Der Veggie Day der Grünen

Der Veggie Day der Grünen

Eine politische Analyse von Manfred Linz

Im Wahlkampf für die Bundestagswahl 2013 haben Bündnis 90/Die Grünen in ihr Wahlprogramm den Vorschlag eines fleischlosen Wochentages, eines Veggie Days (VD), in öffentlichen Kantinen eingesetzt und dafür vehementen Widerspruch in den publizistischen und sozialen Medien erfahren. Die BILD-Zeitung eröffnete die hitzige Debatte mit der großflächigen Überschrift „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten“. (5.8.2013)

In dieser Diskussion erfuhren die Grünen neben allerhand Zustimmung einen vielfachen Protest, ja einen Verriss ihres Planes. Die Partei selbst hat diese Ablehnung als einen der wichtigen Gründe für ihr schwaches Abschneiden bei der Wahl benannt. Sie musste einen Rückgang der Stimmen von 10,7 Prozent 2009 auf 8,4 Prozent 2013 hinnehmen. Diese Einbuße hat die Grünen so verschreckt, dass sie ihren Vorschlag eines Veggie Days ausdrücklich zurückgenommen haben, und zwar unter dem Titel „Freiheit Grün Gestalten – emanzipatorisch und partizipativ, verantwortungsbewusst und solidarisch“.

Wie berechtigt und wie notwendig ist diese Selbstkorrektur? War es der Vorschlag eines fleischlosen Kantinenessens pro Woche als solcher, der den Grünen die Stimmen gekostet hat? War es die Art und Weise, wie er formuliert war und kommuniziert wurde? Es lohnt sich, diesen politischen Vorstoß zu einer gesünderen Lebensweise genauer zu untersuchen.

Manfred Linz: Manfred Linz: Der Veggie-Day der Grünen. Eine politische Analyse, 15.07.2015:

IWEDer Veggie Day der Grünen
Glyphosat fördert Resistenz gegen Antibiotika

Glyphosat fördert Resistenz gegen Antibiotika

Institut für Welternährung fordert neue Glyphosat-Debatte

Global 2000/Flickr (CC BY-ND 2.0)

Ein schlimmer Verdacht: Der Einsatz von Glyphosat führt zu Antibiotika-Resistenzen bei Menschen. Das ist die Konsequenz der Studie eines internationalen Forscherteams an der Universität von Florida. Unter dem Titel „Environmental and health effects of the herbicide glyphosate“ veröffentlichte das Team Erkenntnisse, die bisher in der Diskussion über Glyphosat unberücksichtigt geblieben sind.

Die Forscher um A.H.C. Van Bruggen stellen fest, dass Glyphosat, so wie es heute eingesetzt wird, im Boden zu einer Selektion von Bakterien führt. Es überleben diejenigen, die gegen Glyphosat resistent sind. Damit einher geht aber auch eine Antibiotikaresistenz. Diese sogenannte Kreuz-Resistenz ist seit 2015 bekannt. Sie wurde seither in immer mehr Ackerböden, auf denen Glyphosat eingesetzt wird, festgestellt.

Die Forscher warnen jetzt davor, dass diese Antibiotika-Resistenz über den Boden, die Pflanzen, die damit gefütterten Tiere und schließlich über die Nahrung auch auf die Menschen überspringen könne. Dieser Pfad vom Acker bis zum Menschen sei bisher unberücksichtigt geblieben, könne aber erklären, warum es immer mehr Resistenzen gegen Antibiotika in der Tierhaltung ebenso wie bei Menschen gibt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte Ende 2017 vor dieser Entwicklung, in der sie eine der größten Bedrohung für die globale Gesundheit und die Ernährungssicherheit sieht.

Die Forscher der Universität von Florida fürchten, dass der weltweit steigende Einsatz von Glyphosat zu einer steigenden Unwirksamkeit von Antibiotika führen könnte. Diese fatale Dimension des Herbizid-Einsatzes, so die Forscher, spiele bisher in der Debatte um die Zulassung keine Rolle.

Diese Ignoranz der Zulassungsbehörden könne sich jedoch als großer Fehler erweisen, erklärt der Sprecher des Instituts für Welternährung Wilfried Bommert zu Jahresbeginn in Berlin. Der Verdacht, dass Glyphosat Antibiotika-Resistenzen fördere, sei ein weiteres Warnsignal an die Regierung, eine grundsätzliche und ökologische Wende ihrer Agrarpolitik einzuleiten. Glyphosat müsse im Lichte dieser Erkenntnisse neu bewertet werden.

