Arglistige Täuschung: Das Klimaschutzprogramm der Landwirtschaftsministerin

Arglistige Täuschung: Das Klimaschutzprogramm der Landwirtschaftsministerin

Ein Kommentar von IWE-Vorstand Wilfried Bommert

Die Enttäuschung könnte nicht größer sein. Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung hat von der Wissenschaft die Note „mangelhaft – ungenügend“ bekommen. Den Klimaaktivisten ist der Frust ins Gesicht geschrieben, sie hatten schon wenig von ihrer Regierung erwartet und nun ist es noch weniger als das. Mit diesem Weniger ist die Kanzlerin nun nach New York zum Klimagipfel der Vereinigten Nationen gefahren und hat es als Erfolg verkauft. Politischer Minimalismus.

Alf Ribeiro / Shutterstock.com

Als ambitionierteste Künstlerin in politischer Untätigkeit sticht Julia Klöckner, die Landwirtschaftsministerin, hervor. Sie hatte schon im letzten Jahr ein 10-Punkte-Programm für besseres Klima vorgelegt, das sie nun zum Klimaschutzprogramm erklärt. Minimaler kann politischer Aufwand nicht sein. Man könnte dies als wenig ambitioniert bezeichnen, tatsächlich aber ist es ein Dokument der Täuschung.

Ob arglos, listig oder arglistig, hängt von Auge des Betrachters ab, zumindest geht es an der zentralen Frage, wie unsere Ernährung den Klimawandel bremsen könnte, meilenweit vorbei. Wer die Zahlen kennt, weiß, wo die größten Klimasünder im Bereich von Landwirtschaft und Ernährung liegen: in der industriellen Fleischproduktion und beim synthetischen Stickstoffdünger. Auf das Konto von Steak und Kottelet gehen nicht nur die Brände in Amazonien, sondern auch der höchst wirksame Klimakiller Methan. Das Düngen mit Synthesestickstoff hinterlässt in großen Mengen Lachgas, das kritischste, weil aggressivste Klimagas überhaupt. Von beidem kein Wort in Klöckners Klimaschutzprogramm.

Dafür aber umso mehr alt Bekanntes: Grünland, Moore, Mischwälder und Humus bewahren, Lebensmittelabfälle und Überdüngung vermeiden und mehr Biogas fördern. Und 20 Prozent Biolandbau bis 2030. Das alles steht schon teils seit Jahren auf der Agenda der Regierung. Heute sind es politische Ladenhüter, die wenig ändern und keinem weh tun. Kein Wunder also, dass der Bauernverband höchst zufrieden ist mit dem klimapolitischen Stillstand seiner Ministerin. Auch wenn seine Mitglieder die sein werden, die als erste unter den Klimafolgen leiden müssen.

Diese Täuschung verdient eine starke Antwort. Von wem? Von uns, von den Betrogenen. Von unseren Kindern, denen die Zukunftschancen durch derartige Untätigkeit verbaut werden. „Wenn ihr nichts tut, werden wir euch niemals vergeben“. Der Fluch, den Greta Thunberg in New York vor den Vereinten Nationen tat, hallt nach. Aber bewirken wird er dort wohl nichts.  Wenn hier etwas geändert werden soll, dann sind wir selbst gefragt. Wir werden Fleisch und Synthesestickstoff zu unserem Thema machen müssen. Eine Klimawende verlangt eine Ernährungswende. In dieser Frage werden wir uns nicht täuschen lassen. Nicht arglos, nicht listig, und schon gar nicht arglistig. Die deutsche Zivilgesellschaft ist auf dem Weg. Sie macht Klima und Essen zum Thema ihrer Politik, egal mit wieviel Wenig die Kanzlerin vom UN Klimagipfel aus New York nach Hause kommt.

IWEArglistige Täuschung: Das Klimaschutzprogramm der Landwirtschaftsministerin
Buchkritik: „Das Sterben der Anderen“ von Tanja Busse

Buchkritik: „Das Sterben der Anderen“ von Tanja Busse

Eine Buchkritik von IWE-Vorstand Wilfried Bommert.

Tanja Busse ist eine erfahrene Journalistin mit besonderer Expertise in Bereich nachhaltiger Landwirtschaft. Dies zeichnet auch ihr jüngstes Werk „Das Sterben der Anderen – Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können“ über das Ende der Arten aus, in dem sie das Zerbrechen ökologischer Ketten beschreibt und die dahinter stehende ökonomische Gier, die das System der Massenvernichtung betreibt.

