Filmkritik: Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen

Filmkritik: Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen

Eine Filmkritik von Ines Meier
DAVID GEGEN GOLIATH

Bei der Rettung des Saatguts ginge es um Sex, Menschen seien besessen von Sex, selbst wenn es nur Steckrüben-Sex sei. Will Bonsall, Gründer des Scatterseed Projekts, wirkt wie ein hippiesker Weihnachtsmann und schwadroniert schmunzelnd vor seinem Holzschuppen. Diese einigermaßen schräge Szene ist der Beginn des Trailers zu Taggart Siegels und Jon Betz’ Dokumentarfilm „Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen“. Der erste Eindruck also: Hier wird ein Film darauf aus sein, mit  den Mitteln des Boulevards eine Zielgruppe zu kapern, die Saatgut sonst in etwa so spannend und relevant wie Briefmarkensammeln findet. Von dem kleinen Fehltritt darf man sich glücklicherweise nicht irritieren lassen: Dieser Dokumentarfilm geht uns alle an.

Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung – und diese zentrale Ressource ist extrem bedroht. Mehr als 90% Prozent aller Saatgutsorten sind im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft bereits verschwunden. Seit der Übernahme von Monsanto durch Bayer in diesem Jahr beherrschen nur noch drei Konzerne mehr als 60% des weltweiten Saatgut-Marktes. Eine immer größer werdende Bewegung aus Bauern, Gärtnern, Umweltaktivisten, Wissenschaftlern und Bürgern stemmt sich gegen diese Entwicklung. Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen ist nach Queen of the Sun: What Are the Bees Telling Us? über das Bienensterben die zweite Zusammenarbeit der US-amerikanischen Dokumentarfilmer Taggart Siegel und Jon Betz, die auch die gemeinnützige Filmproduktion Collective Eye Films betreiben. Sie machen kein Geheimnis daraus, auf welcher Seite sie im Kampf von David gegen Goliath stehen.

Siegel und Betz führen uns in Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen durch die Geschichte des Saatguts, das über Jahrtausende in der Hand der Bauern lag. Bis vor einigen Jahrzehnten war allen Kulturen quer über den Globus freier Zugang zu Saatgut selbstverständlich, Saatgut war Gemeingut bevor es zum Handelsgut verkam. Für ihre komplexe Bestandsaufnahme mit Fokus auf den amerikanischen Kontinent interviewen Siegel und Betz eine ganze Reihe an Saatgut-Aktivisten – darunter viele indigene Bäuerinnen und Bauern, die Physikerin Vandana Shiva, die Umweltjuristin Claire Hope Cummings, die Primatologin Jane Goodall sowie NGOs und Projekte, die sich dem Aufbau und Erhalt von Saatgutbanken widmen.

Die Geschichte des Saatguts ist letztendlich eine Geschichte des globalen Kapitalismus.  Großindustrielle entwickeln da unter dem Deckmantel des Versprechens auf höhere und bessere Erträge hybrides und genmanipuliertes Saatgut, das vor allem ihrer eigenen Profitmaximierung dient. Da es patentiert ist und nicht mehr von den Bauern vermehrt werden darf, müssen sie es jedes Jahr neu kaufen. Die Saatbanken und Saatgutpraktiken der Bauern werden zerstört, die Bauern und in ihrer Folge die Verbraucher zu Geiseln der Konzerne. Es sind Pflanzen, die nicht von ungefähr auf einen hohen Chemieverbrauch gezüchtet sind, so wie es kein Zufall ist, dass die Konzerne, die den Saatgutmarkt beherrschen, Chemie- und Pharmaunternehmen sind.