Die Studie „Environmental and health effects of the herbicide glyphosate“ finden Sie hier.

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Der Glyphosat-Retter

Der Glyphosat-Retter

Kommentar von Wilfried Bommert

Wenn es ans Ende geht, denkt, wer sich zu den Großen rechnet, an die historische Dimension. Woraus besteht der Nachlass, was wird in den Geschichtsbüchern stehen? Der deutsche Landwirtschaftsminister hat entschieden: Sein Vermächtnis heißt Glyphosat.

Nur: Wem will er sich damit empfehlen? Der Mehrheit der deutschen Konsument_innen nicht. Den Wähler_innen der CSU für die kommende Landtagswahl? Oder bereitet hier einer etwas ganz anderes vor – seinen politischen Ab- und Übergang?

Wem kann sich ein Minister empfehlen, in dessen Amtzeit drei Viertel der Insekten von deutschen Feldern verschwanden? In der immer neue Trinkwasserreserven mit Nitrat aus den Mastfabriken verseucht wurden? In dessen Amtszeit Antibiotika in die Mastställe Einzug gehalten haben, die eigentlich nur als letzte Waffe im Kampf gegen Bakterien beim Menschen gedacht waren, sogenannte Reserve-Antibiotika? Wem empfiehlt sich einer, der in seiner Amtszeit die Klimalast von synthetischem Stickstoffdünger und intensiver Fleischproduktion unter den Teppich kehrte und die ökologische Landwirtschaft in ein 20 Prozent-Getto einsperren wollte?

Wenn nicht den Wähler_innen, wem dann? Wen sollte die Geste der Entschlossenheit beeindrucken, die er vor den Kameras der Tagesschau in Brüssel demonstrierte, als er klammheimlich und gegen seine Kabinettskollegin Glyphosat durchwinkte? Es ist ernüchternd zu erkennen, wem sich da ein noch amtierender Minister anbiedert. Sein Vermächtnis gilt den Industrien, die er während seiner Amtszeit unterstützt hat. Glyphosat ist nun der letzte Ausweis, dass er sich zu ihnen zählt, dass er für höchste Berater- und Chefposten qualifiziert ist, frei von Skrupeln, frei von Interessenkollisionen, frei von Verantwortung für ein enkeltaugliches Ernährungssystem. Einzig sich selbst verpflichtet und Glyphosat.

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Klimawandel und Ernährung: „Der Druck im Kessel steigt“

Klimawandel und Ernährung: „Der Druck im Kessel steigt“

Wilfried Bommert im Gespräch mit Friedhelm Mühleib

Das folgende Interview wurde am 21.11.2017 auf dem Blog tellerrand veröffentlicht:

Alle reden vom Wetter, kaum einer denkt an die Ernährung. Der Bonner Weltklimagipfel war für die Medien ein willkommener Anlass, wieder einmal über die Folgen des Klimawandels zu berichten.

In (zu Recht) finsteren Szenarien wurde in zahllosen Beiträgen dargestellt, was uns an Katastrophen bevorstehen könnte. Tatsächlich kündigen extreme Wetterlagen wie Überschwemmungen, Stürme, Dürren und Hitzekatastrophen weltweit den realen Klimawandel an. Dass die derzeitige globale Agrarwirtschaft erheblich zum Klimawandel beiträgt und andererseits die Gefährdung unserer Versorgung mit Nahrung zu den gravierendsten Folgen dieses Wandels gehören wird, spielte in den Diskussionen während des Klimagipfels kaum eine Rolle.
Der Agrarwissenschaftler Dr. Wilfried Bommert, während vieler Jahre Leiter der Umweltredaktion des WDR und Mitbegründer des Instituts für Welternährung in Berlin, sieht darin im Interview mit tellerrand ein fatales Versäumnis.