Das Sterben der anderen von Tanja Busse

Sie erzählt uns, was den Untergang der Arten in den letzten Jahrzehnten beschleunigt hat und dass er weit über das Verschwinden von drei Viertel aller Insekten in Feld und Flur hinausgeht. Er geht an die Substanz des Ökosystems, das auch unsere Existenz überhaupt erst möglich macht. Auch wenn es früher schon Artensterben gegeben hat, weil sich die Welt veränderte, dies ist der größte Aderlass in der Erdgeschichte seit dem Aussterben der Dinosaurier und er schreitet schneller fort als viele ahnen.

Tanja Busse nimmt uns mit zu den Tatorten, den Heiden und Mooren, den Magerasen und Feuchtgebieten. Wir finden uns wieder auf dem Schlachtfeld des Artensterbens der industriellen Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen, ihrem Einsatz an Chemie, ihrer Strategie des Wachsens und Weichens das Ende der anderen, ob Wiedehopf, Feldlärche oder Feldhase, vorantreibt. Aber wir hören auch von Bauern, die andere Wege einschlagen. Die wieder mit der Natur wirtschaften, die Vielfalt als Sicherheit in unsicheren Zeiten des Klimawandels erleben, die von ihrer Scholle wieder leben können und dabei ein wesentliches Merkmal bäuerliche Kultur hochhalten: in Generationen zu denken.

Aber was sollen wir nun tun? Anders leben? Erkennen, dass wir Teil eines großen Ganzen sind, in das wir uns wieder einordnen müssten, wenn wir denn überleben wollen? Aber wie? Im eigenen Garten, im Supermarkt, auf der Autobahn? Indem wir unsere Politiker auffordern, die Saat einer ökologischen Agrarpolitik in Berlin und Brüssel endlich zu säen. All das wird nicht reichen, um das große Schwinden aufzuhalten. Tanja Busse schlägt vor, sozusagen als letztes Mittel, als Aufschrei der anderen, ein öffentliches Tribunal der aussterbenden Tiere einzurichten. Einen großen Prozess, in dem die Feldheuschrecke, der Segelfalter, das Rebhuhn, der Orang Utan ihr Überlebensrecht vor Gericht einklagen.

Tanja Busse erzählt packend, argumentiert schlagkräftig und sachkundig. In jedem Fall ist ihr Buch ein Gewinn für die dringend notwendige Debatte über die Erosion unseres Lebensraums.

„Das Sterben der Anderen – Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können“ von Tanja Busse, Erschienen August 2019. Paperback, Klappenbroschur, 416 Seiten, 13,5 x 20,6 cm. ISBN: 978-3-89667-592-7

IWEBuchkritik: „Das Sterben der Anderen“ von Tanja Busse
Vorreiter: Sikkim – ein indischer Bundesstaat auf der ökologischen Überholspur

Vorreiter: Sikkim – ein indischer Bundesstaat auf der ökologischen Überholspur

Ein Beitrag von IWE-Mitglied Alexandra Buley-Kandzi. In der Rubrik “Vorreiter” sammeln wir Beispiele von Pionieren der Ökologischen Agrarwende.

Foto: Bernward Geyer
Foto: Bernward Geyer

„Wir haben einstimmig beschlossen, dass in Sikkim nur noch ökologische Landwirtschaft betrieben werden darf.“ Dies verkündete 2003 Shri Pawan Chamling, der Ministerpräsident des zweitkleinsten Bundesstaates von Indien, und leitete eine konsequente Transformation der Landwirtschaft ein. Es war eine historische und damals weltweit einzigartige Entscheidung mit dem Ziel, einen umweltfreundlichen Staat zu etablieren, der gut für das Leben und die Gesundheit aller ist.

Die Voraussetzungen für diesen großen Schritt schienen günstig: Der Boden in Sikkim ist verhältnismäßig nährstoffreich. Die Landwirte benötigten dadurch ohnehin nur relativ geringe Mengen an synthetisch-chemischem Dünger. Außerdem waren viele Methoden der traditionellen Landwirtschaft noch bekannt. Trotzdem galt es, die rund 65.000 Bauern von dem gemeinsamen Weg zu überzeugen und sie durch Schulungen mitzunehmen.

Zuallererst ging es bei der Umstellung darum, Kunstdünger und synthetische Pestizide aus dem Land zu verbannen. Um die Bauern unabhängig von den zugekauften Düngern zu machen, investierte die Regierung in tausende von Kompostanlagen. Schließlich ist Kompost zusammen mit wohl überlegten Fruchtfolgen und Mischkultur-Anbau die Grundlage für eine robuste Bodengesundheit und eine nachhaltige Bodenfruchtbarkeit, d.h. sie bilden den Kern des erfolgreichen Bioanbaus. Im staatlichen Forschungszentrum für Bio-Landbau wird hieran geforscht und das Wissen rund um die traditionelle Landwirtschaft mit den Erkenntnissen aus der modernen Forschung verbunden. Es gibt ein umfangreiches Schulungsangebot für die Bauern.

