Ernährungsstrategie der Bundesregierung: Ernährungswende ja, aber die Rechnung bleibt offen

Ernährungsstrategie der Bundesregierung: Ernährungswende ja, aber die Rechnung bleibt offen

Gemeinsame Pressemitteilung, 21.12.2022

Das Bundeskabinett hat heute das Eckpunktepapier „Weg zur Ernährungsstrategie der Bundesregierung“ verabschiedet. Das Bündnis #ErnährungswendeAnpacken begrüßt, dass die Notwendigkeit einer deutlich pflanzlicheren Ernährung als zentraler Hebel für das Erreichen globaler Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele benannt wird und auch die Bekämpfung der Ernährungsarmut einen hohen Stellenwert erhält. Zu bemängeln bleibt jedoch, dass der Ernährungsstrategie konkrete Ziele sowie ein Budget für die Umsetzung fehlen. Hinzu kommt, dass die Zuständigkeit für konkrete Maßnahmen teils nicht in der Zuständigkeit des Bundes liegt.  

Das Bündnis #ErnährungswendeAnpacken begrüßt, dass das Eckpunktepapier der Bundesregierung mit der Aufführung von zwölf Themenfeldern darauf abzielt, die Ernährungswende umfassend anzugehen. Das Papier beschreibt zutreffend die Relevanz der Ernährungsgewohnheiten in Deutschland mit Blick auf Gesundheit, Umwelt und Klima sowie soziale Gerechtigkeit und bekennt sich vor diesem Hintergrund zu internationalen und europäischen Abkommen im Bereich Klimaneutralität und Ernährungsgerechtigkeit.

Wie genau die Ernährungswende erreicht werden soll, bleibt jedoch im Nebel. Das Bündnis kritisiert, dass es an konkreten, messbaren Zielen und verbindlichen Maßnahmen fehlt. Es fehlt vor allem jegliche Aussage zur Finanzierung relevanter Handlungsfelder wie beispielsweise der Bereitstellung einer gesunden und nachhaltigen Verpflegung für Heranwachsende in Schule und Kita sowie in der Kinder- und Jugendhilfe – ein Ziel, das mit Blick auf die zunehmende Ernährungsarmut in Deutschland an Brisanz gewinnt. Fehlt einer zukunftstauglichen Gemeinschaftsverpflegung weiterhin das finanzielle Fundament, droht sie erneut ein hohles Versprechen zu bleiben. Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeslandwirtschaftsministerium empfahl dafür bereits 2020, eine Finanzierung in Milliardenhöhe vorzusehen.

Eine ähnliche finanzielle Lücke tut sich beim Elefanten im Raum auf: Die Strategie beabsichtigt, den Konsum tierischer Lebensmittel auf ein nachhaltiges und gesundheitsförderndes Maß zu reduzieren. In Gegenzug sollen Produktion und Angebot von möglichst unverarbeitetem Gemüse und Obst, Hülsenfrüchten und Nüssen erhöht werden. Auch dies ist ein großes transformatives Vorhaben, bei der die Gesellschaft mitgenommen werden soll und muss.

Für die Vertreter*innen von #ErnährungswendeAnpacken steht fest: Angesichts der sich verschärfenden Umwelt- und Gesundheitskrisen sowie Fragen der sozialen Gerechtigkeit benötigt es dringender denn je eine ambitionierte, von Beginn an ausreichend finanzierte Ernährungsstrategie, die gesundes und nachhaltiges Essen für alle zugänglich macht. Das zu erreichen, muss das Ziel der Bundesregierung sein. Die vorgelegten Eckpunkte der Ernährungsstrategie müssen hierfür den Rahmen schaffen. Andernfalls verursacht das ausbleibende Handeln Kosten in Milliardenhöhe – für uns und zukünftige Generationen.

Für den Sprecher des Instituts für Welternährung, Dr. Wilfried Bommert trägt der Bund dabei eine besondere Verantwortung. „Mit seinen über 150 Bundeskantinen hat er einen großen Hebel zur Veränderung in der Hand, den er bisher sträflich vernachlässigt“. Dies zeige eine Studie des IWE aus 2021. „Hier“, so Bommert, „ist noch viel Luft nach oben, die jetzt politisch genutzt werden muss.“

» Zu den Forderungen des Bündnisses ErnährungswendeAnpacken 
 
Das Bündnis wird getragen von: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ), BerufsVerband Oecotrophologie e. V. (VDOE), Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern (BÄK), Bundesvertretung der Medizinstudierenden, Deutschland e. V. (bvmd), Bundeszahnärztekammer, Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Zahnärztekammern e.V. (BZÄK), Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e. V. (BÖLW), Deutsche Adipositas Gesellschaft e. V. (DAG) Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der DAG, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM), Deutsches Netzwerk Schulverpflegung (DNSV), Ecologic Institute, Netzwerk der Ernährungsräte, Institut für Welternährung, iSuN – Institut für Nachhaltige Ernährung, Fachhochschule Münster, Physicians Association for Nutrition (PAN), ProVeg, RAL Gütegemeinschaft Ernährungs-Kompetenz e.V., Slow Food Deutschland e. V., Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. (VDD), Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv), WWF Deutschland
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Europa im Netz der Food-Lobby: Ein undurchsichtiges Geflecht

Europa im Netz der Food-Lobby: Ein undurchsichtiges Geflecht

Europa im Netz der Food-Lobby – das undurchsichtige Geflecht zwischen Nahrungsmittelindustrie, europäischem Parlament und EU-Kommission

Wilfried Bommert/Christina Sartori

Ist das Europäische Parlament bestechlich? Sind seine politischen Entscheidungen käuflich? Wie groß ist die Nähe zwischen Politiker:innen und Wirtschaftsinteressen? Wie transparent sind die Kanäle der Einflussnahme? Diese Fragen stellen sich nach den Enthüllungen um die EU-Parlamentsvizepräsidentin Eva Kaili und ihren Verbindungen zu den wirtschaftlichen Interessen Katars auch für andere Bereiche des Parlaments.

Für das Sachbuch „Stille Killer: Wie Big Food unsere Gesundheit gefährdet“ untersuchten die Autor:innen Wilfried Bommert und Christina Sartori das verborgene Geflecht zwischen Nahrungsmittelindustrie, europäischem Parlament und EU-Kommission. Hier ein Auszug ihrer Recherchen:

Europa im Netz der Food-Lobby
 
Spätestens seit der Ratspräsidentschaft Rumäniens 2019 ist allen Eingeweihten klar, wer in Europa Ton und Farbe angibt: der Coca-Cola Konzern. Er erreichte, dass bei den Sitzungen der Staats- und Regierungschefs seine Farben das Bild bestimmten. Das ARD-Magazin Monitor titelte: »Die rumänische EU-Ratspräsidentschaft wird präsentiert von: Coca-Cola.« Als Platzhalter des Coca-Cola-Imperiums waren Coca-Cola-Sitzsäcke, -Getränkeautomaten und -Plakate in den Beratungsräumen verteilt worden. Nach Erkenntnissen von Vicky Cann, Mitarbeiterin des lobbykritischen Corporate Europe Observatory, gehört Sponsoring der EU-Präsidentschaft mittlerweile zum Standard in Europa. Obwohl es für sie offensichtlich ist, dass dies eigentlich ein No-Go sein sollte, gerade in einer Zeit, in der die Europäische Gemeinschaft ihr Lebensmittelrecht überarbeitet, über eine Zuckersteuer und die Einführung einer Lebensmittelampel berät. Auch an der Basis Europas, im europäischen Parlament, schlägt die Food-Lobby ihre Pflöcke ein. Ihr Brückenkopf ist das »European Food Forum«.
 
European Food Forum
 
Das European Food Forum trat 2019 ans Licht der Öffentlichkeit. Am gleichen Tag, als Ursula von der Leyen, die neue Präsidentin der Europäischen Kommission, ihren »Green Deal« vorstellte. Die Zeitgleichheit ist kein Zufall. Denn der Green Deal enthielt auch eine Strategie, durch die die europäische Ernährungslandschaft politisch grundlegend umgepflügt werden sollte, die »Farm to Fork«-Strategie. Das European Food Forum (EFF) wurde nach außen hin als eine Initiative von fünf Abgeordneten des Europäischen Parlaments gegründet. Zu den Gründungsmüttern und -vätern gehörten Abgeordnete aus Bulgarien, Polen, Spanien, Italien und Frankreich. Als Direktorin des EFF trat Luisella Ciani auf. Sie gehörte nicht zu den Abgeordneten des Parlaments, sondern firmiert als Agentur »2ThePointConsulting«. Und steht wiederum in Verbindung mit einem weiteren Beratungsunternehmen namens »Foresight International Policy and Regulatory Advisers«, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, offensiv die Interessen der Ernährungsindustrie in Europa zu vertreten. Auf dessen Wirken wird später noch näher einzugehen sein.