tellerrand: Hat der Fokus der Konferenz auf den Ausstieg aus Kohle und Verbrennungsmotor den Blick der Teilnehmer auf die Rolle der weltweiten Lebensmittelproduktion und die Folgen des Klimawandels für die Ernährungssicherheit verstellt?
Bommert:  Das Thema stand tatsächlich im Hintergrund, was wirklich fatal ist. Wir wissen, dass das Klima zu etwa einem Viertel vom Ernährungssystem beeinflusst wird. Konkret heißt das: Das Ernährungssystem trägt wesentlich zum Klimawandel bei, und ohne die Veränderung des Ernährungssystems ist das Klimasystem nicht zu retten. Wenn das Thema auf der Weltklimakonferenz nicht auf den Tisch kam, hat das natürlich seine Gründe. Die großen Industrienationen sabotieren diese Diskussion, weil sie ihre Landwirtschaften in der herkömmlichen Weise weiter betreiben wollen. Da steckt enorm viel Geld drin, und man möchte die Renditen nach Möglichkeit nicht gefährden.
tellerrand: Optimistische Prognosen gehen davon aus, dass die Erde bis zu 10 Milliarden Menschen ernähren kann. Ist diese Prognose auch angesichts eines bevorstehenden Klimawandels noch haltbar?
Bommert: Sie ist dann haltbar, wenn man die großen Puffer verwertet, die in unserem heutigen Ernährungssystem stecken. Dreißig bis fünfzig Prozent unserer Lebensmittel werden weggeworfen bzw. landen im Abfall. Lebensmittelabfall und Lebensmittelverschwendung stellen riesige Puffer dar! Auch die Überernährung ist eine Art von Verschwendung. Der Ansatz, aus Nahrungsmitteln Brennstoffe für Autos zu machen, gehört ebenfalls zu den Wegen, die für eine vernünftige Welternährung nicht zielführend sind. Bei konsequenter Verwertung dieser Puffer würde das, was wir heute haben, auch dann noch reichen, wenn sich die gegenwärtige Weltbevölkerung verdoppelt.

Was die Menge der für die Versorgung nötigen Nahrung betrifft, wäre zunächst also kein Anlass zur Sorge – selbst wenn Klimaveränderungen kommen. Es geht vielmehr um die Frage, wen die beginnenden Veränderungen am härtesten treffen werden. Die klare Antwort darauf lautet: Am meisten wird es die Menschen im globalen Süden treffen. Die haben schon heute nichts zu nagen und zu beißen und werden am Ende die Klimaveränderung am stärksten spüren. Die Folge werden neue Migrationsströme sein: Wo es nichts mehr zu essen gibt, werden sich die Menschen in Bewegung setzen. Sie werden in Massen ihr Bündel und in Richtung Norden marschieren, denn der Norden wird erstmal am wenigsten betroffen sein.
tellerrand: Erstmals seit drei Jahren verzeichnet der Forscherverbund Global Carbon Project wieder einen Anstieg der globalen CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen und der Industrie. Mit der Zunahme der CO2-Emissionen auf geschätzte 41 Milliarden Tonnen in diesem Jahr seien die Klimaziele von Paris nur noch schwer zu erreichen. Was wird passieren, wenn sich diese Entwicklung nicht stoppen lässt und das Zwei-Grad-Ziel verfehlt wird?

Bommert: Dann wird es kritisch: Die Hochleistungspflanzen, die wir zur Zeit anbauen, sind nur für eine bestimmte Temperaturspanne ausgelegt. Temperaturen, die während der Vegetationsperiode unserer hochgezüchteten Nahrungspflanzen dauerhaft über 27 Grad liegen, führen zwangsläufig zu Ertragsminderungen. Sollte die globale Durchschnittstemperatur um mehr als 2 Grad und mehr steigen, dann werden Hitzewellen in bisher nicht gekanntem Ausmaß um die Welt ziehen. Das wiederum wird die Ernten einbrechen lassen.
tellerrand: Wie schnell wird sich das auf die weltweiten Ernährungssysteme auswirken?
Bommert: Schneller als wir denken! Je schneller und höher die Temperatur steigt, desto weniger kann unser Biosystem die Umstellung abfedern. Dann sind wir in richtig großen Schwierigkeiten. In der Zeit, die uns dann bleibt, lassen sich keine neuen, angepassten Pflanzen oder Tiere selektieren oder züchten. Je mehr Zeit wir haben, desto größer unsere Chancen. Es wird insbesondere in den Ländern des Südens sehr schnell gehen, die werden die Konsequenzen am stärksten spüren. Die haben zudem den Nachteil, auf der internationalen Bühne mit ihren Anliegen kaum politisches Gehör zu finden, obwohl es für sie um die Existenz geht. Die laufen in den ökonomischen Ruin. Zum einen, weil der Klimawandel dort Arbeitsplätze und ganze Wirtschaftszweige vernichtet.

