Wilfried Bommert bei detektor.fm: Die Zukunft der Ernährung

Wilfried Bommert bei detektor.fm: Die Zukunft der Ernährung

Wie kann eine klimaverträgliche Ernährung in Zukunft aussehen? Im Podcast „Mission Energiewende“ von detektor.fm diskutierten diese Frage Wilfried Bommert vom IWE, Gunther Hirschfelder, Sozial- und Kulturanthropologe an der Universität Regensburg und Ulrike Johannsen, Professorin für Ernährung, Gesundheit und Konsum an der Europäischen Universität Flensburg.

Die Sendung gibt es hier zum Nachhören.

IWEWilfried Bommert bei detektor.fm: Die Zukunft der Ernährung
„Future-Food“-Sommerakademie 2020 des IWE

„Future-Food“-Sommerakademie 2020 des IWE

„Bio oder Bioreaktor, Meer oder Land, Fabrik oder Feld, wie wird sich die Welt in Zukunft ernähren?“ das war das Thema unserer diesjährigen (virtuellen) IWE-Sommerakademie, zu der Prof. Thomas A. Vilgis vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung, Mainz den Einführungsvortrag gehalten hat. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, nach welchen Maßstäben wir die neuartigen Produkte, die auf den Markt drängen, bewerten sollten. Was macht ein Nahrungsmittel aus, das für uns Lebensmittel sein kann? Und was unterscheidet solche Lebensmittel von den hochverarbeiteten Produkten, mit denen die Ernährungsindustrie in Zukunft ihre Rendite erwirtschaften will?

Fleischersatz aus Zellkulturen?

Feststeht: Corona-Pandemie und Klimakrise setzen unser Ernährungssystem unter Stress, und wir erkennen klarer denn je, dass es diesem Stress nicht gewachsen ist. Wir als IWE haben uns in unserer Streitschrift festgelegt: „Nur eine ökologische Landwirtschaft kann 10 Milliarden Menschen ernähren“. Mittlerweile betreten aber weitere Akteure die Bühne und preisen neue Rohstoffquellen und Herstellungsverfahren für unsere Ernährung: Neben Algen, Insekten und Bakterien geht es beispielsweise auch um Züchtung von Zellkulturen als Fleischersatz.

Noch steht die Forschung am Anfang

Noch steht die Forschung ganz am Anfang. Doch das wirtschaftliche Interesse an der synthetischen Erzeugung von Nahrungsmitteln ist groß. Hinter den Kulissen und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, wird die Entwicklung deshalb mit Macht vorangetrieben. Wohin geht die Reise? Sind hochverarbeitete synthetisch erzeugte Lebensmittel ein probates Mittel im Kampf gegen den Hunger in der Welt? Prof. Dr. Thomas A. Vilgis bezweifelt das.

Lebensmittel sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile

Die zentrale These seines Vortrags: Lebensmittel sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Was ein Lebensmittel zur Lebensqualität beitragen kann, hängt davon ab, wie und ob es sich an unsere achttausend-jährige kulinarische Erfahrung anschließen kann, in der wir als Sammler, Jäger, Ackerbauer und Viehhalter, als Pflanzen- und Fleischesser unterwegs waren. Hochverarbeitete synthetisch erzeugte Nahrungsmittel besitzen diese Anschlussfähigkeit möglicherweise nicht. 

Hier geht’s zum kompletten Vortrag von Prof. Thomas A. Vilgis mit einer Einführung von IWE-Vorstand Wilfried Bommert:

IWE„Future-Food“-Sommerakademie 2020 des IWE
Biodiversität & Corona

Biodiversität & Corona

Ein Beitrag von IWE-Mitglied Marie-Luise Dörffel

Wussten Sie schon… dass globale Gesundheitsrisiken wachsen, wenn Tropenwälder abgeholzt werden?

Ein Zusammenhang, der auf den ersten Blick verblüfft: Wie schützen Wälder vor neuen Krankheiten, neuen Pandemien?

