Es sollen tausende Bauern und
Bäuerinnen gewesen sein, die in Münster – an der Grenze des deutschen
Schweinegürtels – gegen eine Verordnung auf die Straße zogen, die unsere Grund-
und Trinkwasservorräte schützen soll. Die verhindern soll, das die
gesundheitlich bedenklichen Nitratwerte im Grundwasser weiter steigen. Die vor
allem der Mastindustrie, die mit ihren Abfällen Landschaft und Wasser verpestet,
Grenzen setzen will. Die Bauernverbände, die die Demo organisierten, bezeichnen
diese Verordnung als „Angriff
auf die Landwirtschaft“. Doch auf welche Landwirtschaft?
Auf die,
die in immer größeren Mastfabriken das Tierwohl mit Füßen tritt? Die ihr Mastfutter
auf den Großfarmen Brasiliens wachsen lässt? Die mit ihrer Arzneimittelpraxis und
wachsenden Resistenzen unsere Gesundheit gefährdet? Die heute schon die Hälfte
ihres Fleischs auf dem Weltmarkt verramscht? Und ihren Dreck, die Gülle, bei
uns ablädt und dies in solchen Mengen,
dass unser Grundwasser verseucht?
Um diese Landwirtschaft geht es in der
Gülleverordnung. Es geht um die Profite der Fleischbarone, um die Umsätze der
Schlachtkonzerne, um die Bilanzen der globalen Händler für Futtermittel und Exporteure
für Schweinefleisch. Dass dafür in Münster 6000 Bauern und Bäuerinnen vor den
Dom ziehen, ist schon bemerkenswert. Wer wurde hier vor wessen Karren gespannt?
Wäre es
um den Erhalt bäuerlicher Kultur, verlässliche Märkte, um sichere Arbeit auf
den Höfen, um Anerkennung für ihre Produkte gegangen, wäre der Protest verständlich
gewesen. Aber dass Bauern und Bäuerinnen für diejenigen auf die Straße gehen,
die morgen die Pachtpreise in die Höhe und die Schweinepreise in den Keller
treiben, das ist mehr als verwunderlich.
Sehen
diese protestierenden Landleute nicht die Märkte vor ihren Hoftoren, die
steigende Zahl der Städter, die sich vor allem nach Lebensmitteln aus der
Region, nach intakter Natur, nach fairem Umgang mit Mensch und Tier sehnen?
Wollen sie nicht unser wichtigstes Lebensmittel, das Trinkwasser, für kommende
Generationen bewahren? Wünschen sie sich nicht auch Anerkennung für ihre
Arbeit?
Beim
Streit um die Gülleverordnung geht es nur vordergründig um die Gülle. Es geht um
die Landwirtschaft, die wir in Zukunft haben wollen. Und da werden sich auch
die Bäuerinnen und Bauern, die in Münster auf die Straße gingen, entscheiden
müssen: Wollen sie weiterhin den Mastbaronen das Geschäft retten und Billigfleisch
für China produzieren? Oder wollen sie eine bäuerliche Existenz, die sich auch
für ihre Kinder wieder lohnt?
IWEVor dem falschen Karren: Worum es bei der Bauerndemo von Münster wirklich ging
Bayern vorn, das Volksbegehren um die Zukunft von Natur und Ernährung ist durch, beschlossen und damit politische Realität! Das Volk begehrte eine ökologische Landwirtschaft zwischen Passau und Nürnberg, zwischen Alpen und Hopfenland und nun hat es sich durchgesetzt. Gegen seine Regierung, gegen die CSU und gegen den Bauernverband.
Viele Bayern freut’s, viele Bienen auch. Glückwunsch!
Der Erfolg im Bayern ermutigt weit über die Grenzen des Freistaates hinaus. In ganz Deutschland machen sich Bürgerinnen und Bürger auf den Weg zu einer Ernährungswende. Und sie leben überwiegend in den Städten. Dort, wo immer mehr Initiativen wachsen, die Ernährung wieder zu ihrer Sache machen, die an lokalen Ernährungskonzepten arbeiten, die sich in Ernährungsräten organisieren und Essen wieder zu einer Aufgabe lokaler Politik machen. BürgerInnen, die lokale Lebensmittel und die Arbeit ihrer Bauern und Bäuerinnen wertschätzen. Landwirte, die auf die Natur setzen und auf Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Die wissen, dass der Verlust von 75 Prozent unserer Insekten in der Feldflur kein Betriebsunfall, sondern die Konsequenz einer fehlgeleiteten Landwirtschaft sind.