Zum anderen, weil er die Ernährungssicherheit gefährdet. Nehmen sie zum Beispiel Brasilien – ein Land, das noch immer von den Erträgen seiner Agrarwirtschaft abhängig ist. Kaffee, Soja und Zitrusfrüchte – insbesondere Orangen – gehören dort zu den wichtigsten Kulturen, von denen die Agrarwirtschaft lebt. Alle drei sind massiv vom Klimawandel bedroht. Schätzungen zufolge wird die Anbaufläche für Kaffee um 80% zurückgehen, weil es einfach zu warm für die Pflanze wird. Tausende von Menschen werden ihre Jobs und ihr Einkommen verlieren. Am Ende werden auch wir es merken – wenn der Kaffee zum teuren Luxus wird.
tellerrand: Ist nicht gerade Brasilien ein Beispiel dafür, wie ohnmächtig die Regierungen dieser Länder selbst im eigenen Land sind? Im Oktober wurde ein Viertel des brasilianischen Nationalparks Chapada dos Veadeiros durch Brände zerstört – insgesamt mehr als 10.000 Quadratkilometer. Das entspricht etwa einem Drittel der Fläche Belgiens oder der zwölffachen Fläche Berlins. Die Brände wurden vermutlich von Großgrundbesitzern gelegt aus Wut über die Naturschutzpolitik der Regierung.
Bommert: Aus diversen Recherchereisen nach Brasilien weiß ich, dass es dort genug kriminelle Banden gibt, für die der persönliche Profit an erster Stelle steht, und die auch vor einer Erpressung von Politikern und der Regierung nicht zurückschrecken. Brasilien ist von Korruption durchzogen. Das hat nach der Diktatur nie aufgehört: Dort feiern Illegalität und Gewinnsucht noch immer freudige Urständ. Das Land wird regiert von einer kleinen Clique von Reichen und Mächtigen, die jenseits der demokratischen Spielregeln machen, was sie wollen. Die Bevölkerung hat leider noch einen langen Weg vor sich, bis ihre junge Demokratie diesen Namen verdient.
tellerrand: Brasilien ist kein Einzelfall – schon gar nicht, wenn es um Umweltzerstörung und Klimafrevel geht – man denke nur an die riesigen Brandrodungen auf den Philippinen. Sind angesichts solcher Umweltzerstörung und Freisetzung von CO2 in gigantischem Ausmaß die hiesigen klimapolitischen Streitereien – etwa derzeit bei den Jamaika-Sondierungen – nicht reine Symbolpolitik?  
Bommert: Natürlich kann man sich fragen, warum wir uns hier bemühen ein paar Gramm CO2 mehr einzusparen, während dort die Urwälder brennen. Ich würde die Gleichung stattdessen so aufmachen: Es ist wichtig, dass wir hier anfangen, denn Deutschland war und ist Vorbild. Wenn man weltweit umherreist, merkt man, dass es die Welt interessiert, was die Deutschen machen. Überall fragen Dich die Leute, warum man in Deutschland bestimmte Dinge macht und andere Dinge nicht macht.

Was wir machen – so meine feste Erfahrung und Überzeugung – wirkt am Ende auch stimulierend auf Veränderungen in anderen Ländern. Das ist die eigentliche Bedeutung unseres relativ kleinen Landes in der globalen Klimapolitik. Wir spielen weltweit eine wichtige Rolle als politischer Katalysator für Veränderungen.
tellerrand: Kritiker der Bonner Konferenz monieren die mageren Ergebnisse des Klimamarathons. Für wie hoch ist die Chance, dass es in absehbarer Zeit zu wirksamen Veränderungen und Maßnahmen kommt?  
Bommert: Der Druck im Kessel steigt. Die Frage wird am Ende nicht mehr sein, was wir machen wollen, sondern was wir machen müssen. Da wird es dann nicht mehr um freiwillige Vereinbarungen gehen. Spätestens dann wird die Politik begreifen, dass tiefgreifende Einschnitte und Veränderungen der einzige Ausweg sind, um der ganz großen Katastrophen noch aus eigener Kraft zu entgehen. Das wird nicht auf freiwilliger Basis laufen – ohne administrative Einschränkungen wird das nicht abgehen. Die Verhältnisse werden die Politik zum Handeln zwingen, und dann muss die Politik reagieren.

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Bundesweites Netzwerk von Ernährungsräten gegründet

Bundesweites Netzwerk von Ernährungsräten gegründet

Erster Kongress der Ernährungsräte will urbane Ernährungspolitik auf die kommunale Agenda bringen

Manuel/Flickr Commons

Unter dem Motto „Ernährungsdemokratie jetzt!“ wurde ein Netzwerk von mehr als 40 Ernährungsräten und Ernährungsrats-Initiativen aus dem deutschsprachigen Raum gegründet. Auf dem ersten Kongress der Ernährungsräte trafen sich am 12. November in Essen Engagierte aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und Südtirol. Ihr Ziel: Sie wollen demokratische Ernährungssysteme in den Kommunen aufbauen.