In seinem Steckbrief beschreibt sich das Food Forum als eine »Multi-Stakeholder-Plattform«, die sich »auf ganzheitlicher Basis« mit der EU-Lebensmittelpolitik befasst. Als unabhängiges Forum unter politischer Leitung und Direktive von »designierten« Mitgliedern des Europäischen Parlaments. Mit dem Ziel, den offenen Dialog zu fördern zwischen Politikern, Akteuren der Nahrungskette, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Forschung, Wissenschaft und anderen öffentlichen Institutionen. 31 Abgeordnete des EU-Parlaments haben sich bis 2021 dem European Food Forum angeschlossen. Durch sie erhält das Forum die Legitimation, gegenüber den europäischen Institutionen quasi als Organisation des Parlaments aufzutreten. Es kann damit eine Wirkkraft entfalten, die es als bloße Lobbygruppe nicht hätte. Im Gegensatz zu echten parlamentarischen Gruppen unterliegt es aber keiner Kontrolle. Nicht der des Parlaments und, wie Corporate Europe Observatory feststellt, auch nicht der der Öffentlichkeit.

Zu den Prinzipien des Forums gehört Verschwiegenheit. Seine Beratungen folgen den »Chatham House Rules«. Danach muss alles, was gesagt wird, vertraulich behandelt werden. Diese Verpflichtung zur Verschwiegenheit hat eine gewisse Logik. Denn die Struktur der Mitglieder verrät, wessen Interessen hier eigentlich vertreten werden. In der Mitgliederliste 2020 finden sich u. a. neben der Lobbyorganisation FoodDrink-Europe die Softdrink-Lobby UNESDA und von der Ernährungsindustrie die Konzerne Coca-Cola, Mars, Ferrero, Metro, Mondalez, Cargill und Rewe sowie die European Crop Protection Association und die Lobby der Chemischen Industrie mit dem European Chemical Industry Council. Insgesamt 26 Organisationen der Wirtschaft, denen 31 EU-Parlamentarier gegenüber stehen (Stand 2021).
 
Undercover-Taskforce
 
Eine Organisationsform, die im internationalen Sprachgebrauch unter die Kategorie AstroTurfing fällt. Die Bezeichnung AstroTurfing kommt aus England und beruht dort auf dem Erscheinungsbild eines Kunstrasens, der unter dem Namen AstroTurf vertrieben wird, und so aussieht als sei er echt. Aber tatsächlich ist er ein Kunstprodukt. Im politischen Geschäft bezeichnet AstroTurfing »die Bildung von Organisationen, die den Anschein einer zivilgesellschaftlichen Gruppe erwecken, in der Realität aber durch Industrieunternehmen gefördert wird, ohne dass dies offensichtlich ist.« Die lobbykritische Organisation Corporate Europe Observatory stuft das »European Food Forum« als eine Undercover-Taskforce ein, über die die Interessen der europäischen Agrar-und Lebensmittelindustrie in die europäischen Gremien, in das Parlament einfließen und in der Kommission und im Ministerrat befördert werden sollen.

Das European Food Forum ist nicht die einzige Tarnorganisation der Food-Lobby auf EU-Ebene. So weist der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim BMEL in seinem Gutachten 2020 darauf hin, dass es noch weitere Verbände gibt. Der Beirat nennt das »European Food Information Concil« (EUFIC) und das »International Life Sciences Institute« (ILSI), Organisationen, die »trotz ihres wissenschaftlichen Anspruchs in Hinblick auf die Einflussnahme durch die Industrie eher kritisch zu bewerten« sind. Und weist darauf hin, »dass die Organisation gezielt von Unternehmen der Ernährungsbranche genutzt wurde, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen.« Wenn die Einschätzung von Corporate Europe Obervatory zutrifft, dürfte dies beim neu gegründeten European Food Forum nicht anders sein.
 
Foresight International
Policy and Regulatory Advisers

 
Wer fragt, wo diese Strategien der Einflussnahme erdacht werden, wird an einer Institution nicht vorbeikommen, die in dieser Frage ausgezeichnete Expertise besitzt: das Beratungsunternehmen »Foresight International Policy and Regulatory Advisers« (FIPRA International). FIPRA International gilt als einer der 15 Top-Lobbyisten auf dem Brüsseler Parkett. In der Selbstbeschreibung des Unternehmens heißt es, man wisse, »wie man in komplexen politischen Landschaften den besten Kurs findet und regulatorische Herausforderungen angeht.« Dies mit dem Ziel, den industriellen Status Quo der europäischen Ess- und Trinkkultur zu schützen, innovativen Produkten den Weg auf den EU-Markt schneller zu öffnen, Produkte ihrer Klienten im Markt zu halten und dies mit so wenig Einschränkungen wie möglich.

Unterstützt wird das Unternehmen von Robert Madelin, der nach Recherchen des Corporate Europe Observatory von 2004 bis 2016 als Spitzenbeamter in der EU-Kommission Dienst tat und nach über 12-jähriger Einsicht in das Räderwerk der europäischen Politik zur Beratungsfirma FIPRA wechselte. Auch Luisella Ciani, die Direktorin des European Food Forums treffen wir in diesem exklusiven Club wieder. Wie sie selbst auf ihrem LinkedIn-Account veröffentlicht, trat sie FIPRA International 2018 bei, also im Jahr bevor sie das Projekt European Food Forum (EFF) aus der Taufe hob. Die Annahme liegt nahe, dass die Expertise von »Foresight International Policy and Regulatory Advisers« dabei hilfreich war.
 
FoodDrinkEurope
 
Im Zentrum der politischen Lobbyarbeit in Brüssel steht FoodDrinkEurope. Dieser Vereinigung der Ernährungsindustrie wird von der Organisation Lobbycontrol die größte Wirkung auf die Europäische Politik zugeschrieben. Mit einem Etat von geschätzten 200 000 bis 300 000 Euro soll sie laut EU-Transparenzregister 2020 die Interessen ihrer Mitglieder in konkrete Politik umgesetzt haben. FoodDrink-Europe ist nach Zahlen von Lobbycontrol aus dem Februar 2015 Mitglied in 49 Expertengruppen der EU-Kommission. Und bringt dort die Positionen seiner Mitglieder zur Geltung, zu denen die nationalen Interessenverbände wie der Lebensmittelverband Deutschland ebenso gehören wie die globalen Player von Nestlé über Coca-Cola, Danone, Kellogg’s, Mars, Mondelez International, PepsiCo, The Kraft Heinz Company und Unilever bis Südzucker.

Als Generaldirektorin vertritt Mella Frewen die Lobbyorganisation seit 2007. Sie besitzt Expertise in politischer Einflussnahme. Laut Lobbycontrol war sie als ehemalige Mitarbeiterin von Monsanto für Regierungsbeziehungen in Europa zuständig. 2012 sollte sie Mitglied des Verwaltungsrats der europäischen Lebensmittelaufsichtsbehörde EFSA werden, was jedoch vom EU-Parlament verhindert wurde. Im Zentrum ihrer Lobbyarbeit stand die europäische Zuckerpolitik. Besondere Mühe gab sich der Verband damit, Alternativen zur geplanten Lebensmittelampel in Europa ins Gespräch zu bringen. Nach Zahlen des Corporate Europe Observatory soll die Industrie rund 21 Millionen Euro jährlich ausgegeben haben, um wirksame Beschränkungen zu verhindern, EU-Institutionen zu beeinflussen, wissenschaftlich fragwürdige Studien zu sponsern und freiwillige Vereinbarungen zu favorisieren. Dass ihr dabei Erfolg beschieden war, liegt nicht zuletzt daran, dass sich die EU-Kommission ein Leben ohne die Mitwirkung der Industrie gar nicht vorstellen kann. Das liegt vor allem an der spärlichen Ausstattung der Behörde mit Fachpersonal.