Der Film erzählt die Geschichte einer Industrie, die einst Kriegschemikalien verkaufte und sich mit der Landwirtschaft einen neuen Absatzmarkt erschlossen hat. Die Auswirkungen auf Umwelt und Biodiversität sind immens. Der Regen der Pestizide geht direkt neben Siedlungen oder gar Schulen nieder. Auffällig sind in diesen Gegenden erhöhte Raten an Missbildungen, Fehlgeburten und Krebserkrankungen. Massiv drängen die Konzerne in die Länder des Südens, die Kleinbauern dort nehmen Kredite auf, verschulden sich. Die genmanipulierte Saat ist nicht an die regionalen Klimabedingungen angepasst und schädlingsanfällig. Allein in Indien haben sich in den letzten zwanzig Jahren 300.000 Bauern das Leben genommen. Oft, indem sie Pestizide trinken. Die Konzerne stecken riesige Summen in politische Kampagnen und Lobbyismus, sie reagieren auf Klagen mit Gegenklagen, besetzen Regierungspositionen und manipulieren wissenschaftliche Daten.

Man könnte nun vor der Summe dieses Grauens direkt das Handtuch werfen, aber diesem Impuls stemmt sich Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen schon allein stilistisch mit einem gewaltigen Potpourri entgegen. Die eher klassischen Interviewaufnahmen werden flankiert von Nachrichten- und Archivmaterial, Privatfotos, Stock-Footage von umherfliegendem, wasserbeperltem Gemüse und allerlei animierten Sequenzen, bei denen kein Stil dem anderen gleicht. Man reibt sich da eine Weile ungläubig die Augen, bis einem aufgeht: Das stilistische Chaos ist kein Versehen, sondern die Vielfalt der visuellen Stile soll die Forderung nach Vielfalt im Saatgut spiegeln. Was ja wiederum auch eine Art Stringenz ist – und die ist so dermaßen frech verspielt, dass man sich ihrem Charme nach anfänglichem Widerstand schmunzelnd ergibt.

Die passionierten Aktivistinnen und Aktivisten in Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen sind ansteckend. Immerhin steht und fällt mit dem Saatgut nicht nur das Angebot auf unseren Tellern, sondern auch das Überleben zukünftiger Generationen. Nur mit vielfältigem Saatgut werden wir uns den Folgen des Klimawandels anpassen können. Mit dem einher geht eine Landwirtschaft, die künftig nachhaltig wirtschaften muss, statt den Klimawandel weiter voranzutreiben. Man muss Jane Goodall hören, wie sie mit leuchtenden Augen vom Reichtum des Saatguts schwärmt. Den Molekularbiologen Ignacio Chapela, der die Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen als Tanz beschreibt, der eine Kultur überhaupt erst ermöglicht. Die zwei botanischen Entdecker, die über in Tütchen abgepacktes Saatgut in eine dermaßen große Aufregung geraten, dass man sich ein paar Sekunden lang fragt, ob da nicht doch eher Marihuana drin ist. Oder eben Emigdio Ballon aus dem Tesuque Pueblo in New Mexico, der erzählt, wie sein Großvater ihm kurz vor seinem Tod eine Handvoll Samen gab, mit den schlichten Worten: „Dies ist Leben.“

Titelbild: Clayton Brascoupe mit Ähren vom einheimischen Mais der Pueblo in New Mexico © W-film / Collective Eye Films

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Streitschrift zur Zukunft unserer Ernährung: „Landwirtschaft am Scheideweg“

Streitschrift zur Zukunft unserer Ernährung: „Landwirtschaft am Scheideweg“

Rubén Díaz Caviedes/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Rubén Díaz Caviedes/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Missernte des Sommers 2018 zeigt, dass die industrielle Landwirtschaft dem Klimawandel nicht gewachsen ist. Im Gegenteil: Sie feuert ihn weiter an. Sie zerstört die Bodenfruchtbarkeit, erschöpft die Wasservorräte und beschleunigt den Artenschwund. Die Ernährung zukünftiger Generationen steht auf dem Spiel.

Die Untätigkeit der Politik darf nicht länger hingenommen werden. In dieser Überzeugung fordert ein breites Bündnis der deutschen Zivilgesellschaft eine öffentliche Debatte über die Zukunft unserer Ernährung. Dazu stellt es heute in Berlin die Streitschrift „Landwirtschaft am Scheideweg – Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ vor.