Waldrodungen zerstören das Gleichgewicht in der Natur und Krankheiten von Tieren, sogenannte Zoonosen, können leichter von Tieren auf Menschen überspringen. Malariaausbrüche in Brasilien stehen beispielsweise im direkten Zusammenhang mit Waldrodungen und der WWF warnt, dass eine Pandemie wie Covid-19 nur ein Vorgeschmack auf Kommendes sein könnte.

Wie das UN-Umweltprogramm (UNEP) und das International Livestock Research Institute (ILRI) so zeigt auch der WWF in seiner neusten Studie, dass fortschreitender Umweltraubbau das Gleichgewicht der Natur zerstört und sich Krankheiten erfolgreich ausbreiten werden. Je mehr der Mensch natürliche Lebensräume und Räuber-Beute-Zusammenhänge vernichtet, desto mehr werden Tiere versuchen, sich neue Lebensräume zu erschließen. Und umso größer werden die Chancen, dass Krankheiten von Tieren auf Menschen überspringen können und sich Viren und Bakterien entsprechend ihres neuen Wirtes auch verändern.

Als Beispiel führt der WWF unter anderem Afrika an. Dort reduzierte sich durch den Bau von Staudämmen die Zahl der wandernden Süßwassershrimps dramatisch. In der Folge vermehrte sich eine bestimmte Schneckenart, die üblicherweise zur Beute der Shrimps gehörte. Diese Schnecken wiederum sind Zwischenwirt für den Bilharziose-Erreger, der sich seinerseits gut entwickeln konnte, was bei den Menschen zu einer Zunahme an Krankheitsfällen führte.

An diesem, sowie an vielen anderen Beispielen wird deutlich: Die Gesundheit des Menschen steht in direkter Abhängigkeit zu einer intakten Natur. Erkenntnisse aus dieser sowie aus anderen Studien sollten zukünftig die Entscheidungen beeinflussen, wenn es z.B. um die weitere Ausdehnung von Anbauflächen, z. B. für Soja oder Weizen in Brasilien und anderen Ländern geht.

Das Hintergrundpapier „Umweltzerstörung und Gesundheit“ des WWF können Sie hier als PFD herunterladen.

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Wir trauern um Ursula Hudson

Wir trauern um Ursula Hudson

Ursula Hudson, Foto: Jürgen Binder

Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland und Vorstandsmitglied von Slow Food International, ist am 10. Juli nach langer, schwerer Krankheit verstorben.

Ursula Hudson gehörte zu den ersten Mitgliedern des Instituts für Welternährung. Kurz nach seiner Gründung 2012 ist sie unserem Institut beigetreten. Sie war davon überzeugt, dass unser Ernährungssystem zutiefst renovierungsbedürftig und eine Ernährungswende dringend notwendig sei, aber dass dies nur als gemeinsames Projekt durchzusetzen wäre.

Uns verbinden nicht nur viele gemeinsame Aktionen, zuletzt der offene Brief an die Bundeslandwirtschaftsministerin, die deutsche Präsidentschaft für eine grundsätzliche Neuausrichtung unserer Landwirtschaft und Ernährungspolitik zu nutzen. Sie gab uns Rat und Unterstützung bei unserer Streitschrift „Landwirtschaft am Scheideweg. Nur eine ökologische Landwirtschaft kann 12 Milliarden Menschen ernähren“. Sie hat unseren Ideen immer wieder Raum geschaffen auf den Veranstaltungen von Slow Food Deutschland und ihrer Youth Akademie.

Wir haben sie sehr geschätzt für ihren scharfen Intellekt, ihren kritischen Geist, ihre emotionale Wärme, ihren Witz und Charme, ihre Wertschätzung. Sie wollte in aller Bescheidenheit „die (Ernährungs-)Welt ein klein wenig besser machen“. Darin hätte wir sie gerne noch lange begleitet. Wir hatten noch viel vor, ihre Kräfte haben sie zu früh verlassen.
Wir trauern um Ursula Hudson.