Sie umfasst mit rund 32 000 Mitarbeitern weniger als die deutsche Bundesfinanzverwaltung mit über 45 000 Fachkräften. Das führt zwangsläufig dazu, dass sie sich Expertise von außen holen muss. Lobbycontrol stellt in seinem Bericht 2019 fest: »Gerade Unternehmen verfügen häufig über das Fachpersonal, auf dessen Expertise die Kommission bei der Initiative zu einem neuen Gesetz oder zu dessen konkreter Umsetzung angewiesen ist. Daher sitzen allzu oft genau die Unternehmen bei der Klärung von Detailfragen mit am Tisch, die von der geplanten Regulierung direkt betroffen sind.« Was dann in den 49 Expertengruppen der EU-Kommission, in denen FoodDrinkEurope seine Expertise einbringt, sichert, dass die Interessen der Food-Industrie in der europäischen Politik nie hinten herunterfallen.

Auszug aus „Stille Killer: Wie Big Food unsere Gesundheit gefährdet“, Wilfried Bommert/Christina Sartori, S. Hirzel Verlag, Stuttgart (2022)

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Breites Bündnis um Starkoch Jamie Oliver fordert umfassenden Schutz von Kindern gegen Junkfood-Werbung

Breites Bündnis um Starkoch Jamie Oliver fordert umfassenden Schutz von Kindern gegen Junkfood-Werbung

Breites Bündnis um Starkoch Jamie Oliver fordert umfassenden Schutz von Kindern gegen Junkfood-Werbung – rund 40 Organisationen machen Druck auf die Ampel-Koalition

TV-Starkoch Jamie Oliver appelliert gemeinsam mit einem Bündnis aus etwa 40 Organisationen an die Ampel-Koalition, Kinder und Jugendliche vor Werbung für Lebensmittel mit viel Zucker, Fett oder Salz zu schützen. Werbung beeinflusse „nachweislich die Präferenzen und das Essverhalten“ junger Menschen, heißt es in einem offenen Brief an die Parteivorsitzenden von SPD, Grünen und FDP, den zahlreiche medizinische Fachgesellschaften, Forschungseinrichtungen, Elternverbände, Verbraucherschutz- und Kinderrechtsorganisationen sowie Krankenkassen und Ernährungsorganisationen unterzeichnet haben. Werbebeschränkungen seien ein „wichtiger Schritt, um Familien dabei zu unterstützen, Kindern eine gesunde Ernährungsweise beizubringen“, so das Bündnis.
 
„Tag für Tag bombardiert die Lebensmittelindustrie unsere Kinder mit Werbung für Zuckerbomben und fettige Snacks – sie schaltet TV-Spots während Fußballspielen, Casting-Shows und Kindersendungen und engagiert beliebte Influencer:innen. Um Kinder und Jugendliche vor den perfiden Marketing-Tricks zu schützen, haben wir in Großbritannien ein weitreichendes Gesetz erkämpft. Wenn Deutschland einen ähnlichen Weg beschreitet – oder sogar noch weiter geht, um Kinder angemessen zu schützen, wäre das ein Meilenstein. Werbebeschränkungen sind ein zentraler Baustein zum Schutz der Kindergesundheit“, sagte Jamie Oliver. In Großbritannien soll ab 2024 eine umfassende Werbebeschränkung in Kraft treten. Im Internet soll Werbung für Ungesundes komplett untersagt und im TV ausschließlich nachts ausgestrahlt werden dürfen. Jamie Oliver hatte sich gemeinsam mit Ärzteverbänden und Elternorganisationen jahrelang für ein solches Gesetz stark gemacht – mit Erfolg.
 
Auch die Ampel-Parteien in Deutschland hatten im Koalitionsvertrag angekündigt, gegen Junkfood-Werbung vorzugehen. Das Bundesernährungsministerium dürfte schon in Kürze einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorlegen. Das breite zivilgesellschaftliche Bündnis pocht auf eine „umfassende Regelung“. Eine „Werbebeschränkung light“, die lediglich klassische Kindersendungen adressiert, würde „ihr Ziel verfehlen“. Das Gesetz müsse Junkfood-Werbung in TV, Radio und Streamingdiensten tagsüber von 6 bis 23 Uhr untersagen. Influencer:innen sollten ausschließlich Werbung für gesunde Lebensmittel machen dürfen. Für Plakatwerbung solle eine 100-Meter-Bannmeile im Umkreis von Kitas, Schulen und Spielplätzen gelten. Als Grundlage, welche Lebensmittel als ungesund gelten, müssten die Nährwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dienen.
 
„Die Zeit der wirkungslosen freiwilligen Selbstverpflichtungen der Lebensmittelindustrie ist vorbei und das ist richtig so. Die Bundesregierung darf nun keine halben Sachen machen. Nur ein umfassendes Gesetz wird Kinder vor Junkfood-Werbung schützen. Die Regeln dürfen nicht nur reine Kinderformate, sondern müssen auch Familiensendungen umfassen, denn junge Menschen gucken nicht nur Zeichentrickfilme, sondern auch Fußballspiele und Casting-Shows“, erklärte Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK).
 
„Kinder müssen umfassend vor Werbung für ungesunde Lebensmittel geschützt werden. 93 Prozent der Eltern und Großeltern haben sich schon im Jahr 2020 für Zucker-, Fett- und Salz-Höchstgrenzen bei Lebensmitteln mit Kinderoptik ausgesprochen. Die Ampel muss diesem Wunsch nachkommen und endlich ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einlösen“, sagt vzbv-Vorständin Ramona Pop.
 
Laut einer Studie der Universität Hamburg sieht jedes Kind zwischen drei und 13 Jahren pro Tag im Schnitt 15 Werbespots für ungesunde Lebensmittel. 92 Prozent der gesamten Werbung, die Kinder wahrnehmen, vermarktet Fast Food, Snacks oder Süßigkeiten. Allein die Süßwarenindustrie hat 2021 über eine Milliarde Euro für Werbung ausgegeben – so viel wie in keinem anderen Jahr zuvor.
 
Kinder essen etwa doppelt so viel Süßigkeiten, aber nur halb so viel Obst und Gemüse wie empfohlen. Aktuell sind etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Übergewicht und sechs Prozent sogar von starkem Übergewicht (Adipositas) betroffen. Ihnen drohen im späteren Leben Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Jeder siebte Todesfall in Deutschland ist laut Daten der OECD auf ungesunde Ernährung zurückzuführen.

Den offenen Brief an die Ampel-Koalition unterzeichneten:

Link:

Weiterführende Informationen:

Pressekontakt foodwatch:

Dario Sarmadi

E-Mail: presse@foodwatch.de

Mobil: +49 (0)174 / 3 75 16 89

Pressekontakt DAG/DANK:

Oliver Huizinga

E-Mail: presse@dank-allianz.de

Mobil: + 49 (0) 1515 127 19 21

Pressekontakt vzbv:

Sebastian Meyer

E-Mail: presse@vzbv.de

Tel.: +49 (30) 258 00 525

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IWE-Herbstakademie: „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“ 14.-15.10.2022

IWE-Herbstakademie: „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“ 14.-15.10.2022

Einladung zur Herbstakademie des Instituts für Welternährung „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende
14.-15. Oktober 2022

Hessische Staatsdomäne Frankenhausen, Ökologisches Lehr- und Versuchsgut der Universität Kassel-Witzenhausen


Zoom-Link Freitag, 14. Oktober: https://us06web.zoom.us/j/82720916583

Zoom-Link Samstag, 15. Oktober: https://us06web.zoom.us/j/82379023087


Weizen als Waffe, der Krieg Russlands weitet sich aus. Das wichtigste Brotgetreide der Welt wird zum Spielball strategischer Interessen. Die Klimakrise verschärft die Lage. Die industrielle Landwirtschaft, ihr massiver Einsatz fossiler Energie, ihre anfälligen Monokulturen, ihre globale Abhängigkeit untergräbt die Ernährungssicherheit weltweit.

Fehlernährung greift um sich. Übergewicht und Fettsucht, Hunger und Unterversorgung zeigen die Schieflage des Welternährungssystems. Lässt es sich noch korrigieren oder braucht es einen grundsätzlichen Neuanfang? Eine Ernährungswende ist überfällig. Wie wollen wir mit der Herausforderung umgehen? Welche Rolle soll Deutschland in diesem Prozess der Erneuerung einnehmen? Welchen Beitrag soll und kann das Institut für Welternährung leisten?

Das ist das Thema der Herbstakademie unter dem Titel „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“. Sie findet statt in der Hessischen Staatsdomäne Frankenhausen, dem ökologischen Lehr- und Versuchsgut der Universität Kassel-Witzenhausen und Zentrum der Ökomodell-Region Nordhessen. Mitveranstalter ist der Ernährungsrat Hannover und Region e.V. 


Programm
Moderation: Mechthild Nagel-Dürscheid und Heinrich Dürscheid

Freitag, der 14.10. 2022, 13:00 – 18:00 Uhr
 
Ernährungswende, was uns voranbringt? 