Im Vorfeld des Welternährungstags am 16. Oktober 2018 fordert das Bündnis aus Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V., NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V. , Naturfreunde Deutschland e.V., Slow Food Deutschland e.V. und Institut für Welternährung – World Food Institute e.V. eine ökologische Wende: „Jetzt geht es um eine grundlegende Veränderung, um ein innovatives Agrar- und Ernährungssystem, das sich in biologische Kreisläufe und ökologische Netzwerke einpasst, das auf soziale Beziehungen und ökonomischen Ausgleich setzt und damit die Ernährung auf Generationen hinaus sichert, ohne die ökologischen Grenzen unseres Planeten zu überschreiten.“

Die Mitunterzeichner setzen vor allem auf die Zivilgesellschaft. Sie rufen dazu auf, die gegenwärtige politische Blockade einer Ernährungswende durch zivilgesellschaftliche Aktionen zu durchbrechen:

• Die Zivilgesellschaft setzt Signale der Veränderung durch Desinvestment aus den Aktien der Agrar- und Ernährungsindustrie.

• Sie schafft Vorbilder, indem sie darauf dringt, dass Kommunen und Kirchen für ihren großen Grundbesitz nur noch Pachtverträge abschließen, die ökologisches Wirtschaften fördern.

• Sie verlangt, dass öffentliche Mittel der Bundesrepublik wie der Europäischen Union nur für gesellschaftlich geforderte Leistungen der Landwirtschaft vergeben werden, die vom Markt nicht ausreichend vergütet werden.

• Sie unterstützt die neue Ernährungsbewegung in Deutschland, die ökologische Ernährungskonzepte als Teil lokaler und regionaler Politik entwickelt.

• Sie fordert, dass chemisch-synthetische Pestizide aus der Produktion verbannt werden, ebenso wie Antibiotika aus der Tierhaltung.

Für die Initiatoren der Streitschrift ist die ökologische Transformation der Landwirtschaft eine globale Herausforderung. Sie startet als ein europäisches Projekt, das in den Regionen beginnt und von einer wachen Zivilgesellschaft getragen wird.

Die Streitschrift „Landwirtschaft am Scheideweg – Nur eine ökologische Landwirtschaft kann zehn Milliarden Menschen ernähren“ steht in verschiedenen Versionen als PDF zum Download zur Verfügung: Kurzversion (DE), Langversion (DE), Short Version (EN), Long Version (EN)

Foto: Rubén Díaz Caviedes/Flickr (CC BY-SA 2.0)

IWEStreitschrift zur Zukunft unserer Ernährung: „Landwirtschaft am Scheideweg“
SWR-Reportage: Unser Fleisch – Bio oder Masse?

SWR-Reportage: Unser Fleisch – Bio oder Masse?

Maria Schaefer/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Maria Schaefer/Flickr

Aus der Programmankündigung des SWR: „Fragt man deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher, sagen die meisten, sie würden nicht nur bei Obst und Gemüse, sondern auch bei Fleisch zu Bioprodukten greifen. Die Entscheidung an der Kasse sieht jedoch meist anders aus. Deutsche Supermärkte und Discounter überbieten sich gegenseitig mit Kampfpreisen für Fleisch aus konventioneller Haltung. Viele Kunden können nicht widerstehen und greifen bei billigen Preisen zu. Für viele Fleischerzeuger ist dieser Wettbewerb ruinös. Wie sieht die Alternative aus? Ist es die Umstellung auf Bio?

Es gibt zwei Alternativen aus diesem Dilemma: entweder die Betriebe noch weiter zu vergrößern, um rentabler zu produzieren oder den Wechsel zur Biohaltung, bei der größere Gewinnspannen winken und die Umwelt geschont wird. Beide bergen jedoch Risiken. Noch intensivere Massentierhaltung schädigt die Umwelt und zieht viele Probleme nach sich, vom Tierwohl ganz zu schweigen. Die Umstellung auf Bio ist für die Landwirte ein großes finanzielles Risiko. Das „betrifft“-Team begleitet Bauern, die sich für eine der beiden Alternativen entschieden haben und verfolgt, ob und zu welchem Preis die Umstellung gelingt. Die Autorinnen Tatjana Mischke und Monika Kovacsics haben auch Landwirte getroffen, die versuchen, einen Mittelweg zu gehen: mit konventioneller, aber trotzdem ökologischer und nachhaltiger Fleischproduktion.“

Die Sendung „Unser Fleisch – Bio oder Masse?“ können Sie hier ansehen. 