Seit Ende 2015 ist Sikkim auf 100% Bioanbau umgestellt und alle landwirtschaftlichen Flächen sind auch entsprechend zertifiziert. Die Vielfalt an produzierten Feldfrüchten ist groß. Tee und Kardamom werden exportiert. Auch wenn es hier und da durchaus noch Lern- und Entwicklungsbedarf gibt, stehen die BäuerInnen und BürgerInnen in Sikkim hinter dem Projekt ihres Ministerpräsidenten Pawan Chamling und der ökologischen Landwirtschaft. Die Erfahrungen zeigen, dass der Bio-Anbau den Boden und die wertvolle Fauna und Flora schützt, was sehr wichtig ist, denn Sikkim ist ein Biodiversitäts-Hotspot. Deshalb steht auch ein Drittel des Landes unter Naturschutz. Durch den Verzicht auf Kunstdünger leistet Sikkim auch einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Für die Menschen dort ein durchaus bedeutsamer Nebeneffekt, denn der Himalaya und sein Öko-System leiden bereits spürbar unter dem Klimawandel.

2018 erhielt Sikkim für seine Bio-Initiative den Future Policy Award – auch als Policy Oscar bekannt -, den die FAO zusammen mit der IFOAM und dem World Future Council verleiht. Eine große Anerkennung, die auch dazu beiträgt, dass das visionäre und mutige Beispiel immer mehr Nachahmer findet. Inzwischen sind drei weitere indische Staaten dabei, ihre Landwirtschaft zu 100% auf Bio umzustellen u.a. Uttarakhand mit rund 1,7 Mio. Bauern, das ebenfalls Himalaya- Anreiner ist.

Sikkim ist ein inspirierendes und motivierendes Beispiel für die Welt. Und mit jeder Umstellung kommt die Welt der Vision Pawan Chamlings näher, dass es spätestens 2050 weltweit keine Pestizide mehr in der Landwirtschaft gibt. Sikkim zeigt, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

IWEVorreiter: Sikkim – ein indischer Bundesstaat auf der ökologischen Überholspur
Wir Brandstifter!

Wir Brandstifter!

Ein Kommentar von IWE-Vorstand Wilfried Bommert

Sojaplantage in der Gegend Alto Paraíso. Foto: Marcelo Camargo/Agência Brasil (Licença Creative Commons Atribuição 3.0 Brasil)

Der Amazonas brennt, das Feuer hat der brasilianische Präsident Bolsonaro angeheizt. Für seine Freunde, die Soja- und Rinderbarone Brasiliens, schafft er freies Feld. Das Ziel: mehr Rindfleisch und Viehfutter, auch für Europa, für die Mastfabriken an Weser, Ems, an Elbe und Havel. Dafür brennt der Amazonas, dafür wird die Lunge der Welt geopfert und der größte Klimagasspeicher, den wir auf unserem Planeten haben, der Tropenwald.

Vernichtet für unsere Rindersteaks, unsere Schweinekoteletts, unsere Putenbrust. Für das ganze Sortiment an Billigfleisch, mit dem deutsche Supermärkte ihren Preiskampf führen. Und wir, wie sehen wir Fleischesser dabei aus? Wir mögen uns drücken und winden. Das Urteil ist klar: Brandstifter oder Beihilfe zur Brandstiftung in einem besonders schweren Fall, mit Vorsatz, also ohne Berufung.

Wenn es also unser Fleischkonsum ist, der das Feuer in Amazonien mit anfacht, was wäre dann zu tun? Feuerwehr schicken, Löschflugzeuge, kampferprobte Truppen gegen die Feuerwalzen, wie die europäischen Regierungen jetzt fordern? Den Feuerteufel an der Spitze Brasiliens zurechtweisen? Mit Handelssanktionen drohen? Viel politischer Schaum, aber wenig Löschkraft.

Das einzige, was helfen würde, wäre ein Ende der Fleischorgie bei uns. Der Weltklimarat fordert eine radikale Wende vom Acker bis zum Teller. Schluss mit den Sojaimporten für Billigfleisch, Schluss mit den Steaks, an denen Urwaldasche klebt. Die Feuerbrunst in Amazonien verlöscht erst dann, wenn es keinen neuen Markt mehr für Soja gibt. Wenn unser Appetit auf Fleisch nicht mehr auf Importe setzt, sondern das wiederentdeckt, was auf den Bauernhöfen vor der Haustür wächst in Einklang mit der Natur. Löschen beginnt im eigenen Land, diese Wahrheit ist unangenehm. Und auch wenn sich die Kanzlerin dazu nicht äußern mag, alternativlos.