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Wettbewerb: Euer Beitrag für den Ernährungswandel

Wettbewerb: Euer Beitrag für den Ernährungswandel

Ihr engagiert Euch für ein nachhaltiges Ernährungssystem? Ihr kennt jemanden, der das macht? Eure Forschung ermöglicht es, Ernährung nachhaltiger zu gestalten? Ihr setzt euch mit Eurem Projekt, Eurem Unternehmen für den Ernährungswandel ein?

Dann ist dieser Wettbewerb Euer Wettbewerb!

Schreibt einen packende Geschichte, sendet Fotos, Bilder, Videos oder Filme, die Ernährungswandel greifbar, machbar und attraktiv machen. Nehmt teil, erzählt Eure Geschichte. Und gewinnt den Hauptpreise in Höhe von 1000 und 700 Euro sowie zwei weitere Preise zu 300 und zwei zu 100 Euro.

Reicht Eure Projektvorstellungen, Personenporträts* und Artikel auf ernaehrungswandel.org/wettbewerb ein.

Einsendeschluss: 15.10.2020

Fragen? redaktion@ernaehrungswandel.org

* Der Preis für Fremdporträts wird zu gleichen Teilen an die porträtierte Person und die Autor*in ausgezahlt.

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Personen ab 18 Jahren können teilnehmen. Mit der Einreichung der Beiträge erteilt Ihr uns die Rechte für die Veröffentlichung. Hilfestellung für die Einreichung, eine ausführliche Beschreibung des Wettbewerbs sowie die vollständigen Teilnahmebedingungen findet Ihr auf ernaehrungswandel.org/wettbewerb. Veranstalter des Wettbewerbs ist NAHhaft e.V. in Kooperation mit dem Institut für Welternährung e.V. Ermöglicht wird der Wettbewerb durch private Spender*innen und die BKK ProVita. V.i.S.d.P.: NAHhaft e.V., Louisenstr. 89, 01099 Dresden.

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Frau Klöckner haut bei den Großschlachtern auf die Pauke – Kosmetik, aber kein Wandel

Frau Klöckner haut bei den Großschlachtern auf die Pauke – Kosmetik, aber kein Wandel

So geht’s auch – Schwein auf einem Biohof

Ein Kommentar von Peter Wogenstein
Sprecher des Ernährungsrats Niedersachsen


Das sei die letzte Chance, sagt Frau Klöckner, aber für wen? Es bleibt alles beim Alten, etwas Kosmetikkorrektur, den Schweinen soll es etwas besser gehen, Ställe, die im Sinne des Tierwohls viel zu klein sind, werden etwas größer, aber das dauert, dauert Jahre, natürlich gegen Entschädigung. Nicht, dass wir uns missverstehen: dass die Ställe vergrößert werden, kann man für die Tiere nur gutheißen, dass es den Menschen in den Massenschlachtbetrieben besser gehen soll, ein unbedingtes Muss.

Aber: was ändert sich wirklich am Geschäftsmodel der Großen in der Fleischverarbeitung? Eigentlich nichts. Der Druck auf die Schweinemäster bleibt, innerhalb von 6 Monaten das Normschwein mit 115 kg abzuliefern, die großen Handelsketten werden weiterhin ihre 246 Tonnen Nackensteak bei Herrn Tönnies ordern, billig und just in time zur Grillsaison, die großen Handelsketten werden sich weiter darin überbieten, das Grillgut zum Schnäppchenpreis anzubieten, und wir – die Verbraucher*innen – machen in der Mehrzahl auch noch mit!

Nein, eine wirklich Wende würde heißen, alles das in der Massentierhaltung und Verarbeitung einzupreisen, was die Folgen dieser Art der Haltung und Verarbeitung sind: die Gülle und vieles mehr, vom Stall bis zum Teller, das, was wir in unserem Boden, Grundwasser, Gewässern und in der Luft wiederfinden, nicht zu reden von den Antibiotikaresten in den Abscheidern der Fleischverarbeiter und in den Gewässern an deren Rande. All das und mehr – daran denkt unsere Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft nicht – immerhin war ihr Studienschwerpunkt Sozial- und Bioethik, oder will sie es nicht? Verbraucherschutz und verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen Boden, Wasser und Luft sieht anders aus, Frau Bundesministerin.

