgesetzt, die befragten Volksvertreter finden Gehör bei ihren Parteien, und noch wichtiger, sie mischen noch mit nach der kommenden Berliner Landtagswahl.

Wie dem auch sei – am Ende stand in der Markhalle Neun ein Art Kontrakt zwischen Zivilgesellschaft und Politikern aller Parteien, an dem sich die Berliner Politik in Zukunft messen lassen muss. Der Ernährungsrat für Berlin hat damit die erste Hürde auf dem Weg zu einer regionalen und nachhaltigen Ernährungspolitik für die Bundeshauptstadt geschafft. Wie immer die Wahl ausgeht, nach dem 18. September wird Ernährung aus der Region in Berlin einen neuen Stellenwert haben, einen Politischen.

Sabine Jacobs

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Endzeitstimmung im Land der Mastbarone?

Endzeitstimmung im Land der Mastbarone?

Kommentar von Wilfried Bommert

Kein Ei zum Frühstück? Kein Schinken, keine Wurst? Den Bürgern vergeht der Appetit auf die Produkte der Eier- und Fleischfabriken. Seit letzter Woche sinkt die Lust auf Ei dramatisch. Giftalarm. Der Fleischkonsum rutscht gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent. Der Ekel der Mastställe hat die Teller erreicht. Der Pegel an gesundheitsschädlichem Nitrat im Grundwasser steigt.

Den Wasserwerken reißt der Geduldsfaden gegenüber der Agrarlobby, die seit Jahren „freiwillig“ für sauberes Wasser sorgen will, aber von Jahr zu Jahr mehr Gülle und Stickstoff auf ihre Felder kippt.

Es geht hier nicht um schwarze Schafe, um Einzelne. Es geht um ein System, dessen Wesen immer deutlicher zutage tritt: Er geht um den Kern der industriellen Land- und Ernährungswirtschaft. Sie hat sich über 50 Jahre daran gewöhnt, dass ihre Sünden verziehen, ihre Kollateralschäden durch die Bürger gezahlt werden. Ihr ist es egal, wer unter ihr den Landwirtschaftsminister gibt. Sie sitzt fest in den Entscheidungszentralen von Bund und Ländern. Sie schreibt geräuschlos Gesetze, Verordnungen und Regierungserklärungen mit. Und sorgt dafür, dass auch die nächste Mastfabrik genehmigt, dass auch das nächste Pestizid seinen Freifahrschein bekommt. Wer glaubt, der Dieselbetrug sei der einzige im Land, der sollte vielleicht einmal die Zulassungsverfahren von Agrargiften auf den Prüfstand stellen.

Um was handelt es sich bei dem Gift in den Eierfabriken, beim Elend in den Mastställen, beim steigenden Nitratpegel in unserem Lebensmittel Nummer Eins, dem Wasser? Ist das Systemversagen, das noch zu reparieren wäre? Oder ist es die Unbeherrschbarkeit des agrarindustriellen Systems, die da zu Tage tritt? Die zwangsläufig zu dem führen muss, was die ölgetriebene Autoindustrie nun erleben wird, das Aus?

Die Bürgergesellschaft jedenfalls bereitet sich vor auf den Gau an der grünen Front. Sie arbeitet daran, ihre Ernährung wieder in die Regionen zurück zu holen. Ihre „Ernährungswende“ hat bereits mehr als 20 Städte erreicht, mehr als 20 Prozent der deutschen Bevölkerung steht hinter ihr. Sie entwirft die Zukunft der Ernährung. Ein bürgerliches System der Selbstversorgung: Regional, ökologisch und fair. Und das sorgt für eine neue Stimmung im Lande: für Aufbruch. Im Gegensatz zur Endzeitstimmung bei den Mastbaronen!

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Köln geht voran: Ernährung wird Teil lokaler Politik

Köln geht voran: Ernährung wird Teil lokaler Politik

Stadt unterstützt Ernährungsrat mit jährlich 50.000 Euro

Als erste Stadt in der Bundesrepublik hat sich Köln entschlossen seine Ernährung wieder zum Teil der lokalen Politik zu machen. Der Rat beschloss am 11. Juli 2017 den „Ernährungsrat Köln und Umgebung“ mit 50.000 Euro jährlich zu unterstützen.

Den Zuschuss erhält der Gemeinnützige Verein „Taste of Heimat“, der die Entwicklung eines regionalen Ernährungskonzepts für die Domstadt seit 2015 vorantreibt. Das Institut für Welternährung (IWE) gratuliert dem Initiator und IWE-Mitglied Valentin Thurn herzlich zu diesem Erfolg.