IWEWir Brandstifter!
Kehrtwende bei Lidl: Wieder billige Bananen im Angebot

Kehrtwende bei Lidl: Wieder billige Bananen im Angebot

Ein Beitrag von IWE-Mitglied Karin Vorländer

Nun also doch nicht! Nachdem Lidl im September 2018 angekündigt hatte, nur noch Fairtrade Bio Bananen zu verkaufen, jetzt die Kehrtwende. Ab Sommer gibt es wieder deutlich billigere Bananen im Sortiment. Auf Anfrage des Instituts für Welternährung (IWE) versichert Lidl, man bekenne sich nach wie vor zu Fairtrade und weite lediglich das Sortiment aus, indem neben der Bio-Fairtrade-Banane auch die konventionelle Fairtrade-Banane angeboten werde. Im Klartext ist das ein Rückzug vom zertifizierten Bio Standard bei Fairtrade, der den Erzeugern ein besseres Leben ermöglicht, die Umwelt schützt und gerechte Arbeitsbedingungen garantiert. Man wolle aber in den Filialen, so Lidl, Verbraucher auf den Mehrwert der zertifizierten Bio Fairtrade Bananen hinweisen. Man darf gespannt sein, wie das vor sich gehen soll!!

Offenbar hat Lidl auf das Preisdumping der Mitbewerber reagiert. Die zogen nicht etwa nach, sondern gingen mit den Preisen für konventionelle Bananen herunter. Und offenbar ist es so, dass die Mehrheit der Kunden eben doch zum Produkt mit dem scheinbar „günstigsten“ Preis greift, den sie seit Jahrzehnten gewohnt sind. Noch immer ist eine bis zu 11.000 km weit transportierte Banane billiger ist als ein Apfel aus Deutschland. Und immer noch nehmen die Kunden billigend in Kauf, dass die Erzeuger von ihrer Arbeit kaum leben können und Boden und Wasser und Gesundheit der Erzeuger bei herkömmlichem Anbau massiv Schaden nehmen. Dieser Haltung kommt Lidl jetzt mit seinem geräuschlos vollzogenen Rückzug entgegen, mit dem man dafür sorgen will „dass Kunden gemäß ihrer Wünsche und Lebensgewohnheiten einkaufen können“.

Wir erinnern uns: Lidl ist in allererster Lebensmittelhändler. Und zielt nun mal vor allem auf Gewinn und nicht auf Bewusstseinsbildung. Wenn der sich mit fairen Produkten erzielen oder gar steigern lässt, prima! Wenn nicht, dann gibt es eben einen Rückzug vom fairen Produkt. Oder müssen erst mehr Verbraucher ihr Bewusstsein und Kaufverhalten ändern, damit sich das Angebot dauerhaft ändert?

Auch Fairtrade Chef Dieter Overath zeigt sich von der Entwicklung herb enttäuscht. Denn der Kauf von Fairtrade Biobananen würde bei den durchschnittlich 12 Kilo Bananen, die in Deutschland pro Kopf und Jahr verzehrt werden, mit nur 2 Euro zu Buche schlagen. So rechnet Fairtrade vor. Aber dazu ist hierzulande – anders als in Nachbarländern – bislang nur eine Minderheit bereit.

Der eben vollzogene Rückzug in Sachen Fairtrade Bananen nährt aber auch die Zweifel an der Ankündigung, künftig nach strengen Bioland Kriterien erzeugtes Fleisch zu fairen Erzeugerpreisen ins Angebot aufzunehmen. Bei den Bananen waren die Verträge auf ein Jahr ausgelegt – und werden jetzt wohl nicht verlängert. Wie lang werden die Verträge für die Bioland Bauern gelten und erfüllt werden? Machen wir uns nichts vor: Auch hier geht es nicht vorrangig darum, „Bio in der Mitte der Gesellschaft zu verankern und in die Breite zu bringen“, wie Lidl beteuert, sondern darum, neue Kundenkreise zu erschließen. Handeln aus Überzeugung sieht jedenfalls anders aus.

IWEKehrtwende bei Lidl: Wieder billige Bananen im Angebot
Deutschlandfunk: Kein Brot für die Welt?

Deutschlandfunk: Kein Brot für die Welt?

Im Rahmen der Sendung „Der Tag“ war IWE-Vorstand Wilfried Bommert zu Gast bei Deutschlandfunk.