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Einladung: IWE-Sommerakademie

Einladung: IWE-Sommerakademie

Einladung zur Sommerakademie 2020 via Zoom
am Samstag, den 04. Juli 2020, 10:00 – ca. 14.30 Uhr
 

Liebe Freund*innen des Instituts für Welternährung, 

Bio oder Bioreaktor, Meer oder Land, Fabrik oder Feld, wie wird sich die Welt in Zukunft ernähren? Coronapandemie und Klimakrise setzen unser Ernährungssystem unter Stress, und wir erkennen klarer denn je, dass es diesem Stress nicht gewachsen ist. Wir als IWE haben uns in unserer Streitschrift festgelegt: „Nur eine ökologische Landwirtschaft kann 10 Milliarden Menschen ernähren“. 

Mittlerweile betreten immer neue Akteure die Bühne und preisen neue Rohstoffquellen für unsere Ernährung: Algen, Bakterien, Pilze, Insekten, Zellkulturen, der Ersatz von Tieren durch Bioreaktoren. Wo geht die Reise hin, wie kann die Weltbevölkerung in Zukunft satt werden? Diesem Thema ist unsere Sommerakademie gewidmet. Leider kann sie in Coronazeiten nicht wie geplant in Schloss Türnich stattfinden. Wir haben sie ins Netz verlegen und leider auch verkürzen müssen.

Unsere Sommerakademie 2020 findet als Zoom- Konferenz statt. Sie beginnt am Samstag, den 04. Juli 2020 um 10:00 mit einer Einführung auch zur „Technik“ und der Vorstellung der Teilnehmer*innen. 

Ab 11:00 wird uns Professor Prof. Dr. Thomas A. Vilgis vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung, Mainz in die zukünftigen Welten der Ernährung einführen .  

Ab 13:00 wollen wir uns fragen, welche Postion wir als Institut für Welternährung zu den sich ankündigenden Trends zwischen Bio-Landwirtschaft und Bioreaktoren einnehmen und wie wir den Prozess der Transformation unseres Ernährungssystems weiter begleiten wollen.  Die Sommerakademie endet voraussichtlich gegen 14:30. 

Wir freuen uns auf Eure Teilnahme an diesem Experiment. Bitte meldet Euch bis zum 30. Juni an bei Julia Schererjulia.scherer@institut-fuer-welternaehrung.org. Das genaue Programm und die Zoom-Einladung schicken wir euch am 2. Juli.  

IWEEinladung: IWE-Sommerakademie
Rheinisches Revier: Agrar-Modelle von gestern für die Welt von morgen?

Rheinisches Revier: Agrar-Modelle von gestern für die Welt von morgen?

Haloorange, CC BY-SA 3.0

Agrar-Modelle von gestern für die Welt von morgen?
Zivilgesellschaft protestiert: NRW verpasst Chancen für grüne Innovationen
 
Nach dem Ende der Braunkohle hätte NRW eine große Chance: sich als Vorreiter für eine sichere, gesunde und bürgernahe Ernährung zu profilieren. Doch diese Chance scheint das Land zu verspielen. In seinem Wirtschafts- und Strukturprogramm für das Rheinische Revier wird die Intensivlandwirtschaft von gestern als Modell für morgen herausgestellt. Gegen diese rückwärtsgewandte Politik richtet sich der Protest eines breiten Bündnisses zivilgesellschaftlicher Organisationen, Bürger und Bauern. In einem offenen Brief an die Landesregierung fordern sie stattdessen das Modell einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft, die die nahen Metropolen sicher mit gesunden Lebensmitteln versorgt und lebenswerte Landschaften sichert. Dies sollte als Schwerpunkt in das Wirtschafts- und Strukturprogramm für das Rheinische Revier aufgenommen werden.
 