Ernährungsräte sind meist aus der Zivilgesellschaft gegründete, beratende Gremien der Städte. Sie stellen den Dialog zwischen Politik, Verwaltung, Landwirten, Händlern, Verbrauchern und Gastronomen her, um die Lebensmittelversorgung in den Städten zukunftsfähig und gerecht zu gestalten. Die ersten Ernährungsräte in Deutschland wurden 2016 in Berlin und Köln gegründet. Dieses Jahr kamen Frankfurt am Main, das Saarland, Dresden und Oldenburg dazu. Auch in Oberösterreich, Zürich und Südtirol gibt es Ernährungsräte, viele weitere stehen in Gründung.

„Über unsere Ernährung bestimmen heute vor allem große Lebensmittelkonzerne, die auf den Weltmarkt ausgerichtet sind. Doch immer mehr Menschen wollen mitentscheiden, wo ihr Essen herkommt und wie es produziert wurde“, sagte der Gründer des Ernährungsrates in Köln und Filmemacher Valentin Thurn. „Die Ernährungsräte sind dafür ein perfektes Forum, das Konzept breitet sich in Deutschland rasend schnell aus. Mit dem neu gegründeten Netzwerk wollen wir diese Bewegung weiter stärken.“ Kommunen und Länder sollten das hohe Engagement der meist ehrenamtlichen Initiativen unterstützen. Die Ernährungswende von unten sei eine riesige Chance für Städte, sich klimafreundlicher und gesünder zu versorgen. „Essen kann eine Brücke zwischen sozialen und ethnischen Gruppen sein. Nicht zuletzt können wir so das Thema Nachhaltigkeit mit Spaß verbinden“, so Thurn weiter.

Ziel der Ernährungsräte ist es, die Lebensmittelversorgung in den Städten transparent zu machen, lokale Erzeuger zu stärken und Lebensmittel aus dem Umland direkt in die Städte zu bringen. Kleinbäuerliche Betriebe sollen tragfähige Einkommensperspektiven erhalten und faire, vielfältigere Marktstrukturen aufgebaut werden. Zudem müssen nachhaltig erzeugte Lebensmittel für einkommensschwache Haushalte zugänglicher werden. Die Idee der Ernährungsräte stammt aus Nordamerika, wo sich die ersten „Food Policy Councils“ vor 30 Jahren gründeten und inzwischen weit verbreitet sind. Auf dem Essener Kongress tauschten sich Ernährungsrats-Experten aus den USA, Kanada, Brasilien und Großbritannien mit der jungen Gründerszene im deutschsprachigem Raum darüber aus, wie Ernährungsräte erfolgreich gegründet werden und arbeiten können.

„Urbane Ernährung wird bisher als politisches Handlungsfeld weitgehend vernachlässigt. Aber wir brauchen Ernährungspolitik in den Städten, denn hier müssen die Veränderungen beginnen“, erklärte Christine Pohl vom Ernährungsrat Berlin. „Ernährungsräte sind die lokale Antwort auf viele Probleme, die durch unser derzeit globalisiertes Ernährungssystem verursacht wurden. Die Frage: ‚Wie ernährt sich meine Stadt?’ ist so einfach wie wichtig. Jetzt kommen endlich die unterschiedlichsten Menschen zusammen, um gemeinsam die Bestimmungsmacht über ihre Teller zurückzugewinnen.“

„Das neu gegründete Netzwerk der Ernährungsräte in Deutschland ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Ernährungssystem.“ stellte Dr. Wilfried Bommert, Vorstand und Sprecher des Instituts für Welternährung e.V., Berlin, fest. „Die Zivilgesellschaft gibt hier Richtung und Takt vor.“ Die neue Koalition in Berlin sei gut beraten, wenn sie diese Bewegung ernst nimmt und ihr durch ein „Bundesprogramm zur Förderung zukunftsfähiger regionaler Ernährungssysteme“  politischen Rückhalt verschafft.

Mehr Informationen zu Ernährungsräten unter: www.ernaehrungsraete.de

 

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Erster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte

Erster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte

10.-12. November 2017 in der Alten Lohnhalle, Essen

Quelle: Taste of Heimat e.V.