IWESWR-Reportage: Unser Fleisch – Bio oder Masse?
Hitzewellen verändern Böden nachhaltig

Hitzewellen verändern Böden nachhaltig

Quelle: Mimikry11/ CC-by-sa 3.0

Quelle: Mimikry11/ CC-by-sa 3.0

Der Artikel „Hitzewellen verändern Böden nachhaltig“ erschien bei dem Wissensmagazin scinexx.de. und nimmt Bezug auf die u.a. von der University of Manchester veröffentlichten Studie „Soil bacterial networks are less stable under drought than fungal networks“.

Auszug:
„Die aktuelle Hitzewelle könnte unsere Böden länger beeinträchtigen als bisher angenommen. Denn wie ein Experiment enthüllt, schadet die Trockenheit besonders den Bodenbakterien und ihren ökologisch wichtigen Netzwerken – und dies nicht nur während der Dürre, sondern noch Monate danach. Weil sich auf Wiesen und Wiesen zudem die Graszusammensetzung verschiebt, könnten Hitzewellen sogar dauerhafte Spuren hinterlassen, so die Forscher.

Böden sind nicht nur ein ökologisch wichtiger Lebensraum, sie gehören auch zu den wichtigsten Akteuren im Klimasystem. Denn in ihnen finden die Abbauprozesse statt, die Pflanzen ihre Nährstoffe bereitstellen und je nach Zustand entweder Kohlenstoff einlagern oder CO2 freisetzen. Entscheidend für diese Funktionen des Bodens sind Bodenbakterien und Pilze, deren Netzwerke die Böden durchziehen.

Wie aber reagieren diese so wichtigen Bodenbewohner auf Dürren und Hitzewellen? Angesichts der Tatsache, dass solche Wetterextreme durch den Klimawandel immer häufiger werden, ist dies eine für die Ökologie, aber auch die Landwirtschaft entscheidende Frage. „Viele Studien haben bereits demonstriert, dass solche Klimaextreme erhebliche Auswirkungen auf die mikrobiellen Gemeinschaften des Bodens haben können“, berichten Franciska de Vries von der University of Manchester und ihre Kollegen.

Doch wie sich die Mikroben-Netzwerke im Boden durch eine Dürre wie in diesem Sommer genau verändern und wer dabei Gewinner oder Verlierer sind, war kaum bekannt. Um das zu klären, haben die Forscher ein Langzeit-Experiment im Gewächshaus durchgeführt. Dafür säten sie typische Gräser in aus Wiesen entnommene Erde und ließen diese zwei Jahre lang wachsen. Im zweiten Jahr setzten sie die Hälfte der Grasflächen einer Jahrhundert-Dürre aus – ähnlich wie sie in diesem Jahr in vielen Teilen Europas herrscht.

Es zeigte sich: Während die Pilze im Boden die Dürre überraschend gut überstanden und sogar davon profitierten, war dies bei den Bodenbakterien nicht der Fall: Ihre Artenvielfalt und Menge sank während der Trockenperiode rapide ab, wie die Forscher berichten. Gleichzeitig veränderte sich die Struktur der bakteriellen Netzwerke in den Böden erheblich. „Sie entwickelten Merkmale, die auf eine geringe Stabilität bei Störungen hindeuten“, so die Wissenschaftler.

Das Entscheidende jedoch: Auch nachdem die Böden wieder genügend Wasser bekamen, erholten sich die Bakteriengemeinschaften nicht – im Gegenteil. Noch zwei Monate später waren die Mikrobenanzahl und deren Aktivität deutlich verringert. Dadurch waren auch ökologische Funktionen der Böden wie die Stickstoffbindung und die Bodenatmung noch lange nach der Dürre messbar verändert und beeinträchtigt, wie die Forscher berichten.