Wilfried Bommert, Sprecher des Instituts für Welternährung, unterstützt die gemeinsame Stellungnahme der Zivilgesellschaft und betont: „Die Corona-Pandemie und der Klimawandel zeigen uns die Grenzen der Globalisierung auf. Systemrelevante Lebensbereiche, und dazu zählt unsere Ernährung, müssen in Zukunft wieder mehr in die Region zurückgeholt und widerstandsfähig organsiert werden. Ökologisch, regional, saisonal und fair“, so Bommert, „sind die Grundsteine für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem. Es geht um Innovativen und es wäre fatal, wenn das Land NRW diesen Bereich links liegen ließe. NRW sollte die Chance im Rheinische Revier nutzen und ein grünes Vorbild für das 21. Jahrhundert entwickeln.“

Die gemeinsame Stellungnahme zum Wirtschafts- und Strukturprogramm für das Rheinische Zukunftsrevier 1.0 können Sie hier als PDF herunterladen.

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Offener Brief an Ministerin Klöckner

Offener Brief an Ministerin Klöckner

Corona-Pandemie und Klimakrise zeigen uns, dass es mit der Sicherheit unser Ernährung nicht weit her ist. Die globale Transportkette der „Just-in-Time“ Lieferungen stockt, weil Corona die Grenzen schließt, die Lastwagen keine Fahrer mehr haben und das Heer der Arbeitssklaven auf den Feldern und an den Schlachtbänder ausfällt. Hinzu kommt: Das warten auf Regen, auch 2020 hat es kein Ende und die Ernte ist alles andere als sicher. 

Die Welt braucht eine neue Landwirtschafts- und Ernährungspolitik. Die Bundesregierung  könnte hierbei vorangehen, das fordert ein Bündnis der deutschen Zivilgesellschaft in ihrem offenen Brief an die Ministerin Julia Klöckner. Sie sollte die deutsche Präsidentschaft im Europäischen Rat dafür nutzen. Es geht darum jetzt ein Zeichen zusetzen und Corona als Chance zu begreifen.

Hier der offene Brief im Wortlaut:

Berlin, 7.5.2020

Sehr geehrte Frau Ministerin Klöckner,

wir schreiben Ihnen, weil nach unserer Einsicht die Sicherheit unserer eigenen wie der weltweiten Ernährung bedroht ist und dringend politisches Handeln erfordert. Unsere Landwirtschaft durchlebt mit diesem Jahr das dritte Krisenjahr in Folge. 2018 und 2019 haben Wetterextreme gezeigt, wie verletzlich unser Ernährungssystem ist. 2020 führt uns die Corona-Pandemie vor Augen, wie abhängig unsere Ernten vom Arbeitsimport aus Niedriglohnländern sind.

Extreme und Unsicherheiten werden weiter wachsen und damit die Risiken für die Ernährungssicherheit. Der massive Artenschwund in Feld und Flur, der Verlust an Bodenfrucht und Wasserqualität, die Zunahme an Resistenzen gegen Agrarchemie und Tiermedizin und die Proteste der Bauern gegen eine ruinöse Preispolitik verlangen eine Neuausrichtung der Agrarpolitik. Die Zunahme an Adipositas und die ungebrochene Wegwerfmentalität bei Lebensmitteln erfordert eine neue Ernährungspolitik.

Die Resilienz unseres Ernährungssystems entscheidet über Hunger und satt sein. In seinem gegenwärtigen Zustand ist es den kommenden Herausforderungen nicht gewachsen. Ebenso wie die Gesundheitsvorsorge ist die Sicherheit unserer Ernährung systemrelevant. Diese Systemrelevanz sollte uns jetzt veranlassen, massiv in die Widerstandskraft unserer Land- und Ernährungswirtschaft zu investieren. In diesem Sinne muss die abschließende Diskussion über die zukünftige Gestaltung der Europäischen Subventionen unter deutscher Präsidentschaft geführt werden. Mit diesem Ziel sollten auch die bereits bestehenden Initiativen von Bürgern und Bauern in Ernährungsräten und Projekten der Solidarischen Landwirtschaft, die heute schon regionale Ernährungskonzepte entwickeln, verstärkt unterstützt werden. Deshalb plädieren wir für die Errichtung eines starken Bundesprogramms „Nachhaltige regionale Ernährungskreisläufe“.