Die bestehenden Ernährungssysteme sind kein Naturgesetz – wir können sie ändern! In lokalen Ernährungsräten oder ähnlichen Initiativen können wir mitbestimmen, wie unser Essen produziert, verteilt und verwertet wird, und wir können auch die Ernährungspolitik aktiv beeinflussen.

Die ersten beiden Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum sind 2016 in Berlin und Köln entstanden. In vielen weiteren Städten und Regionen im deutschsprachigen Raum gibt es Pläne für ähnliche Initiativen. Wir wollen uns gegenseitig inspirieren und voneinander lernen.

Als Auftakt für ein dauerhaft tragfähiges Lern- und Aktionsnetzwerk soll das Wochenende uns dabei unterstützen, selbständig Ernährungsräte zu gründen und weiter zu entwickeln. Lasst uns jetzt gemeinsam beginnen mit dem nötigen Wandel – denn Ernährungsdemokratie geht uns alle an!

Vorläufige Kurzfassung des Programms:
Freitag Abend: Pioniergeist – von anderen Ernährungsräten lernen (mit internationalen Referent*innen).

  • Samstag Vormittag: Los geht’s – Kennenlernen der verschiedenen Ernährungsinitiativen im deutschsprachigen Raum und Infomarkt
  • Samstag Nachmittag: Do It Yourself – Welche Erfahrungen bringen uns weiter, welche Hürden müssen überwunden werden, was motiviert und inspiriert uns
  • Samstag Abend: Party – Ernährungsouveränität feiern!
  • Sonntag Vormittag: Lessons Learned – Was haben wir gelernt, welche Ressourcen haben wir, welche weiteren brauchen wir?
  • Sonntag Nachmittag: Zukunftspläne schmieden – wie machen wir gemeinsam weiter?

Das komplette Programm finden Sie demnächst hier, wer sich jetzt schon anmelden oder bei der Vorbereitung mitarbeiten möchte, schreibt bitte an anmeldung@tasteofheimat.de

IWEErster Kongress zur Vernetzung der Ernährungsräte
Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Bericht von der 1. Fachtagung am 18.10.2017 in München

Die 1. Fachtagung „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte“ fand am 18. Oktober 2017 im Rahmen des Klimaherbstes in München statt.

Die Frage, wie wir uns ernähren, woher unser Essen kommt und wie es erzeugt wird, soll künftig noch mehr Bestandteil kommunaler Politik werden. Das ist das Ziel des Projektes „Ernährungswende“, das vom Berliner Institut für Welternährung gemeinsam mit dem Umweltbundesamt auf den Weg gebracht wurde. Es unterstützt die Zivilgesellschaft in Berlin, Hamburg, München und Köln bei der Entwicklung lokaler Ernährungskonzepte.

Zur 1. Fachtagung waren VertreterInnen von Ernährungsräten in Aktion und in Gründung, Verbände, Handel, Gastronomie, Landwirtschaft, Handwerk, Forschung, Verwaltung und Politik und alle, die Ernährung auf eine neue regionale Basis stellen wollen, eingeladen.

Neben Vorträgen der Projektleiterin Agnes Streber (Ernährungsinstitut KinderLeicht) und Wilfried Bommert (IWE – Institut für Welternährung) sprach Almut Jering (Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau) zur „Bedeutung Regionaler Ernährungskreisläufe“ und Michael Böhm (Projektleiter Ecozept GbR, Freising) über „Food First – produktive Flächen für die Ernährungssouveränität von Metropolen“.

Außerdem stellten Jürgen Müller (Rechtsanwalt und Vorstand im Kartoffelkombinat – der Verein e.V., München), Apl. Prof. Dr. habil. Harald Lemke (Mit-Initiator des Ernährungsrates Hamburg), Frank Bowinkelmann (freier Journalist, Autor und 1. Vorsitzender des foodsharing e.V., Köln), Lea Kliem (Mit-Initiatorin des Ernährungsrates Berlin) als VertreterInnen der Ernährungsräte aus München, Hamburg, Köln und Berlin ihre Erfahrungsberichte vor.

Unten stehend finden Sie die Präsentationen sowie das Fotoprotokoll des Workshops zum Download.

Einen Bericht der in der Süddeutschen Zeitung über die Fachtagung finden Sie hier.