Aus der Ankündigung zur Sendung: „Mehr statt weniger Hunger: Zum dritten Mal in Folge ist die Zahl der Menschen gestiegen, die zu wenig zu essen haben. Das steht im aktuellen Welternährungsbericht. Für Wilfried Bommert ist das alarmierend. Der Gründer des Instituts für Welternährung sieht keine Fortschritte im globalen Kampf gegen den Hunger. „Im Gegenteil. Was die Zahlen zeigen ist vielleicht die Spitze des Eisbergs.“ Der ehemalige Hörfunkjournalist ist Autor von Büchern wie „Kein Brot für die Welt“ und „Wie der Klimawandel unsere Teller erreicht„. Er hofft auf eine große Initiative zur Welternährung – ähnlich wie der Bewegung „Fridays for Future“.“

Hier gibt’s die Sendung „Der Tag“ zum Nachhören:

Deutschlandfunk: Kein Brot für die Welt?
IWEDeutschlandfunk: Kein Brot für die Welt?
Vorreiter: Liechtenstein – klein, aber Bio-Weltspitze

Vorreiter: Liechtenstein – klein, aber Bio-Weltspitze

Ein Beitrag von IWE-Mitglied Alexandra Buley-Kandzi. In der Rubrik „Vorreiter“ sammeln wir Beispiele von Pionieren der Ökologischen Agrarwende.

Flächenmäßig zählt Liechtenstein zu den kleinsten Staaten der Welt. Aber wenn es um den Öko-Anbau geht, hängt das kleine Alpenland alle anderen Staaten auf der Erde ab: 39,7% (IFOAM 2019) der rund 3500 Hektar landwirtschaftlichen Flächen werden hier nach Bio-Richtlinien bewirtschaftet.

Damit setzt Liechtenstein Maßstäbe und ist weltweit Leuchtturm in Sachen Bio. Dies ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass die Geschichte der Bio-Landbau-Bewegung in dem kleinen Fürstentum eine sehr kurze ist. Erst in den 1990er kam sie dank einer Privatinitiative und Förderungen aus einer Stiftung in Gang und nahm dann aber rasch Fahrt auf. Seit 2008 ist auch der agrarpolitische Rahmen so gesteckt, dass die Bio-Bauern gute Bedingungen vorfinden. Sie arbeiten nach den Richtlinien der Bio-Suisse und damit nach den strengsten Bio-Vorgaben überhaupt.

„Doch gerade die hohen Standards sind ein wichtiger Faktor für den Erfolg der ökologischen Bewegung“, sagt Dr. Florian Bernardi, der seit 2010 für die Bioberatung Liechtenstein tätig ist. Die Verbraucher hier und in der benachbarten Schweiz, die die Hauptabnehmer der Bio-Waren sind, wissen die Qualität zu schätzen. Dabei legen sie besonderen Wert auf die hohen Tierhaltungsstandards. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Produkte hoch, schließlich ist die Rückverfolgbarkeit leichter: Die Wege in Liechtenstein selbst sind kurz und damit auch die Beziehungen zwischen Landwirten und Verbrauchern enger und direkter. Ein Segen für beide Seiten. Die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt. Im gemeinsamen Wirtschaftsraum Schweiz/Liechtenstein werden im Durchschnitt 288 Euro pro Kopf und Jahr für ökologisch erzeugte Lebensmittel ausgegeben – so viel wie sonst nirgends. „Trotzdem ist beim Konsum- und Kaufverhalten noch Luft nach oben“, meint der Agrarwissenschaftler Bernardi.

„Entscheidend für die schnelle positive Entwicklung und das anhaltend hohe Niveau der Produktion ist jedoch auch der systematische Aufbau des Biolandbaus und die gute Beratungsstruktur“, so Bernardi. Hierbei sind die übergreifenden Dienstleistungen z.B. bei Marketing und Management genauso wichtig wie die individuelle Beratung jedes einzelnen Landwirts. „So können proaktiv Projekte auf den Weg gebracht werden. Dies ist bei uns die Schlüsselfunktion für die Weiterentwicklung“, beschreibt er die Art und Weise, wie in Liechtenstein der Bio-Anbau durch den permanenten Austausch mit den Landwirten gefördert wird.