  1. „Ernährungswende, was uns voranbringt?“ IWE Dossier, Dr. Wilfried Bommert, Sprecher des Vorstands des IWE, Buchautor, Heddinghausen
  2. „Nationale Ernährungsstrategie: Worauf es ankommt und was wir von anderen lernen können?“,  Stephanie Wunder, Agora Agrar Berlin (Zoom)
  3. „Was die Zivilgesellschaft von einer Ernährungsstrategie erwartet“, Dr. Nina Wolff, Vorsitzende Slow Food Deutschland und Netzwerk #ErnährungswendeAnpacken!, Berlin
  4. „Ernährungsstrategie Niedersachsen. Was wir davon lernen können“, Barbara Otte-Kinast, Niedersächsische Landwirtschaftsministerin, Hannover
  5. „Der Nationale Dialog als Impuls für die Ernährungsstrategie der Bundesregierung“, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Dr. Hanns-Christoph Eiden, Bonn
  6. Abschluss mit Round Table Gespräch

Am Abend (ca. 20:00 Uhr)
Köche ohne Grenzen/ David Höner, Autor von „Köche hört die Signale“ 
 
Samstag, der 15.10. 2022, 10:00 – 17:00 Uhr
 
Kantinen – ein Hebel der Ernährungswende
Praktische Führung durch Forschungsschwerpunkte der Universität Kassel-Witzenhausen

  1. „GIFT – Feldversuche zu Landwirtschaft und Biodiversität“, Wanderausstellung der Neuen Schule für Fotografie Berlin – Einführung: Eva Bertram; Projektpräsentationen: Sabrina Radeck, Thilo Mokros und Jakob Wierzba
  2. „Was isst eigentlich unsere Regierung – Ökologische Performance der Bundeskantinen“, Ergebnisse einer IWE-Praxis-Studie von Svea Spieker
  3. „Kantine Zukunft, Wie Berlin seine Kantinenwirtschaft ökologisch, regional und fair umgestaltet“, Phillip Stierand, Kantine Zukunft, Berlin
  4. „Wenn schon Fleisch, dann Regionales: Bio-Rindfleisch in Berlin-Brandenburger Kantinen“, Projekt der TU Berlin, Zentrum für Technik und Gesellschaft (ZTG), Susanne Salzgeber
  5. „Wie eine ökologische Kantinenwirtschaft Schule machen kann“, André Jeroma, Leiter Kantine Glockseeschule Hannover
  6. „Ernährungswende von unten? – Es braucht Ernährungsräte vor Ort“, Daria Kistner, Vorsitzende des Ernährungsrats Hannover und Region e.V., Peter Wogenstein, Ernährungsrat Hannover und Region e.V.
  7. „Ernährungswende, der Beitrag der Universität Kassel-Witzenhausen“, Praktische Führung durch Forschungsschwerpunkte der Universität Kassel-Witzenhausen

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!
Herzliche Grüße,

Dr. Wilfried Bommert                                 Daria Kistner
Sprecher des Vorstands IWE                   Vorstand Ernährungsrat Hannover und Region 

IWEIWE-Herbstakademie: „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“ 14.-15.10.2022
Französischer Rechnungshof: Mehr Unterstützung für Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel notwendig

Französischer Rechnungshof: Mehr Unterstützung für Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel notwendig

Unerwartete Verstärkung – ein Vorwort von Manfred Linz

Beistand ist besonders willkommen, wenn er nicht zu erwarten war. Diese überraschende Stärkung erleben gerade alle, die sich hierzulande für eine zukunftsfähige Landwirtschaft einsetzen und dabei ja allerhand Uneinsicht und Widerstand begegnen. Ihnen, also auch uns, dem Institut für Welternährung, seinen Freunden und Förderern, ist ein tatkräftiger Mitstreiter erstanden. Er kommt aus dem Nachbarland, und kaum jemand hätte in ihm einen Bundesgenossen vermutet. Es ist der Cour des Comptes, der französische Rechnungshof. Er hat im Juni dieses Jahres unter Auswertung der Fachliteratur eine gründliche Bewertung der französischen Bio-Landwirtschaft vorgelegt, Christoph Habermann hat sie ausgewertet und vermittelt in seinem Aufsatz für „Blog Republik“ seine Essenz. Der Rechnungshof macht sich zum Anwalt der Bio-Landwirtschaft und fordert nicht etwa ihre geringere sondern ihre stärkere staatliche Förderung. Gleichzeitig erfährt der deutsche Leser, dass die französische Unzufriedenheit mit dem erzielten Grad der naturgemäßen Landwirtschaft schon heute auf einem deutlich kräftigeren Sockel biologischer Agrikultur Landwirtschaft ruht als bei uns und damit zu einem Animateur vergleichbaren staatlichen Handels in unserem Land werden kann. Exempla trahunt, Beispiele reißen mit.

Französischer Rechnungshof: Mehr Unterstützung für Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel notwendig“

von Christoph Habermann

I.

Der französische Rechnungshof hat am 30. Juni 2022 einen 353 Seiten starken Bericht veröffentlicht, in dem er untersucht, wie und mit welchem Erfolg die Bio-Landwirtschaft in Frankreich in den vergangenen zehn Jahren gefördert worden ist. Allein die Tatsache, dass der französische Rechnungshof sich so ausführlich mit der Bio-Landwirtschaft beschäftigt, ist bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist der Inhalt dieses Berichts. Er beschränkt sich nicht auf Zahlen und Wirtschaftlichkeits-Überlegungen oder fordert gar die Streichung von Fördergeldern, wie man das von Rechnungshof-Berichten gewohnt ist. Nein, der Bericht formuliert – gestützt auf eine Auswertung der wissenschaftlichen Fachliteratur zur Bio-Landwirtschaft – ein starkes Plädoyer für mehr Bio und für mehr staatliche Unterstützung von Bio.

Der Bericht untersucht, ob Politik und Verwaltung in Frankreich die biologische Landwirtschaft seit 2010 ausreichend unterstützt haben, um die beiden wichtigsten politisch definierten Ziele zu erreichen: 15 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen sollen biologisch bewirtschaftet werden und 20 Prozent der Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Schulen oder Krankenhäusern sollen Bio sein. Beide Ziele wurde nicht erreicht.

Zusammenfassend kommt er zu folgendem kritischen Ergebnis:

„Allgemein verfolgt die vom Landwirtschafts-Ministerium betriebene Politik zur Unterstützung der biologischen Landwirtschaft anspruchsvolle Ziele ohne ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen. Gewiss wurden beachtliche Ergebnisse erzielt, diese Politik hätte aber stärker treibende Kraft bei der Entwicklung der biologischen Landwirtschaft sein können, die sie tatsächlich aber im günstigen Fall begleitet und manchmal auch gebremst hat.“ (Seite 23)

Die wichtigsten Zahlen zur Entwicklung der biologischen Landwirtschaft in Frankreich in den vergangenen Jahren:

„Die biologische Landwirtschaft, die in Frankreich lange ein Nischendasein führte, hat sich im Lauf des vergangenen Jahrzehnts zwischen 2010 und 2021, vor allem seit 2015, stark verbreitet, und Frankreich liegt mit einer Bio-Fläche von mehr als 2,8 Millionen Hektar im Jahr 2021 in Europa auf Platz eins.

Zwischen 2010 und 2021 ist der Anteil der Bio-Betriebe von 4 Prozent auf 13,4 Prozent gewachsen, die 10,3 Prozent der in Frankreich landwirtschaftlich genutzten Fläche bewirtschaften…“ (Seite 12/13)

In Deutschland waren im Jahr 2021 13, 8 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe Bio-Höfe, die knapp 1,8 Millionen Hektar bewirtschaften, was 10,8 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland entspricht.

II.

Die Aussagen im Bericht des Rechnungshofs zu den wissenschaftlich gesicherten Vorteilen der Bio-Landwirtschaft gegenüber der konventionellen Landwirtschaft sind auch für die gesellschaftliche und politische Diskussion in Deutschland besonders interessant und wichtig:

„Der Rechnungshof macht eine Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Literatur zu den Vorteilen der Bio-Landwirtschaft. Das bezieht sich sowohl auf die Verringerung negativer Externalitäten anderer Formen der landwirtschaftlichen Praxis als auch auf die eigenen positiven Externalitäten, weil diese Form der landwirtschaftlichen Praxis chemisch-synthetische  Pestizide und Gentechnik verbietet und den Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht stark beschränkt.“ (Seite 16)

Der Rechnungshof fasst seine  grundlegenden Feststellungen so zusammen:

„Auch wenn Landwirte insgesamt gesünder sind als der Durchschnitt der französischen Bevölkerung deuten wissenschaftliche Studien auf einen Zusammenhang zwischen der Belastung durch Pestizide und mehreren Krankheiten hin (Krebserkrankungen, Parkinson,etc.) die als Berufskrankheiten von Landwirten anerkannt werden können, wenn der Zusammenhang  nachgewiesen ist. Andere Studien belegen eine substantielle Verringerung mehrerer Krankheiten (u.a. Krebserkrankungen und Diabetes) bei Verbrauchern, die regelmässig Bio-Lebensmittel essen.