„Köln setzt damit Maßstäbe für die Zusammenarbeit von Bürgern, Wirtschaft, Verwaltung und Politik bei der Entwicklung einer neuen und nachhaltigen Ernährungsstrategie“, erklärt Dr. Wilfried Bommert, der Sprecher des IWE. Die Domstadt profiliere sich mit diesem Beschluss als Vorreiter für die Regionalisierung der Ernährung in Deutschland. Sie ist damit Ansporn für einen neue deutsche Ernährungsbewegung, die „Regional, Bio und Fair“ zum Maßstab zukünftiger Ernährungskonzepte macht.

Auch in Berlin, Hamburg und München sammelt sich die Zivilgesellschaft, um ihre Ernährung zurück in ihre Region zu holen. Mittlerweile verfolgen Initiativen in mehr als 20 weiteren Städten in der Bundesrepublik ähnliche Konzepte.

Das Institut für Welternährung unterstützt diese Entwicklung im Rahmen seines Projekts „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“, das von Umweltbundesamt und dem Umweltministerium in Berlin gefördert wird.

Weitere Informationen zum Ernährungsrat Köln und Umgebung finden Sie hier.

IWEKöln geht voran: Ernährung wird Teil lokaler Politik
Hamburg auf dem Weg zur Ernährungswende

Hamburg auf dem Weg zur Ernährungswende

Projektbericht, Agrar Info Juni 2017

Wer bestimmt eigentlich, was auf unsere Teller kommt? Bislang werden zahlreiche Weichen dafür in Brüssel gestellt. Unter den Argusaugen globaler Konzerne und im Spannungsfeld der internationalen Agrarpolitik. Doch das soll sich in Zukunft ändern. Die Frage, wie wir uns ernähren, woher unser Essen kommt und wie es erzeugt wird, interessiert weltweit immer mehr Menschen. Sie fordern, dass Ernährung künftig Bestandteil der kommunalen Politik werden soll.

Diese Bewegung begann vor 35 Jahren in Nordamerika. Mittlerweile sorgt sie in mehr als 270 Städten, 212 in den USA und 60 in Kanada dafür, dass mehr Lebensmittel wieder im Dunstkreis der Städte angebaut und verarbeitet werden und, dass die Bürger dabei in Form von Food Policy Councils beratend mitbestimmen. Gemeinsam mit ihren Bürgermeistern und Stadträten holen sie das Essen wieder in die Städte zurück. Über Bauernmärkte, Kantinen, Catering, Schulküchen und auch über die großen Lebensmittelketten stärken sie die Bauern, die im Umkreis der Städte ackern und nicht die, die wie in den USA üblich, in 1000 Meilen Entfernung anbauen.

Der Einfluss der BürgerInnen geht bis in die Schaltzentralen der lokalen Politik. In Toronto, Kanada, geht kein Beschluss mehr durch den Stadtrat, der nicht vorher auf seine Folgen für die Stadternährung geprüft wurde. Wie mit den Flächen in der Stadt umgegangen wird, ob sie für Industrie, Wohnungsbau oder die Ernährung reserviert werden, unter der „Foodlence“ der Bürgerschaft werden die Konflikte aufgedeckt und dann politisch verhandelt.

Deutschland hat diese Bewegung erst sehr viel später erreicht. Seit 2014 beginnt sich die Zivilgesellschaft in Form von Ernährungsräten zu formieren. In Köln schlossen die Bürger im März 2016 einen Kontrakt, an dem auch die Stadtverwaltung, allen voran die Oberbürgermeisterin Henriette Reker, beteiligt ist. In Berlin gründete die Zivilgesellschaft im April 2016 ihren Ernährungsrat, hier allerdings ohne Beteiligung der Politik. Am 28. November 2016 lief als dritte Gründung der Zivilgesellschaft in Deutschland der Ernährungsrat in Hamburg vom Stapel, auch hier ohne Beteiligung der Stadt.

Wie eine Studie des Instituts für Welternährung (IWE) Berlin zeigt, sind in Hamburg mehr als 90 Organisationen aktiv. Ihre Stärke, so das Ergebnis der Studie, ist ihre Vielfalt, ihre Schwäche ist die Unübersichtlichkeit und der Mangel an gemeinschaftlicher Organisation. Doch genau das sollte sich mit dem Treffen ändern, zu dem das Institut für Welternährung unter dem Dach der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken in Hamburg eingeladen hatte.

Es kamen mehr als 80 interessierte BürgerInnen und AktivistInnen aus den unterschiedlichsten Hamburger Initiativen und Organisationen, darunter Agrar Koordination, Slow-Food Hamburg, Ökomarkt Hamburg e.V., Reginalwert AG Hamburg, das Netzwerk Öko-Landbau Schleswig-Holstein, auch die Studentinnen und Studenten wollten bei der Neuausrichtung der Hamburger Ernährungspolitik mitwirken.