Ein weiterer, nachhaltiger Effekt der Dürre war eine veränderte Artenzusammensetzung der Vegetation: Schnellwachsende Grasarten wie das Wiesen-Knäuelgras (Dactylis glomerata) vertrugen die Trockenheit besser. Sie breiteten sich daher stärker aus und verdrängten im Laufe der Zeit das langsamer wachsende Ruchgras (Anthoxanthum odoratum), wie de Vries und ihre Kollegen beobachteten.“

Den vollständigen Artikel können Sie hier nachlesen

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Dürre, guter Boden

Dürre, guter Boden

Der Gastbeitrag von IWE-Sprecher Wilfried Bommert erschien in Der Freitag, Ausgabe 29/2018

Mit jedem Tag ohne Regen schwindet auf den Feldern die Zuversicht: Eine Missernte steht bevor. Beginnen die mageren Zeiten? Oder handelt es sich um einen Ausrutscher der Natur, ein ganz normales Risiko, das die Landwirtschaft schon immer tragen musste? Für den Bauernverband ist es genau das: ein Betriebsunfall, der sich durch Versicherungen und Steuernachlass schultern lässt. Für die Klimawissenschaft ist es Folge des neuen Klimas, mit dem wir in Zukunft rechnen müssen. Ein Klima, auf das die Landwirtschaft ganz besonders im Osten der Republik nicht vorbereitet ist.

Die Risiken der gängigen Agrarmethoden werden übersehen. Dabei liegen sie auf der Hand: Es sind die riesigen Felder, die mit immer gleichen Pflanzen bestellt werden. Es sind die Hochleistungspflanzen, die für ihre Höchstleistung viel Wasser brauchen – für ein Kilo Getreide mehr als 1.500 Liter. Es ist die Unbedachtheit, mit der der nackte Boden in Herbst und Winter Sturm und Regen ausgesetzt wird. Die Folge: Bodenerosion, der fruchtbare Humus verschwindet vom Acker, und damit seine Speicherfähigkeit für Regenwasser.

Dabei wäre Anpassung an die kommenden Extreme möglich. Sie verlangt eine grundsätzlich andere Zielsetzung: nicht kurzfristige Höchsterträge, sondern langfristige Stabilität. Und die beginnt beim Boden, der mehr ist als der Halt für Pflanzenwurzeln. In einer Hand voll Boden leben mehr Lebewesen als Menschen auf der gesamten Erde. Sie bilden eine höchst produktive Allianz für alles, was auf dem Acker wächst. Das ist die Grundlage für stabile Ernten. Doch Bodenleben braucht organische Nahrung, Mist und Kompost aus Pflanzenresten. Daraus entsteht der Humus, der den Regen speichern kann. Das Rezept der Industrielandwirtschaft – Kunstdünger, synthetischer Stickstoff und Pestizide – ist für dieses Leben Gift.

Der zweite Schritt zur Stabilität gegenüber Klimaextremen ist das, was auf den Feldern ausgesät und angebaut wird. Keine Monokulturen! Wichtig ist Vielfalt, ein Gemisch von Pflanzen mit unterschiedlichen Eigenschaften, die sich Jahr um Jahr gegenseitig stützen. Solche Fruchtfolgen bilden strategische Allianzen zwischen Pflanzen und Boden und sorgen dafür, dass Dürren abgefedert werden können. Schließlich braucht es Schatten durch Hecken und Zwischenfrüchte, die den Acker bedecken und verhindern, dass die Sonne schon im März die Äcker aufheizt und austrocknet und damit schon im Frühling die Ernte in Frage stellt.