Der günstige Einfluss der Bio-Landwirtschaft auf die Umwelt ist ebenfalls gut belegt. Während die Wasserverschmutzung, die wesentlich auf Nitrate, Phosphor und Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft zurückzuführen ist, weiter zunimmt, erlaubt die Bio-Landwirtschaft sie zu verringern. Deshalb finanzieren die Wasseragenturen (es gibt in Frankreich sechs Wasseragenturen, die sich in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und der Industrie um die Sicherung und Aufbereitung von Trinkwasser kümmern C.H.) immer stärker die Konversion zu biologisch bewirtschafteten Flächen: Vorsorge erweist sich als deutlich kostengünstiger als die Dekontaminierung von Trinkwasser. Trinkwasser-Unternehmen wie das von Paris haben begonnen, die Bio-Landwirtschaft im Bereich ihrer Wassergewinnung zu finanzieren.

Die Bio-Landwirtschaft trägt auch zu einer besseren Bodenfruchtbarkeit bei, dank eines höheren Anteils an organischem Material und weil die Böden mehr Wasser aufnehmen und mehr Kohlenstoff speichern können. Diese landwirtschaftliche Praxis hat aber auch bestimmte Grenzen, z.B. der Einsatz von Kupfer, der oft unvermeidlich ist wegen der fehlenden Möglichkeit synthetische Fungizide einzusetzen und weil wirksame alternative Methoden fehlen, oder die tiefe Bearbeitung der Böden, fehlende Boden-Bedeckung oder die immer mögliche und in der Bio-Landwirtschaft notwendige Fruchtfolge.

Die Bio-Landwirtschaft hat positiven Einfluss auf die Luftqualität, die durch die Ammoniak-Emissionen des in der konventionellen Landwirtschaft genutzten Stickstoffdüngers belastet wird.

Die Bio-Landwirtschaft trägt nicht zuletzt zum Erhalt der Biodiversität bei. Auf biologisch bewirtschafteten Flächen gibt es durchschnittlich 30 Prozent mehr Arten, deren Populationen 50 Prozent grösser sind, während die die Zahl der Feldvögel und der bestäubenden Insekten in Europa seit 1990 um mehr als 30 Prozent zurückgegangen ist.

Diese Form der Landwirtschaft verursacht weniger klimarelevante Emissionen, vor allem Lachgas, weil keine stickstoffhaltigen Dünger eingesetzt werden.Das gilt pro Hektar und bezogen auf die Betriebe, die autonom sein sollen.

Die Verbesserung des Tierwohls durch die Bio-Landwirtschaft ergibt sich aus ihrem Pflichtenheft, das die Käfighaltung und das Anbinden von Tieren verbietet , die Zahl der Tiere begrenzt, stärker natürliches Futter vorschreibt (Futter, Muttermilch) und den Zugang zum Freiland garantiert.

Schliesslich hat die Bio-Landwirtschaft positiven Einfluss auf die Beschäftigungssituation im ländlichen Raum, weil sie für die jungen Landwirtinnen und Landwirte attraktiv ist: ein Drittel der Niederlassungen sind Bio-Betriebe. Weil es arbeitsintensiver ist, schafft dieses Produktionssystem Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und in der Bio-Lebensmittelherstellung.

Insgesamt anerkennt die wissenschaftliche Literatur die gesundheitlichen und umweltbezogenen Vorteile der Bio-Landwirtschaft, auch wenn zusätzliche Studien notwendig bleiben, die besonders den Einfluss der Bio-Landwirtschaft auf Gesundheit und Klima betreffen. Das ist auch das Ergebnis einer Studie des Itab-Inrae (staatliche französische Forschungs-Einrichtung zur Bio-Landwirtschaft C.H.) aus dem Jahr 2016 zur Bezifferung ihrer Externalitäten, die regelmässig aktualisiert werden sollte.“ (Seite 16-18)

III.

Das sind klare Aussagen, die sich auf den aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung stützen. Der Rechnungshof setzt sich in seinem Bericht detailliert mit der Frage auseinander, warum Frankreich seine seit 2010 politisch proklamierten Ziele nicht erreicht hat. Aus dieser Analyse leitet er 12 konkrete Empfehlungen ab, die er unter drei grosse Überschriften stellt:

  1. Die Bürgerinnen und die Konsumenten sollen über den Einfluss der Bio-Landwirtschaft und der Herstellung biologischer Lebensmittel auf Umwelt und Gesundheit aufgeklärt werden.
  2. Die öffentliche Unterstützung der gesamten Landwirtschaft soll zugunsten des Bio-Sektors neu ausgerichtet werden.
  3. Die Wertschöpfung in der Bio-Branche soll stärker und besser als bisher unterstützt werden.

Die Empfehlungen lassen sich in ihrer Grundrichtung umstandslos auf die deutschen Verhältnisse übertragen. Das gilt zum Beispiel für die Anerkennung aller Vorteile der Bio-Landwirtschaft bei der Berechnungsmethode für die künftige Umwelt-Kennzeichnung von Lebensmitteln. Das gilt auch für den Vorschlag, die öffentliche Statistik so zu korrigieren, dass das Erreichen von Zielen in der Bio-Landwirtschaft messbar wird und die unterschiedlichen Formen der landwirtschaftlichen Praxis vergleichbar werden.

Besonders wichtig, auch für die deutschen Verhältnisse, sind aus meiner Sicht zwei Empfehlungen, die in der öffentlichen Diskussion über Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel bisher zu selten eine Rolle spielen.

Der Rechnungshof fordert, die Mittel zur Unterstützung von Forschung und Innovation in der Bio-Landwirtschaft deutlich zu erhöhen und dabei auch die möglichst schnelle Verbreitung und Anwendung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse einzubeziehen.

„Obwohl Forschung und Entwicklung einhellig als Schlüsselfaktoren für das Wachstum der Bio-Landwirtschaft anerkannt sind, besteht weiter grosser Bedarf und die bisherigen Projekte sind weder ausreichend koordiniert noch finanziert. Auch die Angebote für Ausbildung und Betreuung sollten verstärkt werden.“ (Seite 152)

„… scheint es wünschenswert, Forschung und Entwicklung im Bio-Bereich stärker zu unterstützen, dafür mehr Mittel zur Verfügung zu stellen und die Arbeiten stärker aufeinander abzustimmen, um den Erwartungen der Fachleute, vor allem der Landwirte, besser zu entsprechen.“ (Seite 163)

Auch in Deutschland ist das dringend notwendig. Trotz gewisser Fortschritte in den vergangenen Jahren steht nur ein ganz kleiner Teil der öffentlichen Gelder für Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft für Projekte der Bio-Landwirtschaft zur Verfügung. Das steht in keinem vernünftigen Verhältnis zur deutlich gewachsenen Bedeutung dieser Form der Landwirtschaft. Wenn Deutschland das Bio-Ziel von 25 Prozent im Jahr 2030 erreichen will, das die Europäische Union in ihrer „Farm to Fork“-Strategie beschlossen hat, dann müssen so schnell wie möglich mindestens 25 Prozent der Ausgaben für landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung in Projekte der Bio-Landwirtschaft fliessen: von der Züchtung ökologischen Saatguts über die umweltverträgliche Steigerung von Erträgen bis hin zur Verbesserung der Bodenqualität. Hier bleibt viel zu tun, damit Erfahrungswissen zusammen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse eine landwirtschaftliche Praxis möglich machen, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt statt sie zunehmend zu gefährden und zu zerstören. Das gilt erst recht, wenn die Bundesregierung bis 2030 den Anteil der Bio-Landwirtschaft in Deutschland auf 30 Prozent erhöhen will, wie das im Koalitionsvertrag vereinbart ist.