Es geht um Werte und Wertschätzung von Menschen und Natur, von denen sich Bauernverbände und Regierungen weit entfernt haben, nicht nur in Bayern. Jetzt werden sie eingefordert von der Zivilgesellschaft. Die bayrischen Bürgerinnen und Bürger haben ein Vorbild gesetzt und sich nicht damit begnügt zu protestieren. Sie haben der Staatsregierung gleich ein Gesetz geschrieben, das sagt, wie der Weg in eine ökologische Zukunft auf unserem Teller, in unseren Landschaften, auf unseren Höfen aussehen soll. 30% Bio bis 2030 ist da nur ein Anfang. Auch wenn der Ministerpräsident versucht die Forderungen durch Runde Tische aufzuweichen, er wird am Ende einsehen müssen, dass sein Wahlvolk in Zeiten knapper Mehrheiten am längeren Hebel sitzt.
Der bayrische Sieg setzt ein Zeichen. Er zeigt, wie das Versprechen des § 20 unseres Grundgesetzes Wirklichkeit werden kann: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Alle. Danke Bayern.
„Während in Davos das Weltwirtschaftsforum tagt, will die globale Entwicklungsorganisation Oxfam aufrütteln: Die Zahl der Milliardäre wächst, die Zahl der Armen auch. Von Ausgleich keine Spur, doch immerhin: Die Armen sind weniger arm als früher.
Kritiker sagen, dass die Zahlen auch anders zu deuten sind. Selbst wenn es im Vergleich zu den Reichen mehr Arme geben sollte, so seien die doch nicht mehr so arm wie noch vor wenigen Jahrzehnten. So werde übersehen, dass es auf vielen Gebieten Fortschritt gibt. Die krasse Armut habe global abgenommen. Das aber bestreiten die Entwicklungsorganisationen auch nicht.
So scheiden sich nun die Geister: Während Ökonomen wie die vom Münchner IFO-Institut darauf verweisen, dass die Weltwirtschaft wächst und die Armut insgesamt abnimmt, verweisen Entwicklungshilfeorganisationen darauf, dass dies nicht für alle Länder Afrikas gilt. Dort gibt es teilweise mehr Arme; Frauen, denen Bildung vorenthalten wird, sind besonders betroffen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Milliardäre zu – auch in Deutschland. Und selbst dort, wo die Armut abnimmt, wächst die Ungleichheit.
Auch über den Weg der Armutsbekämpfung herrscht keine Einigkeit. Manche wollen die Entwicklungshilfe aufstocken. Andere plädieren dafür, sie ganz abzuschaffen, weil sie bestehende Ungleichheiten manifestiere und politische Eliten bevorzuge. Wer ist heute arm? Und wieviel Ungleichheit verträgt die Welt?“
Diskussionsteilnehmer/innen:
Evita Schmieg, Welthandelsexpertin von der Stiftung Wissenschaft und Politik Wilfried Bommert, Gründer des Instituts für Welternährung Kurt Gerhardt vom Bonner Aufruf für eine andere Entwicklungspolitik und Ellen Ehmke, Analystin zum Thema soziale Ungleichheit bei Oxfam Moderation: Marcus Pindur
Bei der Rettung des Saatguts ginge es um Sex, Menschen seien besessen von Sex, selbst wenn es nur Steckrüben-Sex sei. Will Bonsall, Gründer des Scatterseed Projekts, wirkt wie ein hippiesker Weihnachtsmann und schwadroniert schmunzelnd vor seinem Holzschuppen. Diese einigermaßen schräge Szene ist der Beginn des Trailers zu Taggart Siegels und Jon Betz’ Dokumentarfilm „Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen“. Der erste Eindruck also: Hier wird ein Film darauf aus sein, mit den Mitteln des Boulevards eine Zielgruppe zu kapern, die Saatgut sonst in etwa so spannend und relevant wie Briefmarkensammeln findet. Von dem kleinen Fehltritt darf man sich glücklicherweise nicht irritieren lassen: Dieser Dokumentarfilm geht uns alle an.
Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung – und diese zentrale Ressource ist extrem bedroht. Mehr als 90% Prozent aller Saatgutsorten sind im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft bereits verschwunden. Seit der Übernahme von Monsanto durch Bayer in diesem Jahr beherrschen nur noch drei Konzerne mehr als 60% des weltweiten Saatgut-Marktes. Eine immer größer werdende Bewegung aus Bauern, Gärtnern, Umweltaktivisten, Wissenschaftlern und Bürgern stemmt sich gegen diese Entwicklung. Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen ist nach Queen of the Sun: What Are the Bees Telling Us? über das Bienensterben die zweite Zusammenarbeit der US-amerikanischen Dokumentarfilmer Taggart Siegel und Jon Betz, die auch die gemeinnützige Filmproduktion Collective Eye Films betreiben. Sie machen kein Geheimnis daraus, auf welcher Seite sie im Kampf von David gegen Goliath stehen.
Siegel und Betz führen uns in Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen durch die Geschichte des Saatguts, das über Jahrtausende in der Hand der Bauern lag. Bis vor einigen Jahrzehnten war allen Kulturen quer über den Globus freier Zugang zu Saatgut selbstverständlich, Saatgut war Gemeingut bevor es zum Handelsgut verkam. Für ihre komplexe Bestandsaufnahme mit Fokus auf den amerikanischen Kontinent interviewen Siegel und Betz eine ganze Reihe an Saatgut-Aktivisten – darunter viele indigene Bäuerinnen und Bauern, die Physikerin Vandana Shiva, die Umweltjuristin Claire Hope Cummings, die Primatologin Jane Goodall sowie NGOs und Projekte, die sich dem Aufbau und Erhalt von Saatgutbanken widmen.
Die Geschichte des Saatguts ist letztendlich eine Geschichte des globalen Kapitalismus. Großindustrielle entwickeln da unter dem Deckmantel des Versprechens auf höhere und bessere Erträge hybrides und genmanipuliertes Saatgut, das vor allem ihrer eigenen Profitmaximierung dient. Da es patentiert ist und nicht mehr von den Bauern vermehrt werden darf, müssen sie es jedes Jahr neu kaufen. Die Saatbanken und Saatgutpraktiken der Bauern werden zerstört, die Bauern und in ihrer Folge die Verbraucher zu Geiseln der Konzerne. Es sind Pflanzen, die nicht von ungefähr auf einen hohen Chemieverbrauch gezüchtet sind, so wie es kein Zufall ist, dass die Konzerne, die den Saatgutmarkt beherrschen, Chemie- und Pharmaunternehmen sind.
Der Film erzählt die Geschichte einer Industrie, die einst Kriegschemikalien verkaufte und sich mit der Landwirtschaft einen neuen Absatzmarkt erschlossen hat. Die Auswirkungen auf Umwelt und Biodiversität sind immens. Der Regen der Pestizide geht direkt neben Siedlungen oder gar Schulen nieder. Auffällig sind in diesen Gegenden erhöhte Raten an Missbildungen, Fehlgeburten und Krebserkrankungen. Massiv drängen die Konzerne in die Länder des Südens, die Kleinbauern dort nehmen Kredite auf, verschulden sich. Die genmanipulierte Saat ist nicht an die regionalen Klimabedingungen angepasst und schädlingsanfällig. Allein in Indien haben sich in den letzten zwanzig Jahren 300.000 Bauern das Leben genommen. Oft, indem sie Pestizide trinken. Die Konzerne stecken riesige Summen in politische Kampagnen und Lobbyismus, sie reagieren auf Klagen mit Gegenklagen, besetzen Regierungspositionen und manipulieren wissenschaftliche Daten.