Vortrag: „Bedeutung Regionaler Ernährungskreisläufe“ Almut Jering (Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau)
Vortrag_Jering_UBA.pdf
PDF-Dokument [985.0 KB]
Vortrag: „Food First – produktive Flächen für die Ernährungssouveränität von Metropolen“ Michael Böhm (Projektleiter Ecozept GbR, Freising)
Vortrag_Böhm_Ecozept.pdf
PDF-Dokument [2.4 MB]
Vortrag: „Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Berlin“ Lea Kliem (Mit-Initiatorin des Ernährungsrates Berlin)
Vortrag_Kliem_ER Berlin.pdf
PDF-Dokument [1.5 MB]
Vortrag: „Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Köln“ Frank Bowinkelmann (freier Journalist, Autor und 1. Vorsitzender des foodsharing e.V., Köln)
Vortrag_Bowinkelmann_ER Köln.pdf
PDF-Dokument [1.5 MB]
Fotoprotokoll Workshop
Fotoprotokoll.pdf
PDF-Dokument [8.2 MB]
IWEDeutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte
Insekten weg – keiner Schuld?

Insekten weg – keiner Schuld?

Kommentar von IWE-Sprecher Wilfried Bommert

Quelle: Flickr CC BY-NC-SA 2.0

Wer ist schuld? Wir nicht, tönt die Lobby der Feldspritzen und Düngerstreuer. Wir nicht, echot es aus den Konzernen, die mit Insektiziden ihre Gewinne machen. Achselzucken bei den Verantwortlichen der Politik. So What? War’s nicht vielleicht der Klimawandel, das Extremwetter? Ausweichmanöver, wie wir sie kennen.

Bleiben wir hartnäckig. Könnte es sein, dass es die üblichen Verdächtigen sind, die nicht nur die Insekten auf dem Gewissen haben, sondern auch tatkräftig den Treibhauseffekt befeuern? Es sind die, die mit gutem Gewissen in den luftdicht verriegelten Kabinen ihrer Schlepper sitzen und auf endlosen Äckern den Spritzplan ihrer Chemiekonzerne abarbeiten. Mitläufer im großen Agromonopoly. Sie wollen dabei sein, wenn die großen Ernten eingefahren werden. Wissen Sie nicht, dass sie die Grundlagen dafür selbst zerstören?

Insekten, dass sind die, die dafür sorgen, dass wir Äpfel und Birnen essen können, Honig ernten, dass Singvögel satt werden. Ohne sie droht Kettenbruch in der Nahrungskette, auch in der unseren. Was davon wissen die, die da oben in den Schleppern sitzen? Fehlanzeige, wer in die Lehrpläne deutscher Landwirte schaut, wundert sich nicht mehr. Soviel Unwissen. Aber das schützt vor Strafe nicht, wie wir wissen. Und Insekten erteilen keine Absolution! Wenn der stumme Frühling kommt, werden wir vergeblich auf die Insekten, die Bienen und die Vögel warten, vor leeren Tellern.

IWEInsekten weg – keiner Schuld?
Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte

Einladung zur 1. Fachtagung am 18. Oktober 2017 im Rahmen des Klimaherbstes in München

Die 1. Fachtagung „Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte“ findet am 18. Oktober 2017 im Rahmen des Klimaherbstes von 12.30 Uhr bis 18.00 Uhr in der Orange Bar, Green City Energy AG, Zirkus-Krone-Straße 10, 80335 München statt.

Die Frage, wie wir uns ernähren, woher unser Essen kommt und wie es erzeugt wird, soll künftig noch mehr Bestandteil kommunaler Politik werden. Das ist das Ziel des Projektes „Ernährungswende“, das vom Berliner Institut für Welternährung gemeinsam mit dem Umweltbundesamt auf den Weg gebracht wurde. Es unterstützt die Zivilgesellschaft in Berlin, Hamburg, München und Köln bei der Entwicklung lokaler Ernährungskonzepte.
Eingeladen sind VertreterInnen von Ernährungsräten in Aktion und in Gründung, Verbände, Handel, Gastronomie, Landwirtschaft, Handwerk, Forschung, Verwaltung und Politik und alle, die Ernährung auf eine neue regionale Basis stellen wollen.

Inhalt und Ziele der 1. Fachtagung „Lokale Ernährungskonzepte“:

Welche Erfahrungen wurden bisher gemacht, welche Konzepte entwickelt, welche Netze gesponnen, welche Bündnisse geschmiedet, welche Schwierigkeiten überwunden, welche Lehren können aus den vier Projektstädten Berlin, Hamburg, München und Köln gezogen werden. Sie haben Gelegenheit, sich zu informieren, engagieren und mit anderen Interessierten auszutauschen und zu vernetzen.