Noch grundsätzlicher ist eine weitere Empfehlung des Rechnungshofs. Er sieht in der Bio-Landwirtschaft einen Hebel, die Autonomie der Nahrungsmittelversorgung zu stärken, und setzt sich unter Hinweis auf wissenschaftliche Studien mit dem zentralen Einwand gegen diese Position auseinander:

„Die geringeren Erträge der Bio-Landwirtschaft werden oft als ein Hindernis für die Autonomie der Nahrungsmittelversorgung Frankreichs dargestellt. Allerdings bewegen sich die Erträge und die Produktivität der konventionellen Landwirtschaft nach unten, während die der Bio-Landwirtschaft Potential für Verbesserungen bietet, das von Investitionen in Forschung und Entwicklung abhängt.

Durch mehr pflanzliche Proteine in der Ernährung anstatt tierischer Proteine, führt das Bio-Modell übrigens auch dazu, dass der Teil der landwirtschaftlichen Fläche abnimmt, der für Futtermittel und die Viehzucht genutzt wird. Es gibt also eine Antwort auf die Bedürfnisse, die durch die wachsende Erdbevölkerung entstehen und trägt dazu bei, die Ausweitung landwirtschaftlich genutzter Flächen zu Lasten natürlicher Räume zu vermeiden.

Nach einem von Forschern des „Nationalen Forschungsinstituts für Landwirtschaft“ (Inrae) erarbeiteten Szenarios könnte eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten hin zu mehr pflanzlichen Proteinen und weniger Verschwendung von Lebensmitteln trotz geringerer Erträg dazu führen, dass die für die Bio-Landwirtschaft genutzten Fläche im Vergleich zur konventionellen Nutzung um 18 Prozent geringer sein könnte.

Das „Institut für nachhaltige Entwicklung und internationale Beziehungen“ (Iddri) hat ein Modell zur europäischen Autonomie von Landwirtschaft und Ernährung bis 2050 entwickelt. Die Untersuchung weist nach, dass das europäische Landwirtschafts- und Ernährungsmodell nicht nachhaltig ist, vor allem durch den hohen Anteil tierischer Proteine in der Ernährung, die 60 Prozent über den Empfehlungen der Weltgesundheits

-organisation liegen und dazu führen, dass mehr als 60 Prozent des Getreides und der Ölsaaten in Europa (von denen ein grosser Teil als Soja importiert wird) als Tierfutter dient und nicht der menschlichen Ernährung. Dazu kommen die Auswirkungen der Intensiv-Landwirtschaft auf Gesundheit und Umwelt. In einem Szenario, das von der Verallgemeinerung agrar-ökologischer Formen der Bewirtschaftung ausgeht, kommt das Iddri zu dem Ergebnis, dass die Ernährungs-Autonomie für Europa mit seinen 500 Millionen Verbrauchern gesichert werden kann, wenn die landwirtschaftliche Produktion zurückgeht (um 40 Prozent in der Viehzucht und um 30 Prozent bei Pflanzen) verbunden mit einer Umstellung der Ernährung, der Beendigung des Imports von Soja unter Beibehaltung von Exportüberschüssen beim Getreide.

Angesichts der Erderwärmung muss die Resilienz der Bio-Betriebe für die künftige Entwicklung berücksichtigt werden, sowohl für die Höhe der Produktion als auch für die öffentlichen Finanzen angesichts der Risiken, die sich aus den Klimaveränderungen ergeben.

Dieser Ausblick führt zu dem Schluss, die Autonomie von Landwirtschaft und Ernährungssystem auf der Ebene der landwirtschaftlichen Betriebe und Regionen, auf nationaler und europäischer Ebene zu einem Ziel der Landwirtschaftspolitik zu machen. Das sollte auf der Grundlage eines Ansatzes geschehen, der die Produktionssysteme zusammen und zukunftsorientiert in den Blick nimmt. Die Autonomie des Ernährungssystems hat mit dem Konflikt in der Ukraine zusätzlich an Bedeutung gewonnen.“ (Seite 171/172)

IV.

Der Bericht des französischen Rechnungshofs über die vielfältigen Vorteile der Bio-Landwirtschaft ist ein wichtiges Dokument, das die Position der Bio-Landwirtschaft in der politischen und gesellschaftlichen Debatte stärkt.

Der französische Rechnungshof ist eine unabhängige Einrichtung, die nicht im Verdacht steht, aus sachfremden Gründen Position gegen die konventionelle Landwirtschaft zu beziehen. Höchst ungewöhnlich ist, dass der Rechnungshof von Politik und Verwaltung in Frankreich ausdrücklich mehr finanzielle Unterstützung für die Bio-Landwirtschaft und für  Bio-Lebensmittel fordert. Zu dieser Empfehlung kommt er auch deshalb, weil er die externen Kosten der konventionellen Landwirtschaft berücksichtigt, die bei den meisten Debatten noch immer aussen vor bleiben.

Bekanntermassen kommt es gerade bei sensiblen gesellschaftspolitischen Debatten, die einzelwirtschaftliche Interessen in Frage stellen, nicht nur darauf an, welche Argumente vorgetragen werden, sondern auch darauf, wer diese Argumente vorträgt. Es ist ein Unterschied, ob eine im Umweltbereich arbeitende Nicht-Regierungs-Organisation mehr Unterstützung für die Bio-Landwirtschaft fordert oder ob das ein Rechnungshof tut.

Der Bericht des französischen Rechnungshofs kann und sollte dazu beitragen, die Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft und die Zukunft des Ernährungssystems insgesamt zu versachlichen und die Orientierung an den Interessen eines agrar-industriellen Komplexes zu überwinden, dessen Einfluss nach wie vor gross ist.

Wenn ein Rechnungshof so klar und mit so überzeugenden Argumenten für die stärkere öffentliche Förderung von Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmitteln eintritt, dann sollte das auch Organisationen und einzelnen zu denken geben, die bisher aus ganz unterschiedlichen Gründen Berührungsängste mit diesem Thema haben.

Alle, die sich zum Teil schon seit Jahrzehnten für grundlegende Veränderungen von Landwirtschaft und Ernährung einsetzen, haben im französischen Rechnungshof einen ebenso überraschenden wie überzeugenden neuen Mitstreiter.

Über den Autor:
Christoph Habermann hat nach Abschluss des Studiums der Sozialwissenschaften an der Universität Konstanz mehr als dreissig Jahre in der Ministerialverwaltung gearbeitet. Von 1999 bis 2004 war er stellvertretender Chef des Bundespräsidialamts bei Bundespräsident Johannes Rau. Von 2004 bis 2011 Staatssekretär in Sachsen und in Rheinland-Pfalz.

Der Artikel wurde zuerst am 10. August 2022 bei „Blog der Republik“ veröffentlicht.

IWEFranzösischer Rechnungshof: Mehr Unterstützung für Bio-Landwirtschaft und Bio-Lebensmittel notwendig
Und nach den Ferien: weiter mit schlechter Schulverpflegung!?

Und nach den Ferien: weiter mit schlechter Schulverpflegung!?

Forum „Zukunft der Schulverpflegung“ des Ernährungsrats Hannover und Region deckt Mängel auf.

Ein Bericht von Peter Wogenstein

Noch vor Beginn der Sommerferien in Niedersachsen trafen sich in der Aula der Berufsbildenden Schule Ernährung in Hannover viele von denen, die das Thema Schulverpflegung betrifft: Eltern- und Schülervertreter, Schulleitung, Schulträger und Verwaltung, Lehrervertretung, Landwirte, Caterer und Politiker*innen aus Stadt und Region. Um die „Zukunft der Schulverpflegung“ sieht es dabei nicht gut aus. „Momentan liegt gute Schulverpflegung am Engagement einzelner Personen der Schulgemeinschaft“, so die Schulleitung. „Und das kann ja nicht im Sinne von Bildungsgerechtigkeit sein“.