Die Bio-Betriebe hier gehören eher zu den größeren im Land. Viele von ihnen produzieren Kuhmilch. Es gibt außerdem Höfe, die Ziegen, Pferde oder Rinder für die Fleischproduktion halten. Diese Bewirtschaftung passt gut zur Landschaft, die viele Dauergrünlandflächen bietet. Doch auch Gemüse, Obst und Wein werden produziert. Die Vielfalt an Bio-Erzeugnissen ist groß und die verschiedenen Standbeine machen die Betriebe wirtschaftlich resilient. Schließlich wird auch ihre Arbeit durch die Klimawandel immer anspruchsvoller, aber auch wichtiger. „Der Biolandbau bietet durch höhere Bodenfruchtbarkeit und breitere Fruchtfolgen Vorteile, wenn es um das Wasserspeichervermögen der Böden geht.“ Außerdem ist der Humusaufbau ein entscheidender CO2-Fänger und -Speicher. Biolandbau in Liechtenstein ist modern und zukunftsweisend. Er macht die eigenen Bauern, die Verbraucher und die Umwelt zu Gewinnern. Kopieren erwünscht.

Unser Interview-Partner: Florian Bernardi (Jg 1984) hat in Österreich Agrarwissenschaften studiert und dort auch promoviert. Seit 2010 ist er als Berater in Lichtenstein tätig. Zu seinen Aufgaben gehören u.a. einzelbetriebliche Beratungen, die Leitung von Arbeitsgruppen und Projekten, Öffentlichkeitsarbeit, Bearbeitung von Anfragen der Politik, Regierung und Behörden. An seinen Aufgaben schätzt er besonders die Chance, Neues vorantreiben zu können, um den Biolandbau weiterzuentwickeln.

IWEVorreiter: Liechtenstein – klein, aber Bio-Weltspitze
Crowdfunding: GreenUp Sahara

Crowdfunding: GreenUp Sahara

Credit: World Food Programme

In der algerischen Sahara leben Zehntausende Menschen seit über 40 Jahren in Flüchtlingslagern. Die Menschen sind isoliert und es gibt kaum Wasser und Nahrung für ihre Tiere. Traditionelle Landwirtschaft ist unter den lokalen Bedingungen unmöglich. Die Menschen leiden an Mangelernährung und sind abhängig von den Hilfslieferungen der Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat zur Lösung des Problems einen ersten Schritt getan und ein Hydrokultur-System entwickelt. Mit diesem System kann man Futter für Ziegen und Kamele kostengünstig, wassersparend und lokal anbauen. Diese Hydrokultur soll so weiterentwickelt werden, dass vor Ort auch Gemüse, Salat und Kräuter zur Ernährung der Menschen angebaut werden können.

Für die Weiterentwicklung dieses bereits erprobten Konzeptes haben Fraunhofer-Forscher eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, für die noch Spenden gesucht werden.

Wenn Sie das Projekt „GreenUp Sahara“ unterstützen wollen, können Sie das hier tun. Auf der Website von startnext finden Sie auch noch weitere Hintergrundinformationen über das Projekt.

IWECrowdfunding: GreenUp Sahara
Ökologische Landwirtschaft und Suffizienz gehören zusammen

Ökologische Landwirtschaft und Suffizienz gehören zusammen

Ein Beitrag von Manfred Linz.

1. Ökologische Landwirtschaft ist ein Landbau, für den die Bodenfruchtbarkeit zentral ist, der ohne synthetischen Stickstoff, Pestizide, industrielle Importfuttermittel und Gentechnik wirtschaftet. Ökologische Landwirtschaft orientiert sich an einer organischen Kreislaufwirtschaft, die auf vielfäl­tige Fruchtfolge achtet, die Ackerbau und Viehzucht miteinander verbindet und aufeinander abstimmt. In der Viehzucht gilt artgerechte Tierhaltung.

2. Suffizienz ist in der gegenwärtigen Diskussion um die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen der Erde die bewusste und beabsichtigte Verringerung des Bedarfes an Energie, vor allem fossiler Herkunft, an Rohstoffen und an Fläche, und zwar durch menschliches Verhalten, also durch eine verminderte Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Persönliche Suffizienz geschieht durch Veränderung des eigenen Lebensstils. Suffizienzpolitik richtet sich auf die Begrenzung des oben genannten Bedarfes in Produktion und Konsum durch fördernde und verpflichtende Maßnahmen der öffentlichen Hand.

Ökologische Landwirtschaft fördert und braucht die Suffizienz.

3. Ökologische Landwirtschaft ist in sich eine Form der Suffizienz. Sie spart fossile Energie ein, verwendet keinen mineralischen Dünger,  verzichtet auf importierte Futtermittel und verwirft die Anwendung von Pestiziden.

4.  Ökologische Landwirtschaft ermöglicht die ausreichende und gesunde Ernährung einer weiter wachsenden Weltbevölkerung. Sie erlaubt jedoch nicht die Fortsetzung der gegenwärtigen luxurierenden Ernährungsweisen, die die Grundlagen der Welternährung zerstören. Mit Bezug auf die derzeit prägenden Konsummuster erfordert die Ökologische Landwirtschaft Maßhalten und Verzichte, ist also auf Suffizienz angewiesen.