Doch wer heute durch die Dürreregionen zwischen Leipzig und Rostock fährt, sieht: Es fehlt an Stabilität. Die Botschaft, dass klimaverträgliche Landwirtschaft andere Wirtschaftsweisen verlangt, ist dort nicht angekommen. Wird sie überhaupt ankommen? Sie erfordert eine grundsätzliche Kehrtwende vor allem in den Köpfen der Bewirtschafter, die begreifen müssten, dass Agrikultur nicht Ausbeutung, sondern Bewahren heißt. Dass nur Vielfalt die kommenden Wetterextreme abpuffern kann. Dass zukunftsfähige Landwirtschaft eine Frage des biologischen Wissens und ökologischen Verstehens ist und nicht von Megatechnik, Höchstleistungssorten, Chemie.

Ein „Weiter-wie-bisher“ ist keine Option, das hat der Weltagrarrat schon 2008 der Agrarpolitik ins Stammbuch geschrieben. Die Dürre 2018 lässt uns erahnen, was der Klimawandel für uns bedeuten wird. Eine Botschaft, die von der Landwirtschaft verstanden werden muss. Wenn nicht, gehen wir mageren Zeiten entgegen.

Foto: Rockin’Rita / Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

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Brandheiß: Fleisch- und Milchkonzerne zündeln am Weltklima

Brandheiß: Fleisch- und Milchkonzerne zündeln am Weltklima

Kommentar von Wilfried Bommert

Wie schön hätte die Grillsaison werden können, ohne diese Nachricht aus dem Institute for Agriculture and Trade Policy. Aber nun ist es raus, die Ölkonzerne Exxon, Shell und BP sind nicht mehr die größten Brandstifter am Weltklima, in aller Stille haben drei Fleisch- und Milchkonzerne ihren Spitzenplatz als Klimakiller übernommen. Der größte unter ihnen – JBS – mästet seine Herden in Brasilien, danach kommen die USA mit Tyson Foods, Cargill und Dairy Farmers. Sie sind Wohlstandsgewinner, denn mit dem Wohlstand steigt weltweit auch der Konsum von Fleisch und Milch. Und sie sind dabei, ihre Position weiter auszubauen.

Dass sie gleichzeitig das Weltklima in den Abgrund stürzen, davon war bisher nicht die Rede. Aber jetzt kann keiner mehr sagen, er habe es nicht gewusst. Und nun? Schluss mit den Grillorgien, weg mit den Käseburgern? Vielleicht hilft es, einmal genauer hinzusehen. Denn Fleisch ist nicht Fleisch und Milch nicht Milch, entscheidend ist, wo und wie sie hergestellt werden. Schuld am schlechten Klima ist das industrielle Mast- und Milchrezept. Rinder, die eigentlich Grasfresser sind, werden mit Mais und Soja vollgestopft, damit sie möglichst Viel in möglichst wenig Zeit erzeugen, Treibhausgase inklusive.

Für diese Art der Fütterung werden nach wie vor Urwälder gerodet, Wagonladungen von synthetischem Stickstoff verstreut, es werden Pestizide von Flugzeugflotten versprüht und eine gigantische Armada an Lastwagen und Schiffen in Bewegung gehalten. Es ist diese Methode, die die Gase hinterlässt, die das Weltklima unerträglich machen. Und deshalb muss sie ein Ende finden. Auch wenn die deutsche Agrarministerin davon nichts wissen will, wir wissen es spätestens jetzt. Und nun?

Wir könnten Abschied nehmen von Fleisch und Milch, Vegetarier oder Veganer werden, aber wir müssen es nicht. Die gute Nachricht heißt, es gibt noch Rinder, die auf Wiesen und Weiden grasen, die das wiederkäuen, was ihnen gut bekommt: Gras. Und die daraus auch Fleisch und Milch herstellen, nach den Regeln der Natur und nicht nach denen der Fleisch- und Milchkonzerne. Bäuerliche Betriebe, die unsere Landschaft erhalten, unsere Bienen, unser Wasser und unsere Luft, die ökologisch wirtschaften und die Kosten tragen, die die anderen abwälzen, die leben das Gegenmodell zur globalen Fleisch- und Milchindustrie.