Mittagessen als gesellschaftliche Aufgabe

Deutlich wird, und da stimmen alle Beteiligte überein: Mittagessen ist eine gesellschaftliche Aufgabe und darf nicht auf die Schulen abgewälzt werden. Zudem ist der Abbau der rechtlichen und behördlichen Hürden für Ausstattung, Einkauf und Bereitung von Schulessen dringend nötig. Personal ist eine weitere Hürde. „Wir können als Schulträger“ – so die Verwaltung – „nur wenig Personal beisteuern. Den Rest muss das pädagogische Personal leisten. Hier ist der Bund gefordert, damit eine einheitliche Lösung für alle Schulen gefunden wird.“

Kostenfreies Essen

Es fehlt Geld insbesondere für Personal an den Schulen und in der Verwaltung für die Organisation des Mittagessens. Kosten des Essens sollten so gestalten werden, dass alle Kinder teilnehmen können und wollen. „Mensen müssen so sein, dass jede Schülerin und jeder Schüler lieber zur Mensa als zum Supermarkt um die Ecke gehen will“, ergänzt der Stadt-Schülerrat, aber genau daran hapert es. Die GEW geht weiter und fordert organisatorische Änderungen und mehr: „Schulessen sollten in kommunalen sozialen Betrieben organisiert werden. Unser Ziel ist kostenfreies Essen.“

Knackpunkt ist der Preis

Einig ist man sich schnell: Schulpolitik sollte Mittagessen in Schulen und Kitas ernster nehmen, und es braucht mehr Anbieter, die gutes Essen, wenn möglich Bio, „regional“ und saisonal, in den Schulen anbieten. Aber diese Anbieter sind kaum zu finden. Nächster Knackpunkt ist der Preis. Der entscheidet, wieviel beim Bauern ankommt. Und er muss vom Caterer gegenüber dem Schulträger garantiert werden. „Bei Ausschreibungen wird stark auf den Preis geachtet“, bestätigt der Bio-Caterer und fordert, „Ausschreibungen sollten stärker soziale und ökologische Kriterien berücksichtigen.“ Aber genau das tun sie in der Regel nicht. Und da Bio-Landwirte nicht über den Preis verhandeln, sondern verlangen was es kostest, sind Bio-Caterer damit schnell raus aus dem Bieterverfahren. Für den Caterer ist die Ausschreibung entscheidend, ob sich sein Engagement an einer Schule rechnet. „Wenn der Schulträger bereit ist, Mehrkosten zu tragen, sind wir auch für individuelle Lösungen offen. “

Wenn die Politik will

„Wenn die Politik will und die Rahmenbedingungen schafft, dann kann Schul- und Kita-Verpflegung wie in Göttingen zentral eingekauft, frisch, regional und saisonal gekocht und ohne große Transportwege an Kitas und Schulen im Stadtgebiet geliefert werden.“ Die Vertreterinnen der Politik aus Stadt und Region sind sich mit Anja Köchermann, Verwaltung Göttingen, einig. Bisher ist dies jedoch die Ausnahme und in Städten wie Hannover ist das nach wie vor Fehlanzeige. „Die öffentliche Hand ist bei der Gruppenverpflegung noch nicht so weit. Die Verwaltung muss sich auf den Weg machen“, kommentiert eine Regionspolitikerin.

Mit und für Kinder kochen

Viel gilt es anzupacken: „Gerade in der 8. Klasse zeigt sich, dass Kinder, die auch mal mitkochen, weiter an der Schulverpflegung interessiert bleiben“, betont Anja Köchermann aufgrund ihrer Erfahrungen in Göttingen. Doch nicht jeder Koch kann mit und für Kinder kochen – hier braucht es eine passende Ausbildung. Auch die Verwaltung braucht Expertise, um die Herausforderung „Mittagessen“ ganzheitlich zu betrachten und Lösungen zu finden.

Es braucht Raum für Kochen

Wie hoch die Hürden bereits bei der Planung von Schulbauten sind, macht eine Abgeordnete der Stadt deutlich: „Bei den aktuellen Schul-Neubauten soll die Mensa einen Mehrnutzungs-Charakter als Aula, Veranstaltungsfläche und Mensa erhalten. Da kann keine gute Atmosphäre beim Mittagessen aufkommen.“ Dass es anders geht, zeigt die Stadt Seelze bei Hannover: „Unsere Schulen in Seelze können autonom und autark kochen. Wir können auch ohne Caterer die Schulen versorgen und damit flächendeckend gute Ernährung anbieten,“ so ein Mitglied des Stadtrats.

Faire Ernährungsumgebungen

Wir erinnern uns: notwendig ist „ein Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung“ und die „Schaffung von fairen Ernährungsumgebungen“, empfiehlt der Wiss. Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz im Juni 2020. Denn „die Art und Weise, wie wir uns ernähren, beeinflusst wesentlich unseren individuellen Gesundheitsstatus, unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden.“ Darin waren sich beim Forum „Zukunft der Schulverpflegung“ des Ernährungsrats Hannover und Region alle einig. Trotz Lichtblicken und viel guten Willen: nach den Ferien geht es weiter wie bisher.

IWEUnd nach den Ferien: weiter mit schlechter Schulverpflegung!?
Forderungen des Bündnisses #ErnährungswendeAnpacken für eine Ernährungsstrategie

Forderungen des Bündnisses #ErnährungswendeAnpacken für eine Ernährungsstrategie

Gemeinsame Pressemitteilung, 27.6.2022

Chancen nutzen, Resilienz schaffen: Forderungen des Bündnisses #ErnährungswendeAnpacken für eine Ernährungsstrategie

Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag eine Ernährungsstrategie bis 2023 angekündigt. Das Bündnis #ErnährungswendeAnpacken aus 22 Verbänden hat jetzt ein Positionspapier für eine zukunftsweisende Ernährungsstrategie erarbeitet, die es im Vorfeld der Auftaktveranstaltung des Bundesernährungsministeriums zur Erarbeitung der Ernährungsstrategie am 29. Juni vorlegt. Darin werden konkrete Maßnahmen vorgeschlagen, um allen Menschen eine gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährung zu ermöglichen.

Die Initiative #ErnährungswendeAnpacken begrüßt, dass die Ampelkoalition bis 2023 eine Ernährungsstrategie für Deutschland erarbeiten will, um eine „gesunde Umgebung für Ernährung und Bewegung zu schaffen”. Jetzt muss die Bundesregierung zügig ambitionierte Ziele und einen klaren Zeitplan für die Umsetzung der wichtigsten Maßnahmen vorlegen.

Grundlage, Leitbild und Vision bei der Entwicklung der Ernährungsstrategie sollte eine sozial gerechte, gesundheitsfördernde, umweltverträgliche und dem Tierschutz zuträgliche Ernährungspolitik für Deutschland sein. Die Ernährungsstrategie und die darin definierten Maßnahmen sollten mit ausreichend finanziellen Mitteln ausgestattet sein. Ohne Investitionen wird eine Ernährungswende nicht zu erreichen sein. Um eine verbindliche Umsetzung der Maßnahmen sicherzustellen, sollten konkrete Erfolgsindikatoren entwickelt werden.

Transparenz und Beteiligung

Eine Ernährungswende kann nur gelingen, wenn sie breiten Rückhalt in der Bevölkerung hat. Vor diesem Hintergrund fordert das Bündnis eine transparente Planung und Beteiligung der relevanten Wissenschaftler:innen und Berufsgruppen sowie der zivilgesellschaftlichen Verbände bei der Erstellung der Ernährungsstrategie bis 2023 sowie bei deren Umsetzung.

Eine Strategie für alle

Ziele und Maßnahmen der Ernährungsstrategie müssen mit Blick auf soziale Gerechtigkeit gestaltet werden. Dies gilt insbesondere für einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen. Eine Ernährungswende muss dazu führen, dass allen Menschen eine gesundheitsfördernde und nachhaltige Ernährung ermöglicht wird. Gesundes, nachhaltiges Essen darf kein Privileg für einkommensstarke Haushalte sein, sondern ist ein Grundrecht für alle.

Folgende konkrete Maßnahmen hält das Bündnis für essenziell:

  • Finanzierung einer flächendeckenden, gesundheitsförderlichen und nachhaltigen Gemeinschaftsverpflegung und eine Weiterentwicklung der Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
  • Überprüfung der Lebensmittelbesteuerung mit dem Ziel einer sozial gerechten, gesundheitsfördernden, umweltverträglichen und dem Tierschutz zuträglichen Ausrichtung.
  • Förderung einer pflanzenbasierten Ernährung mit dem Ziel, den Konsum tierischer Produkte zu reduzieren.
  • Stärkung einer sozial gerechten, gesundheitsförderlichen und umweltfreundlichen Ernährungskompetenz in Schule und Beruf.
  • Verbesserung der Qualifizierung und Verankerung von Ernährungsbildung und Ernährungstherapie im Gesundheitswesen.
  • Verbindliche Regulierung von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung.
  • Erhöhung der Leistungen in der sozialen Mindestsicherung im Kampf gegen Ernährungsarmut. 

Um die Ziele der Vereinten Nationen für eine Nachhaltige Entwicklung sowie die im Pariser Klimaabkommen verankerten Ziele zu erreichen, ist ein „Weiter so“ keine Option. Darüber besteht ein breiter Konsens. Nun hat der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine nicht nur zu einer leidvollen humanitären Krise geführt, sondern er bedroht auch die globale Ernährungssicherung und erschwert das Erreichen von Klima-, Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitszielen in der Weltgemeinschaft.