5. Maßhalten und Verzichte beziehen sich vor allem auf Nahrungsmittel, für deren Herstellung große Mengen von (fossiler) Energie, Wasser, industriell angebauten Futtermitteln und mineralischem Dünger erforderlich sind. Dazu zählen etwa die in Massentierhaltung erzeugten Nahrungsmittel Fleisch, Eier, Milchprodukte und der industriell gefangene Fisch. Diese Produkte erzeugt die Ökologische Landwirtschaft sowohl unvermeidlich als auch bewusst in geringerer Menge als die industrielle Landwirtschaft. Da auch viele der weiter verarbeiteten und konfektionierten Produkte der Ernährungsindustrie erhebliche Mengen von Energie und Rohstoffen verbrauchen, gelten Maßhalten im Verzehr und Einschränkungen in der Produktion ebenso für sie.

6. Ökologische Landwirtschaft fördert die Suffizienz. So geben Konsumenten der Ökologischen Landwirtschaft in der Regel Nahrungsmitteln aus der eigenen Region Vorrang vor langen Transportwegen, und sie bevorzugen Produkte der jeweiligen Ernte-Saison. Auch kann der vorrangige Konsum ökologischer  Produkte zu einem Bewusstseinswandel und Wertewandel führen, der einen suffizienten Lebensstil fördert. Damit stärkt Suffizienz wiederum die Ökologische Landwirtschaft.

Suffizienz fördert und braucht die Ökologische Landwirtschaft

7. Suffizienz kann auf vielfältige Weise die Ökologische Landwirtschaft begünstigen. Zunächst, indem ein suffizienter Lebensstil ihr zugute kommt. Etwa, wenn Konsumenten bereit sind, die oben unter 5. genannten Lebensmittel nicht oder doch sparsam zu verwenden, und  zum Schutz der Umwelt und um der Qualität der naturbelassenen Nahrungsmittel willen für Produkte der Ökologischen Landwirtschaft den dafür erforderlichen Preis zu bezahlen.

8. Erfahrung lehrt freilich, dass nur ein begrenzter Teil der Bevölkerung aus eigenem Entschluss zu einem suffizienten Lebensstil findet. Auch Ratschläge, Ermunterungen, Appelle bewegen zu wenige Menschen zu suffizientem Verhalten; und wenn und wo es gelingt,  bleiben Maßhalten und Bescheidung ein Patchwork, weichen also immer wieder der Gewohnheit und der Bequemlichkeit .

9. Wer darum die Suffizienz auch für die Ökologische Landwirtschaft wirksam machen möchte, wird sie als eine politische Aufgabe verstehen, ihr also durch staatliche Förderung, durch Gesetze und Verordnungen Geltung verschaffen. Zu denken ist hier an eine konsequente Minderung des Lebensmittelverderbs durch Förderung und Verordnung seitens der öffentlichen Hände, an eine Steuer für konventionell erzeugtes Fleisch, an ein Verbot der Massentierhaltung, an eine Lebensmittelampel, die auf hohe Mengen von Fett, Zucker und Salz aufmerksam macht, und nicht zuletzt sondern eher zuerst an eine ökologische Umwidmung der Flächenprämie der Europäischen Union. Alle Maßnahmen dieser Art können die Grundlagen einer ausreichenden und gesunden Ernährung festigen.

Beitragsfoto: Tracy Lundgren/Pixabay

IWEÖkologische Landwirtschaft und Suffizienz gehören zusammen
Buchkritik: „Das geht so nicht weiter“ von Sophie und Karl-Ludwig Schweisfurth

Buchkritik: „Das geht so nicht weiter“ von Sophie und Karl-Ludwig Schweisfurth

Rezension von Karin Vorländer zum Buch „Das geht so nicht weiter – Die Würde des Tieres ist unantastbar“ von Sophie und Karl-Ludwig Schweisfurth.

Immer mehr, immer günstiger und alles zu jeder Zeit, das wird von Industrie und Landwirtschaft gerne als Ausdruck für gutes Leben verkauft. Auch und gerade, wenn es um Lebensmittel geht. Aber das „Immer- günstiger“ hat seinen Preis: Die Fruchtbarkeit des Bodens, die Würde der Tiere und der Blick dafür, dass alles Leben miteinander verbunden ist, bleiben auf der Strecke.