Als eine mögliche Plattform in Hamburg bot sich die Initiative „Ernährungsrat Hamburg“ an, die ursprünglich aus der Urban-Gardening Bewegung hervorgegangen ist. Das Treffen in Hamburg war ein Meilenstein im Projekt: „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“. Gefördert vom Bundesumweltamt wird darin die Zivilgesellschaft in vier deutschen Metropolen (Berlin, Köln, Hamburg und München) dabei unterstützt, regionale Ernährungskonzepte zu entwickeln. Das scheint nach Köln und Berlin nun auch in Hamburg geglückt zu sein. Jedoch um echte Wirkkraft
zu entfalten, bedarf es auch vor allem einer deutlichen Unterstützung und Kooperation mit der kommunalen Politik. Doch der Kontakt zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik muss erst wachsen.

Was im Rheinischen Köln mit leichter Hand gelang, brauchte in Berlin schon mehr Anlauf. Der Ernährungsrat lud als eine seiner ersten Amtshandlungen die Parteien ein, um mit ihnen im Vorfeld der Senatswahl die Frage eines Ernährungskonzepts für die Hauptstadt zu diskutieren. Mit Erfolg. Im Koalitionsvertrag des neuen Senats steht nun die Forderung nach einer regionalen Ernährungspolitik und als Ansprechpartner dafür der Ernährungsrat der Stadt. Das Politische im Essen wurde auch im März dieses Jahres in München entdeckt. Dort fanden sich mehr als 70 Interessierte zu einem Vernetzungstreffen zusammen. Auch in Kiel und Kassel rumort es in der Bürgergesellschaft.

Doch nicht nur in den großen Städten macht das Beispiel der Ernährungsräte Schule, auch in kleineren Kommunen wie dem Bayrischen Leutkirch findet es Nachahmer. Gemessen an der Entwicklung in den USA mit über 200 Ernährungsräten steht die Regionalisierung der Ernährung in Deutschland erst am Anfang. Doch sie ist unumgänglich. Daran lässt die Entwicklung keinen Zweifel. Der Klimawandel gefährdet die Ernten weltweit. Weite Transportwege werden wir uns wegen der damit verbundenen Klimabelastung immer weniger leisten können. Hinzu kommt: die Fundamente unserer Ernährung, Boden Wasser und Artenvielfalt, schrumpfen und dies bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung. Unsere scheinbar so selbstverständliche Versorgung ist längst nicht mehr so sicher, wie wir glauben. Der Lebensmittelvorrat in unseren Städten reicht heute gerade noch für 3 Tage.

Das alles verlangt ein Umdenken. Wir brauchen neue Ernährungskonzepte, die Zukunft der Ernährung liegt in der Region, öko und fair. Für Harald Lemke, dem Hamburger Gastrosophen, steht fest: „Unser Essen ist politisch“. Ernährung ist längst keine Privatsache mehr, sie muss als „gesellschaftliches Megathema“ behandelt werden.

Dr. Wilfried Bommert, Vorstand, Institut für Welternährung
Agnes Streber, Ernährungsinstitut KinderLeicht München


Agrar_Info_212_TAZ-Beilage.pdf
PDF-Dokument [757.1 KB]
IWEHamburg auf dem Weg zur Ernährungswende
Online-Video-Kurs: Nachhaltigkeit in der Ernährung

Online-Video-Kurs: Nachhaltigkeit in der Ernährung

Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung

Der Online-Video-Kurs „Nachhaltigkeit in der Ernährung“ der Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung ist ab sofort auf YouTube verfügbar. In 18 Lerneinheiten von jeweils 30-60 Minuten Laufzeit behandelt der Kurs auf regionaler, nationaler und globaler Ebene die Auswirkungen von Ernährungsverhalten & Ernährungssystemen auf Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft, Gesundheit und Kultur.

Ausgangspunkt der Reihe sind globale Herausforderungen wie Klimawandel, Armut/Welthunger, Wassermangel, Existenzsicherung kleiner und mittlerer Betriebe sowie ernährungsmitbedingte Krankheiten. Zentral ist die Vermittlung praktischer Lösungsmöglichkeiten anhand von sieben „Grundsätzen für eine Nachhaltige Ernährung“.

Teilnehmende des Online-Kurses werden befähigt, die Auswirkungen des persönlichen Ernährungsverhaltens und der globalen Ernährungssysteme kritisch zu hinterfragen sowie Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren und umzusetzen. Sie bilden sich über ganzheitliche Zusammenhänge von „Nachhaltigkeit in der Ernährung“ intensiv fort und werden angeregt, das erworbene Wissen in ihre Berufspraxis zu integrieren und professionell weiterzugeben.

Den Online-Video-Kurs „Nachhaltigkeit in der Ernährung“ finden Sie hier.

Ergänzend gibt es alle Foliensätze mit der Literatur-Dokumentation sowie eine ausführliche Projektbeschreibung zum Download.

IWEOnline-Video-Kurs: Nachhaltigkeit in der Ernährung