Man könnte nun vor der Summe dieses Grauens direkt das Handtuch werfen, aber diesem Impuls stemmt sich Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen schon allein stilistisch mit einem gewaltigen Potpourri entgegen. Die eher klassischen Interviewaufnahmen werden flankiert von Nachrichten- und Archivmaterial, Privatfotos, Stock-Footage von umherfliegendem, wasserbeperltem Gemüse und allerlei animierten Sequenzen, bei denen kein Stil dem anderen gleicht. Man reibt sich da eine Weile ungläubig die Augen, bis einem aufgeht: Das stilistische Chaos ist kein Versehen, sondern die Vielfalt der visuellen Stile soll die Forderung nach Vielfalt im Saatgut spiegeln. Was ja wiederum auch eine Art Stringenz ist – und die ist so dermaßen frech verspielt, dass man sich ihrem Charme nach anfänglichem Widerstand schmunzelnd ergibt.
Die passionierten Aktivistinnen und Aktivisten in Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen sind ansteckend. Immerhin steht und fällt mit dem Saatgut nicht nur das Angebot auf unseren Tellern, sondern auch das Überleben zukünftiger Generationen. Nur mit vielfältigem Saatgut werden wir uns den Folgen des Klimawandels anpassen können. Mit dem einher geht eine Landwirtschaft, die künftig nachhaltig wirtschaften muss, statt den Klimawandel weiter voranzutreiben. Man muss Jane Goodall hören, wie sie mit leuchtenden Augen vom Reichtum des Saatguts schwärmt. Den Molekularbiologen Ignacio Chapela, der die Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen als Tanz beschreibt, der eine Kultur überhaupt erst ermöglicht. Die zwei botanischen Entdecker, die über in Tütchen abgepacktes Saatgut in eine dermaßen große Aufregung geraten, dass man sich ein paar Sekunden lang fragt, ob da nicht doch eher Marihuana drin ist. Oder eben Emigdio Ballon aus dem Tesuque Pueblo in New Mexico, der erzählt, wie sein Großvater ihm kurz vor seinem Tod eine Handvoll Samen gab, mit den schlichten Worten: „Dies ist Leben.“
Die Missernte des Sommers 2018 zeigt, dass die industrielle Landwirtschaft dem Klimawandel nicht gewachsen ist. Im Gegenteil: Sie feuert ihn weiter an. Sie zerstört die Bodenfruchtbarkeit, erschöpft die Wasservorräte und beschleunigt den Artenschwund. Die Ernährung zukünftiger Generationen steht auf dem Spiel.
Die Untätigkeit der Politik darf nicht länger hingenommen werden. In dieser Überzeugung fordert ein breites Bündnis der deutschen Zivilgesellschaft eine öffentliche Debatte über die Zukunft unserer Ernährung. Dazu stellt es heute in Berlin die Streitschrift „Landwirtschaft am Scheideweg – Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ vor.
Im Vorfeld des Welternährungstags am 16. Oktober 2018 fordert das Bündnis aus Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V., NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V. , Naturfreunde Deutschland e.V., Slow Food Deutschland e.V., Slow Food Europe und Institut für Welternährung – World Food Institute e.V. eine ökologische Wende: „Jetzt geht es um eine grundlegende Veränderung, um ein innovatives Agrar- und Ernährungssystem, das sich in biologische Kreisläufe und ökologische Netzwerke einpasst, das auf soziale Beziehungen und ökonomischen Ausgleich setzt und damit die Ernährung auf Generationen hinaus sichert, ohne die ökologischen Grenzen unseres Planeten zu überschreiten.“
Die Mitunterzeichner setzen vor allem auf die Zivilgesellschaft. Sie rufen dazu auf, die gegenwärtige politische Blockade einer Ernährungswende durch zivilgesellschaftliche Aktionen zu durchbrechen:
• Die Zivilgesellschaft setzt Signale der Veränderung durch Desinvestment aus den Aktien der Agrar- und Ernährungsindustrie.
• Sie schafft Vorbilder, indem sie darauf dringt, dass Kommunen und Kirchen für ihren großen Grundbesitz nur noch Pachtverträge abschließen, die ökologisches Wirtschaften fördern.
• Sie verlangt, dass öffentliche Mittel der Bundesrepublik wie der Europäischen Union nur für gesellschaftlich geforderte Leistungen der Landwirtschaft vergeben werden, die vom Markt nicht ausreichend vergütet werden.