In ihrem Buch: „Das geht so nicht weiter“ belegen Karl-Ludwig Schweisfurth und seine Enkeltochter Sophie mit aufrüttelnden Fakten, warum es einer grundlegenden Wende bedarf. Ihr Plädoyer für eine neue Ethik im Umgang mit den fleischliefernden Nutztieren und für ein Konsumverhalten des „Weniger ist mehr“ überzeugt ebenso wie ihre Berichte davon, dass und wie in den Hermannsdorfer Landwerkstätten in der Tradition fachkundigen Handwerks und mit Respekt gewirtschaftet und produziert wird.

Auf 102 Seiten entfalten sie ihr Credo und eine Vision von einem Leben, in dem Mensch, Tier und Mitwelt gut miteinander leben können. Es geht ihnen um Achtsamkeit beim Essen, um gute Tierhaltung, um Ehrfurcht vor dem Leben und um die Verantwortung der Generationen füreinander und nicht zuletzt: um Schönheit.

In diesem auch für Nicht-Fachleute gut lesbaren Bändchen entfalten sie einen verlockende Entwurf eines anderen Lebens und Wirtschaftens. Sie wollen dazu beitragen, dass wir „die Erde ein kleinwenig schöner und besser verlassen, als wir sie betreten haben und ohne dass wir am Ende etwas bereuen“. Dass sie die Welt als einzelne nicht retten können, bestreiten sie nicht, aber „bewusste Zeichen setzen, das Gute stärken und das Schlechte verhindern und mit einem Traum den Anfang einer neuer Wirklichkeit möglich machen“, dafür werben sie.

Sympathisch dabei ihr einladender Ton, der den Lesern nicht Verzicht mit hängenden Mundwinkeln predigt oder Weltuntergangsstimmung weckt, sondern sie mitnimmt auf eine verlockende Praxis des „guten Leben“. Auf allzu einlinige Bauernschelte verzichten sie ebenso wie auf das Versprechen einfacher, „billiger“ Lösungen. Denn; auch das gute Leben hat seinen Preis!

Das geht so nicht weiter – Die Würde des Tieres ist unantastbar“ von Sophie und Karl-Ludwig Schweisfurth. Verlag bene! Mai 2019 Hardcover, 102 Seiten, 12 €. ISBN: 978-3-96340-056-8

Zu den Autoren:

Sophie und Karl-Ludwig Schweisfurth. Copyright: Hans-Günther Kaufmann 

Karl-Ludwig Schweisfurth (Jg 1930)

Mit Mitte 30 erbt der gelernte Metzger den Familienbetrieb des Vaters. Er rationalisiert Schlachtung, Verarbeitung und Verpackung nach US-amerikanischen Vorbild und sorgt so dafür, dass seine „Herta- Wurst“ immer billiger wird. Etwa 100.000 Tiere werden dafür jeden Monat geschlachtet. Anfang der 1980er Jahre kommen dem „Pionier der Moderne“ ernsthafte Zweifel an seinem Tun. 1984 verkauft er seine inzwischen größte Wurstfabrik Europas.

Er gründet 1985 die Schweisfurth Stiftung, mit der er eine gerechte, nachhaltige und verantwortungsbewusste Land- und Lebensmittelwirtschaft fördern will. 1986 folgt die Gründung der Hermannsdorfer Landwerkstätten in Glonn bei München, wo die Familie bis heute lebt. In seinem Bio- Unternehmen für Ackerbau und Viehzucht sowie Herstellung und Vermarktung von frischen Lebensmitteln verwirklicht er seinen Traum von einer ökologischen Lebensmittelherstellung. Entscheidend ist für ihn: „Die Liebe zu mir selbst, den Menschen um mich herum und zu allen anderen Geschöpfen. Die Liebe zu den Tieren. Die Liebe zur Natur. Die Liebe hält alles zusammen.“

Sophie Schweisfurth (Jg 1987)

Von Kindheit an ist sie vertraut mit dem Anliegen ihres Großvaters und dem Leben und der Arbeit in den Hermannsdorfer Landwerkstätten. Nach dem Abitur arbeitet sie in allen Abteilungen des Unternehmens mit. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft und verschiedenen beruflichen Stationen übernimmt sie im Mai 2018 gemeinsam mit ihrem Mann die Verantwortung für das Unternehmen. Auch wenn sie als Angehörige der Generation „Millenial“ ganz anders tickt als die Generation vor ihr, ist sie wie ihr Großvater überzeugt: Wegsehen und weiter wie bisher ist keine Lösung. Ein anderes Wirtschaften und Leben ist machbar!


IWEBuchkritik: „Das geht so nicht weiter“ von Sophie und Karl-Ludwig Schweisfurth