Programm der 1. Fachtagung „Lokale Ernährungskonzepte“:

12:30 Uhr Begrüßungskaffee & Akkreditierung

13:00 Uhr Begrüßung
Agnes Streber (Projektleitung, Ernährungsinstitut KinderLeicht, München)
Dr. Wilfried Bommert (Vorstand Institut für Welternährung, Berlin)

13:15 Uhr Bedeutung Regionaler Ernährungskreisläufe
Almut Jering (Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau)

13:40 Uhr Food First – produktive Flächen für die Ernährungssouveränität von Metropolen
Michael Böhm (Projektleiter Ecozept GbR, Freising)

13:55 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates München
Jürgen Müller (Rechtsanwalt und Vorstand im Kartoffelkombinat – der Verein e.V., München)

14:15 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Hamburg
Apl. Prof. Dr. habil. Harald Lemke (Mit-Initiator des Ernährungsrates Hamburg)

14:35 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Köln
Frank Bowinkelmann (freier Journalist, Autor und 1. Vorsitzender des foodsharing e.V., Köln)

14:55 Uhr Erfahrungsbericht des Ernährungsrates Berlin
Lea Kliem (Mit-Initiatorin des Ernährungsrates Berlin)15:15 Uhr Kaffee-/ Tee-Pause mit Snacks Vernetzung und Austausch

15:30 Uhr Ernährungskonzepte Werkstatt: Vier interaktive Stationen, um selbst tätig zu werden, je 30 Minuten

  • Bisherige Erfahrungen mit Ernährungsräten
  • Welche Herausforderungen stellen sich?
  • Zukunftsvisionen – wo geht es hin?
  • Welche Strukturen und Ressourcen braucht ein Ernährungsrat?

17:30 Uhr Lokale Ernährungskonzepte – wie geht es weiter?
Agnes Streber (Projektleitung, Ernährungsinstitut KinderLeicht, München)
Dr. Wilfried Bommert (Vorstand Institut für Welternährung, Berlin)

18:00 Uhr Ende der 1. Fachtagung
Deutschland auf dem Weg zur Ernährungswende: Lokale Ernährungskonzepte

Moderation: Harald Ulmer, Dipl.-Pol. Uni.

Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist kostenlos. Wir bitten Sie jedoch, 5 Euro Verpflegungspauschale in bar mitzubringen. Damit wir besser planen können und da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, ist eine schriftliche Anmeldung per Fax oder Email bis zum 11.10.2017 erwünscht. Nähere Informationen zur Anmeldung finden Sie im PDF Download.

IWEDeutschland auf dem Weg zur Ernährungswende – Lokale Ernährungskonzepte
Forschungswende für die Ernährungswende

Forschungswende für die Ernährungswende

  • Kann das derzeitige Modell der Land- und Ernährungswirtschaft die Zukunft sichern?
  • ​Vor welchen Aufgaben stehen die Agrar- und Ernährungs-Wissenschaften im 21. Jahrhundert?
  • Welche Forschung sollte vorrangig gefördert werden?

Das sind die zentralen Fragen, denen sich das Positionspapier des Instituts für Welternährung IWE widmet.

In seiner Analyse kommt das IWE zu dem Schluß, dass die Mittel der Forschungsförderung, auch der öffentlichen, zurzeit überwiegend in den weiteren Ausbau der industriellen Landwirtschaft und der hoch verarbeitenden Ernährungsindustrie mit ihren High-Input-Systemen fließen. Sie gilt bei Politik und Wirtschaft nach wie vor als Modell für die Zukunft.

Dadurch entstehen jedoch schwerwiegende Leerstellen. Die Chancen und Möglichkeiten der bäuerlichen Landwirtschaft, die mit Low-Input- Systemen wirtschaftet, sind kaum erforscht.Die zunehmende Verstädterung der Welt erfährt so gut wie keine Beachtung. Die wachsenden Unsicherheiten durch Klimawandel und zunehmende Ressourcenknappheit spiegeln sich in den Forschungsprioritäten nicht wider.
Darüber hinaus ist die Forschung zum Ernährungsverhalten und seiner Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit und Gesundheit in Deutschland unterentwickelt.

Die Pfadblindheit in großen Teilen der gegenwärtigen Agrar- und Ernährungsforschung verschlechtere die Perspektive für die Ernährung der zukünftig 9-10 Milliarden Menschen auf der Welt. Deshalb fordert das IWE eine Neuausrichtung, eine Ernährungswende, die durch eine Wende in der Forschung begleitet werden muss.

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