• Sie unterstützt die neue Ernährungsbewegung in Deutschland, die ökologische Ernährungskonzepte als Teil lokaler und regionaler Politik entwickelt.
• Sie fordert, dass chemisch-synthetische Pestizide aus der Produktion verbannt werden, ebenso wie Antibiotika aus der Tierhaltung.
Für die Initiatoren der Streitschrift ist die ökologische Transformation der Landwirtschaft eine globale Herausforderung. Sie startet als ein europäisches Projekt, das in den Regionen beginnt und von einer wachen Zivilgesellschaft getragen wird.
Die Streitschrift „Landwirtschaft am Scheideweg – Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ steht in verschiedenen Versionen als PDF zum Download zur Verfügung: Kurzversion (DE), Langversion (DE), Short Version (EN), Long Version (EN).
Wie schön hätte die Grillsaison werden können, ohne diese Nachricht aus dem Institute for Agriculture and Trade Policy. Aber nun ist es raus, die Ölkonzerne Exxon, Shell und BP sind nicht mehr die größten Brandstifter am Weltklima, in aller Stille haben drei Fleisch- und Milchkonzerne ihren Spitzenplatz als Klimakiller übernommen. Der größte unter ihnen – JBS – mästet seine Herden in Brasilien, danach kommen die USA mit Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers. Sie sind Wohlstandsgewinner, denn mit dem Wohlstand steigt weltweit auch der Konsum von Fleisch und Milch. Und sie sind dabei, ihre Position weiter auszubauen.
Dass sie gleichzeitig das Weltklima in den Abgrund stürzen, davon war bisher nicht die Rede. Aber jetzt kann keiner mehr sagen, er habe es nicht gewusst. Und nun? Schluss mit den Grillorgien, weg mit den Käseburgern? Vielleicht hilft es, einmal genauer hinzusehen. Denn Fleisch ist nicht Fleisch und Milch nicht Milch, entscheidend ist, wo und wie sie hergestellt werden. Schuld am schlechten Klima ist das industrielle Mast- und Milchrezept. Rinder, die eigentlich Grasfresser sind, werden mit Mais und Soja vollgestopft, damit sie möglichst Viel in möglichst wenig Zeit erzeugen, Treibhausgase inklusive.
Für diese Art der Fütterung werden nach wie vor Urwälder gerodet, Wagonladungen von synthetischem Stickstoff verstreut, es werden Pestizide von Flugzeugflotten versprüht und eine gigantische Armada an Lastwagen und Schiffen in Bewegung gehalten. Es ist diese Methode, die die Gase hinterlässt, die das Weltklima unerträglich machen. Und deshalb muss sie ein Ende finden. Auch wenn die deutsche Agrarministerin davon nichts wissen will, wir wissen es spätestens jetzt. Und nun?
Wir könnten Abschied nehmen von Fleisch und Milch, Vegetarier oder Veganer werden, aber wir müssen es nicht. Die gute Nachricht heißt, es gibt noch Rinder, die auf Wiesen und Weiden grasen, die das wiederkäuen, was ihnen gut bekommt: Gras. Und die daraus auch Fleisch und Milch herstellen, nach den Regeln der Natur und nicht nach denen der Fleisch- und Milchkonzerne. Bäuerliche Betriebe, die unsere Landschaft erhalten, unsere Bienen, unser Wasser und unsere Luft, die ökologisch wirtschaften und die Kosten tragen, die die anderen abwälzen, die leben das Gegenmodell zur globalen Fleisch- und Milchindustrie.
Allerdings, das hat seinen Preis und auch die Menge ist nicht die, die aus den industriellen Fleisch- und Milchfabriken quillt. Wir werden also zurückfinden zum Weniger, zum Sonntagsbraten, zum Sonntagskuchen. Wir werden die Fleisch- und Käseberge hinter uns lassen, weil wir wissen, weniger ist mehr.