Gerade jetzt ist es deshalb wichtiger denn je, dass wir für eine nachhaltige und gesunde Ernährung ein langfristig resilientes Ernährungssystem schaffen. Aktuellen und künftigen Herausforderungen und Krisen werden wir nur standhalten, wenn wir Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und Umweltverträglichkeit zusammendenken.   

„Deutschland sollte in dieser Frage vorangehen“, betont Wilfried Bommert, Sprecher des Instituts für Welternährung – World Food Institute, Berlin, „und eine Strategie vorlegen, die vom Acker bis zum Teller Maßstäbe für eine globale Ernährungswende setzt.“

Empfehlung des Bündnisses #Ernährungswendeanpacken für eine zukunftsweisende Ernährungsstrategie zum Download.

Das Positionspapier wird getragen von: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ), BerufsVerband Oecotrophologie e. V. (VDOE), Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern (BÄK), Bundesvertretung der Medizinstudierenden, Deutschland e. V. (bvmd), Bundeszahnärztekammer, Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Zahnärztekammern e.V. (BZÄK), Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e. V. (BÖLW), Der Paritätische Gesamtverband, Deutsche Adipositas Gesellschaft e. V. (DAG) Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der DAG, Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. (DGEM), Deutsches Netzwerk Schulverpflegung (DNSV), Ecologic Institute, Netzwerk der Ernährungsräte, Institut für Welternährung, iSuN – Institut für Nachhaltige Ernährung, Fachhochschule Münster, Physicians Association for Nutrition (PAN), ProVeg, RAL Gütegemeinschaft Ernährungs-Kompetenz e.V., Slow Food Deutschland e. V., Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. (VDD), Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv), WWF Deutschland

IWEForderungen des Bündnisses #ErnährungswendeAnpacken für eine Ernährungsstrategie
Save the Date: IWE-Herbstakademie 14.-16. Oktober 2022

Save the Date: IWE-Herbstakademie 14.-16. Oktober 2022

Save the Date: „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende“
Herbstakademie des Instituts für Welternährung vom 14.-16. Oktober 2022

Weizen als Waffe, der Krieg Russlands weitet sich aus. Das wichtigste Brotgetreide der Welt wird zum Spielball strategischer Interessen. Die Klimakrise verschärft die Lage. Die industrielle Landwirtschaft, ihr massiver Einsatz fossiler Energie, ihre anfälligen Monokulturen, ihre globale Abhängigkeit, untergräbt die Ernährungssicherheit weltweit.

Fehlernährung greift um sich. Übergewicht und Fettsucht, Hunger und Unterversorgung zeigen die Schieflage des Welternährungssystems. Lässt es sich noch korrigieren oder braucht es einen grundsätzlichen Neuanfang? Eine Ernährungswende ist überfällig, wie wollen wir mit der Herausforderung umgehen? Welche Rolle soll Deutschland in diesem Prozess der Erneuerung einnehmen? Welchen Beitrag soll und kann das Institut für Welternährung leisten?

Das ist das Thema unserer Herbstakademie. Sie findet am 14./15./16. Oktober 2022 statt in der Hessischen Staatsdomäne Frankenhausen, dem ökologischen Lehr- und Versuchsgut der Universität Kassel-Witzenhausen und Zentrum der Ökomodell-Region Nordhesssen.

IWESave the Date: IWE-Herbstakademie 14.-16. Oktober 2022
Berliner Werkstattgespräche: Eine Ernährungsstrategie für Deutschland

Berliner Werkstattgespräche: Eine Ernährungsstrategie für Deutschland

Einladung

Berliner Werkstattgespräche zur Zukunft der Ernährung
„Eine Ernährungsstrategie für Deutschland: Die Rolle der Gesundheit“

8. Juni 2022 von 11:00 bis 13:00 Uhr

Ort: Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Tiergartenstr. 15, 10785 Berlin sowie Live-Übertragung bei YouTube

Bereits im Vorfeld der Bundestagswahl stellten Slow Food Deutschland und das Institut für Welternährung die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Ernährungsstrategie für Deutschland zur Diskussion. Heute begrüßen wir, dass die Schaffung einer nationalen Ernährungsstrategie eine der Prioritäten der Ampel-Koalition und insbesondere des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist. Ein zentrales Thema dabei: Wie gelangen wir zu einer gesunden Ernährung für alle Menschen – angefangen bei der Notwendigkeit, gesundheitsschädigende Produkte der Lebensmittelindustrie zu unterbinden, bis hin zu einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis, das ein Recht jedes Menschen auf gesunde und nachhaltige Ernährung ebenso einschließt wie die Gesundheit unseres Planeten?

Diese Fragen möchten wir bei unserem Werkstattgespräch zur Zukunft der Ernährung „Eine Ernährungsstrategie für Deutschland: Die Rolle der Gesundheit“ diskutieren, mit Inputs von:

  • Dr. Wilfried Bommert – Sprecher des Instituts für Welternährung und Autor vom „Stille Killer. Wie Big Food unsere Gesundheit gefährdet“
  • Niklas Oppenrieder – Global Director Strategy & Development bei der Physicians Association for Nutrition
  • Dr. Doris Heberle – Leiterin der Unterabteilung „Ernährung“, Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
  • Dr. Nina Wolff – Vorsitzende Slow Food Deutschland


Moderation: Sven Prange – Journalist, Moderator

Im Rahmen der Diskussion wird es Gelegenheit für Fragen und Kommentare der Teilnehmenden geben.

Sie können sich für die Teilnahme an der Diskussion vor Ort bis zum 07.06. unter diesem Link anmelden. Die Veranstaltung wird außerdem Live auf YouTube übertragen. Hierfür melden Sie sich gern (ebenfalls bis zum 07.06) unter diesem Link an.

Im Anschluss laden wir Sie ein, einen kleinen Imbiss in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg mit uns zu genießen. Ab 15:00 Uhr findet ebenfalls in der Landesvertretung Baden-Württemberg die Verleihung des Ursula-Hudson-Preises statt. Wir würden uns freuen, Sie auch hierbei als Gast begrüßen zu dürfen und laden Sie sehr herzlich ein.


Dr. Nina Wolff
Amtierende Vorsitzende 
Slow Food Deutschland e. V.
nina.wolff@slowfood.de
+49-(0)170 81 27 346

Dr. Wilfried Bommert 
Sprecher des Vorstandes
Institut für Welternährung e. V.
wilfried.bommert@institut-fuer-welternaehrung.org
+49-(0)173-9552544
 

IWEBerliner Werkstattgespräche: Eine Ernährungsstrategie für Deutschland
DLF Sendung: Von der Energie bis zu Lebensmitteln – Der Trend zur Selbstversorgung

DLF Sendung: Von der Energie bis zu Lebensmitteln – Der Trend zur Selbstversorgung

Selbstversorgung liegt im Trend. Das betrifft Nahrungsmittel über den Anbau im eigenen Garten oder einer Stadtparzelle ebenso wie die Stromerzeugung. Gerade die Energieversorgung ist seit Putins Angriff auf die Ukraine und der Verteuerung von Gas und Öl ein Anliegen, das in Privathaushalten Bedeutung gewonnen hat.

Ob erneuerbare Energien zur Strom- und Wärmeerzeugung oder die Selbstversorgung mit Lebensmitteln aus dem eigenen Garten. Die Corona Pandemie, Klimaerwärmung, Inflation und Krieg in der Ukraine haben uns ins Bewußtsein geholt, wie abhängig wir von Dritten sind und der Wunsch nach unabhängiger Versorgung wächst. Doch wie können wir die auch über eigene private Initiativen erreichen? Welche Möglichkeiten haben wir? Welche Hürden gilt es zu überwinden und was bedeutet der Fachkräftemangel für den steigenden Bedarf nach alternativen Energien? Welche Nutzpflanzen halten Einzug in die Gärten und auf den Balkonen und welche Angebote gibt es auch von den Kommunen an ihre Bürgerinnen und Bürger?

In der Sendung des Deutschlandfunks „Von der Energie bis zu Lebensmitteln – Der Trend zur Selbstversorgung“ von Susan Zare und Petra Ensminger (Moderation) waren IWE-Sprecher Wilfried Bommert, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW Reinhard Loch, Christopher Henrichs vom Permakultur Niederrhein e.V. sowie Maximilian Fitzner von Essbare Stadt Kassel e.V. zu Gast. Die komplette Sendung können Sie hier Nachhören.

IWEDLF Sendung: Von der Energie bis zu Lebensmitteln – Der Trend zur Selbstversorgung