Wir brauchen eine Land- und Ernährungswirtschaft, die regionaler, vielfältiger, ökologischer und fairer wirtschaftet. Die Pandemie fordert uns dringend auf, unsere Agrar- und Ernährungswirtschaft nachhaltiger und krisensicher umzubauen. Der von der Zivilgesellschaft geforderte neue Gesellschaftsvertrag für eine zukunftsfähige Lebensmittelversorgung muss jetzt konkret gemacht und vor Ort umgesetzen werden.

Wir, die Unterzeichner, erklären uns bereit daran mitzuwirken.

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V.

IWE –Institut für WelternährungWorld Food Institute e.V.

Naturfreunde Deutschland e.V. – Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur

Slow Food Deutschland e.V.

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Corona in den Schlachthöfen Deutsche Fleischindustrie – Brutstätten der Pandemie

Corona in den Schlachthöfen Deutsche Fleischindustrie – Brutstätten der Pandemie

Kommentar von Wilfried Bommert

Na sowas! Corona in deutschen Schlachthöfen. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sind die ersten schon aufgeflogen. Weitere werden folgen. Alles nur eine Frage der Kontrollen, und die sind gerade erst angelaufen. Die Hochburgen der deutschen Fleischindustrie als Brutstätten der Pandemie! Wer genauer hingeschaut hätte, hätte es wissen können. Aber die Verantwortlichen übertrafen sich im Wegschauen, Vertuschen, Ignorieren und Weitermachen. Nun bekommen wir die Quittung!

Unser Fleischindustrie ist krank, und nun macht sie auch krank. Das wussten wir schon lange. Wer erinnert sich nicht an die Bilder aus überfüllten Wohnheimen, in die die Sklaven der Fließbänder eingesperrt werden von einer Schicht zur nächsten. Staatsanwälte füllten Aktenschänke mit entsprechenden Anzeigen. Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrecht gehörten zum Geschäftsmodell der Fleischbarone. Selbst Klagen europäischer Mitbewerber gegen dieses Sozial- und Lohndumping blieben ohne Resonanz. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, das war das Mantra der Branche. Warum? Deutsches Fleisch soll billig bleiben, für die sommerlichen Grillorgien hierzulande und konkurrenzfähig für den Weg auf dem Weltmarkt.

Export gehört zum hohen Lied der Fleischwirtschaft. Mehr als die Hälfte der deutschen Schweine landen auf der internationalen Schlachtplatte. Darauf ist unser Bauerverband stolz und alle, die diese Fleischwirtschaft ermöglichen bis hinauf in die obersten Reihen der Politik. Erkauft zu welchem Preis? Verstöße gegen Menschenwürde und Tierwohl, und nun auch noch Corona.

Allerdings – als Konsumenten müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Mit unserer Grillmoral, unserem Hang zu den ach so preiswerten Bratwürsten und Nackensteaks unterstützen wir diese Arbeitsverhältnisse. Billigfleisch braucht Billiglohn, darin liegt unsere eigene Verstrickung mit der Pandemie, die nun an den Schlachtbändern der Fleischindustrie wütet.

Und jetzt? Zeit der Besinnung auf grundsätzliche Fragen! Wollen wir eine solche Fleischindustrie, der für ihre Gewinne offenbar kein Risiko zu hoch ist? Auch nicht das von Menschenleben? Nein – das wollen wir nicht! Es wäre ein Hohn, wenn Politiker jetzt die Formel von der Systemrelevanz aus der Tasche ziehen und dieser Fleischindustrie mit Steuermilliarden aus der Patsche helfen. Was wir brauchen ist ein Neubeginn für den gesamten Sektor: eine Landwirtschaft, die ohne Mastfabriken, Großschlachthöfe und Lohnsklaven für unsere Ernährung sorgt.

Ja, das würde teurer werden. Menschenwürde, Tierwohl und nicht zuletzt unsere Gesundheit haben eben ihren Preis. Aber das sollte es uns auch wert sein!

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