IWEBrandheiß: Fleisch- und Milchkonzerne zündeln am Weltklima
Im Rahmen der Ausstellung „Food Revolution 5.0“ fand im Kunstgewerbemuseum in Berlin unter der Moderation von IWE-Sprecher Wilfried Bommert ein Fishbowl-Talk zum Thema „Essbare Stadt“ statt. Als Expertinnen eingeladen waren dazu Svenja Nette von den Prinzessinnengärten, Kai Gildhorn von Mundraub, Bernhard Watzl vom ernährungswissenschaftlichen Max Rubner-Institut in Karlsruhe, die Landschaftsarchitektin Katrin Bohn, Hendrik Monsees vom Leibniz-Institut für Binnenfischerei und Gewässerökologie sowie Volkmar Keuter vom Fraunhofer-Institut UMSICHT.
Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Leila Kemmer war bei dem Gespräch dabei und hat dazu einen Artikel im Blog der Staatlichen Museen zu Berlin „Museum and the City“ veröffentlicht. Ihren Beitrag können Sie hier lesen.
Eine Missernte steht uns bevor, mit jedem Tag ohne Regen schwindet die Zuversicht, vor allem im Osten der Republik. Beginnen so die mageren Zeiten? Oder ist es nur ein Ausrutscher der Natur, das ganz normale Risiko, wie es die Landwirtschaft schon immer tragen musste? Für den Bauernverband ist es letzteres, ein Betriebsunfall, der sich durch Versicherungen und Steuernachlass schultern lässt. Für die Klimawissenschaft ist es ein Teil des neuen Klimas, mit dem wir in Zukunft rechnen müssen. Ein Klima, auf das unsere Landwirtschaft bisher noch nicht einmal in Ansätzen vorbereitet ist. Die Risiken der gängigen Methode werden schlichtweg übersehen.
Dabei liegen sie auf der Hand: Es sind die Hochleistungspflanzen, die für ihre Höchstleistung vor allem eines brauchen: Wasser. Für eine Kilo Getreide 1500 Liter. Es ist die Einfalt auf den Feldern, die keinen Puffer bieten, um Klimarisiken abzufedern. Und es sind die gestressten Böden, die ihre Kraft verloren haben, den natürlichen Niederschlag, den Regen zu speichern.
Die Missernte in Ostdeutschland ist ein Alarmsignal. Das System der intensiven Landwirtschaft hat seine Grenzen erreicht. Es ist Zeit für einen grundlegenden Wandel. Landwirtschaft muss wieder auf sichere Ernten setzen. Resilienz statt Höchstertrag. Auf lebendige, fruchtbare Böden, die Niederschläge wieder speichern können. Auf robuste Vielfalt statt empfindlicher Monokulturen. Sie muss sich wieder auf die Kreisläufe der Natur einstellen, sich einpassen, ohne sie zu zerstören. Das sind die Herausforderungen, vor denen wir stehen.
Ein „Weiter wie bisher“ darf es nicht geben. „Business as usual is not an Option“, warnte der Weltagrarrat schon 2008. Die Dürre im Osten der Republik führt uns vor Augen, wie recht er damit hat. Nicht nur bei uns und nicht nur im Sommer 2018. Wenn es uns jetzt nicht gelingt, die Wende einzuleiten, werden wir mageren Zeiten entgegen gehen. Die fetten Jahre sind vorbei.
IWEMissernte, Klimawandel, das Ende der fetten Jahre? Kommentar von Wilfried Bommert
Monsanto ist nun Bayer – und damit alles gut? Die Ratingagenturen haben erst einmal abgestuft. Eine Warnung. Die Rechnung mit Saatgut und Agrarchemie könnte nicht aufgehen. Die fundamentalen Daten sprechen gegen das Geschäftsmodell. Hochleistungspflanzen besitzen kaum Klimatoleranz. Dürren, Trockenperioden und Hitzewellen sind sie schutzlos ausgeliefert. Und auch die Prognose für Pestizide ist düster.
Deren Wirkung auf die Insekten ist verheerend. Der Verdacht steht im Raum, dass sie den Bestand um drei Viertel geschrumpft haben. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert eine grundsätzliche Neubewertung ihrer Risiken. Europa hat die ersten Verbote ausgesprochen. Weitere sind zu erwarten. Das große Geschäft mit der Zukunft der Welternährung droht zu platzen. 12 Milliarden Menschen lassen sich nicht mit einem Agrarsystem ernähren, das sein Fundament – Klima, Bodenfruchtbarkeit, Wasserreserven und Artenvielfalt – zerstört.