Allerdings, das hat seinen Preis und auch die Menge ist nicht die, die aus den industriellen Fleisch- und Milchfabriken quillt. Wir werden also zurückfinden zum Weniger, zum Sonntagsbraten, zum Sonntagskuchen. Wir werden die Fleisch- und Käseberge hinter uns lassen, weil wir wissen, weniger ist mehr.

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Interview mit Bauern in Brandenburg: „Das hier wird bald Wüste“

Interview mit Bauern in Brandenburg: „Das hier wird bald Wüste“

Jan Grossarth hat für die FAZ mit dem Biobauern Benedikt Bösel gesprochen, der in Ostbrandenburg 1100 Hektar Acker- und Grünland bewirtschaftet. In dem Interview, das am 14.7.2018 in der Online-Ausgabe erschien, fragt er nach den Ernteverlusten durch die anhaltende Trockenheit.

Der erste Regen seit 9 Wochen käme zu spät, erklärt Bösel, „Wir haben 40 Prozent weniger Dinkel und 35 Prozent weniger Roggen und Wintergerste“. Längere Trockenperioden kämen heute häufiger vor als früher, die Verteilung der Niederschläge habe sich geändert. Nach langer Trockenheit regne es dann so viel, dass der Boden das Wasser nicht aufnehmen kann.

Das liege aber auch an den Böden, so Bösel weiter. „Viele Jahrzehnte wurden sie extrem intensiv bewirtschaftet. Kurzfristig höhere Erträge wurden so mit einem Verlust an Bodenleben erkauft. Es gibt weniger Mikroorganismen, Würmer, Wurzeln, die Böden versanden. Sie halten weniger Wasser. Wenn wir unsere Landwirtschaft nicht ändern, ist hier in 15 Jahren Wüste.“

Lesen Sie das komplette Interview hier.

Foto: Flickr (CC BY-ND 2.0)

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Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie

Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie

Der Artikel „Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als die Ölindustrie“ Silvia Liebrich erschien am 18. Juli 2018 in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Liebrich nimmt darin Bezug auf eine neue Studie „Emissions impossible: How big meat and dairy are heating up the planet“ des IATP und Grain.

Zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die fünf weltgrößten Fleisch- und Molkereikonzerne für mehr Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind als die großen Ölkonzerne. Sie schaden dem Klima damit deutlich mehr als bislang angenommen. Ein Großteil der Unternehmen setzt in seinen CO₂-Bilanzen viel zu niedrige Werte an. Um den globalen Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen, müsste der jährliche Fleischkonsum bis 2030 auf 22 Kilo pro Person sinken.

Die Länder hatten sich vor drei Jahren beim Klimagipfel in Paris auf die Reduzierung der Emissionen im Nahrungssektor geeinigt. „Genaue Ziele und verpflichtende Vorgaben für Unternehmen und Landwirtschaft gibt es aber bis heute nicht. In der Realität stehen die Wachstumsziele vieler Firmen in krassem Widerspruch zu den Klimaschutzzielen,“ so Liebrich.

Lesen Sie den kompletten Artikel hier.

Foto: Matthias Ripp / Flickr (CC BY 2.0)

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„Wollen Sie in einer essbaren Stadt leben?“ Food Revolution 5.0

„Wollen Sie in einer essbaren Stadt leben?“ Food Revolution 5.0

Im Rahmen der Ausstellung „Food Revolution 5.0“ fand im Kunstgewerbemuseum in Berlin unter der Moderation von IWE-Sprecher Wilfried Bommert ein Fishbowl-Talk zum Thema „Essbare Stadt“ statt. Als Expertinnen eingeladen waren dazu Svenja Nette von den Prinzessinnengärten, Kai Gildhorn von Mundraub, Bernhard Watzl vom ernährungswissenschaftlichen Max Rubner-Institut in Karlsruhe, die Landschaftsarchitektin Katrin Bohn, Hendrik Monsees vom Leibniz-Institut für Binnenfischerei und Gewässerökologie sowie Volkmar Keuter vom Fraunhofer-Institut UMSICHT.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Leila Kemmer war bei dem Gespräch dabei und hat dazu einen Artikel im Blog der Staatlichen Museen zu Berlin „Museum and the City“ veröffentlicht. Ihren Beitrag können Sie hier lesen.