Die Produkte von Bayer und Monsanto genügen nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts. Se beruhen auf Konzepten von gestern. Landwirtschaft gegen die Natur zu betreiben und gegen die Grenzen des Planten, taugt für eine Welt von morgen nicht. Sie haben sich überholt. Die Ratingagenturen richten über die Bonität eines Unternehmens, und wenn die erst in Frage steht, steht alles auf dem Spiel. Monsanto ist nun Bayer – und nichts ist gut.
IWEMonsanto ist Bayer – und nun? Kommentar von Wilfried Bommert
Die Schriftenreihe „Bergische Impulse“ greift wichtige Ergebnisse der Bergischen Klimagespräche auf. Die dritte Ausgabe erscheint unter dem Titel „Für eine neue, regionale Landwirtschafts- und Ernährungskultur. Auf der Suche nach lebendigen und gleichberechtigten Versorgungsbeziehungen zwischen Stadt und Land“ mit Beiträgen von Rainer Lucas, Hubertus Ahlers, Wilfried Bommert, Harald Kegler und Uta von Winterfeld. Die Impulse dienen als Inspiration für Akteure, politische Prozesse und gesellschaftliche Debatten.
Städtische Quartiere sind in Bezug auf die Versorgung mit Energie, Wasser, Materialien und Lebensmitteln keine selbstversorgenden Einheiten. Über vielfältige Beziehungen und Wertschöpfungsketten sind die Quartiere abhängig von externen Versorgungsleistungen. Die räumlichen Bezüge in den genannten Bereichen sind dabei sehr unterschiedlich. Ansätze einer nachhaltigen Regional- und Stadtentwicklung verfolgen u.a. das Ziel, diese Beziehungen kleinräumiger zu gestalten. Mögliche Ansatzpunkte sind u.a. eine Dezentralität von Versorgungsleistungen zur Verringerung des Transportaufkommens, Schließung von Stoff- und Wirtschaftskreisläufen, direkte Beziehungen zwischen Produzentinnen und Produzenten und Verbraucherinnen und Verbrauchern und räumliche Nähe als Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.
Auf den Bergischen Klimagesprächen wurde diskutiert, wie diese Ansätze im Bereich der Ernährung gestärkt und verbreitert werden können, um letztlich in den Quartieren eine neue Landwirtschafts- und Ernährungskultur zu entwickeln. Dies wurde mit der Vorstellung von fairen und gleichberechtigten Austauschbeziehungen zwischen Stadt/Quartier und Umland verbunden. Für die Umsetzung dieser Vision sind selbsttragende, transformative Strukturen notwendig, die von den Menschen in den städtischen Quartieren und den Produzentinnen und Produzenten der Lebensmittel getragen werden. Die hiermit verbundenen Ziele bedürfen einer politischen Rahmung, Fragen der Versorgung mit gesunden Lebensmitteln gehören auf die Agenda der kommunalen Politik.
Der Diskussionsprozess um diese Fragen ist nicht abgeschlossen. Es wurde verabredet, zunächst im Rahmen eines Impulspapiers einen analytischen und konzeptionellen Rahmen zu schaffen, auf dessen Grundlage weitere Aktivitäten möglich sind. Nachfolgend werden erste Ideen entwickelt für eine Neugestaltung der raumstrukturellen Beziehungen im Bereich Landwirtschaft/Ernährung. Hierbei werden zunächst einige konzeptionelle und analytische Ausgangspunkte umrissen und Transformationsperspektiven entwickelt, die eine Agrar- und Ernährungswende integriert behandeln. Eine solche Zielsetzung muss sich auch mit möglichen Hemmnissen auseinandersetzen. Deshalb verweisen die Autoren auf das Spannungsfeld von Stadtkultur und Landnatur und die Flächenverluste der landwirtschaftlichen Produktion. Bei der Perspektiventwicklung greifen sie Ansätze auf, wie sie bereits in vielen Großstädten im Kontext einer Ernährungswende existieren. Abschließend werden vier Schritte entwickelt, die für den Aufbau selbsttragender Strukturen einer neuen Landwirtschafts- und Ernährungskultur als wichtig erachtet werden.