Foto: Marco Clausen, Prinzessinnengarten / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

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Kommunen auf dem Weg zur Pestizidfreiheit

Kommunen auf dem Weg zur Pestizidfreiheit

Über 200 Städte in Deutschland haben sich mittlerweile entschieden, zunehmend auf Glyphosat und andere Pestizide zu verzichten. Dazu zählt auch die bayerische Stadt Dachau. Die Kommune hatte im vergangenen Jahr einen Stadtratsbeschluss gefasst, wonach Landwirte auf städtischen Pachtflächen auf Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat und auf Neonikotinoide, eine Gruppe hochwirksamer Insektizide, verzichten zu müssen. Dies gilt jedoch nur für Neuverpachtungen. Bestehende Pachtverträge sind von dem Stadtratsbeschluss nicht betroffen. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium Florian Pronold hat die Stadt besucht.

„Die weitgehend pestizidfreie Kommune ist möglich. Dies setzt ein verändertes Denken hinsichtlich des Schönheitsideals einer Stadt, die Bereitschaft zu Verhaltensänderungen und politischen Veränderungswillen voraus. Dachau ist dafür ein gutes Beispiel,“ so Florian Pronold.

Pflanzenschutzmittel werden neben der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau auch auf öffentlichen Flächen der Kommunen eingesetzt. Der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann und die Mitarbeiter der Abteilung Stadtgrün und Umwelt informierten Pronold anlässlich einer Ortsbegehung über die verschiedenen Möglichkeiten einer pestizidfreien Bewirtschaftung der städtischen Grünflächen. Die Stadt ist schon seit den 80er-Jahren aktiv dabei, auf bestimmten Flächen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu vermeiden bzw. zu minimieren. So werden störende Pflanzen zum Beispiel auf Gehwegen oder öffentlichen Eingangsbereichen abgeflammt, mechanisch oder mit Kehrmaschinen beseitigt. Des Weiteren hat die Stadt Ackerflächen, die sie 2014 erworben hat, an einen Biobauern verpachtet.

„Das Verbot von Glyphosat auf städtischen Flächen ist ein erster Schritt hin zu einer umweltfreundlichen Bewirtschaftung,“ sagte Oberbürgermeister Hartmann. „Andere Kommunen, so zum Bespiel jüngst auch der Landkreis Dachau, ziehen nun mit ähnlichen Beschlüssen nach. Zum Erhalt der Artenvielfalt in Flora und Fauna in Deutschland sind aber bundesweite gesetzliche Regelungen notwendig.“

Pronold erklärte, das Bundesumweltministerium setze sich für einen grundsätzlichen Ausstieg aus Glyphosat bis zum Ende dieser Legislaturperiode ein. „Daher sind uns die Erfahrungen der Landwirte und Kommunen, die sie beim Vermeiden von Pestiziden machen sehr wichtig. Denn letztlich dürfen wir nicht bei Glyphosat stehenbleiben, wenn wir eine insgesamt umwelt- und naturverträglichen Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln erreichen wollen.“

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln trägt wesentlich zum Verlust der biologischen Vielfalt bei – durch die unmittelbare Schädigung von
Wildpflanzen und –tieren einerseits, durch die Schädigung der Nahrungsnetze und den Entzug der Nahrungsgrundlage von Wildtieren
andererseits. Zudem beeinträchtigt ein übermäßiger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auch die Qualität von Böden und Gewässern. All diese Beeinträchtigungen wirken sich auch auf die Lebensgrundlagen des Menschen aus. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Anwendung von
Pflanzenschutzmitteln und ihre Auswirkungen auf den Naturhaushalt soweit wie möglich zu reduzieren.

Quelle: Pressemitteilung BMU, 9. Juli 2018

Foto: „Kreuzungen“, Thomas Schlosser/Flickr (CC BY 2.0)

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